12.05.2018

Zahngold

Ein Instrumentenkoffer für mehrere Tausend Euro, Gips und Wachs auf eigene Rechnung. Kaum ein Studium ist so teuer wie Zahnmedizin. Können sich das nur Kinder reicher Eltern leisten?
Drei Versuche hatte Jessica hinter sich, als sie verzweifelte. Dreimal hatte sie den Backenzahn aus Kunststoff in die Schiene gesteckt, einen links daneben, einen rechts. Dreimal hatte sie sich bemüht, ihn so anzuschleifen, dass die Nachbarzähne nicht getroffen werden. Dreimal war es ihr nicht gelungen. Der Kommentar des Assistenzarztes, der den Kurs "Phantom 3" leitete, fiel knapp aus: "Noch mal, bitte."
Nur leider war Jessicas Klippbeutel mit den Zähnen da schon leer. Mehr Vorrat hatte sie nicht gekauft, nicht kaufen können. Das war der Moment, als die Tränen flossen. Übungszähne kosten rund zwei Euro pro Stück. Allerdings kann man sie nur ein einziges Mal benutzen – einmal mit dem Schleifer abgerutscht, sind sie wertlose Klumpen Plastik. Der Monat war fast zu Ende, das Konto leer, in Jessicas Geldbeutel waren noch fünf Euro. Sie fragte einen Kommilitonen, in dessen Klippbeutel noch Zähne lagen. "Ich gebe dir das Geld später", versprach sie hastig. "Brauchst du nicht. Schenk ich dir", sagte der Mitstudent – und rettete Jessica den Kurs. Denn ohne einen akkurat geschliffenen Backenzahn hätte sie nicht bestanden.
Jessica, 27, studiert Zahnmedizin an der renommierten Ludwig-Maximilians-Universität München. In den elf Semestern, die hinter ihr liegen, gab es viele Situationen, in denen die junge Frau das Geld regelrecht durchrauschen spürte. Weil ihre Not zwar verständlich, aber für Jessica trotzdem sehr unangenehm ist, möchte sie nicht mit ihrem echten Namen im UNI SPIEGEL auftreten.
Es ging schon los, da hatte Jessica noch gar keinen Fuß über die Schwelle ihrer zukünftigen Universität gesetzt. Denn bereits Erstsemester benötigen einen sogenannten Vorklinikkoffer mit Bohrern, Polierern, Fräsen, Pinzetten, Mundspiegel und jeder Menge anderer Instrumente. 1500 Euro sollte Jessica dafür auf den Tisch legen. Da jede Hochschule selbst bestimmt, was die Koffer beinhalten sollen, müssen Studierende dafür manchmal auch das Doppelte ausgeben.
Den ganzen Sommer über jobbte Jessica als Aushilfe im Büro, um das Geld aufzutreiben – und erfuhr in der ersten Uniwoche, dass sie auch noch einen sogenannten Artikulator für rund tausend Euro brauchen würde, ein Gerät, das Kieferbewegungen simuliert. Eine Katastrophe.
Sie erinnert sich zudem an diesen Nachmittag, als sie innerhalb weniger Stunden Abdruckmittel im Wert von 50 Euro verbrauchte. Oder als sie im sechsten Semester bei einer Nachbesprechung mit den Dozenten erfuhr, dass sie einen Kurs wiederholen musste – und vor ihrem inneren Auge sofort die Summe auftauchte, die sie dieses zusätzliche Semester kosten würde: 7200 Euro. "Ich war fix und fertig. Wo soll man in so kurzer Zeit immer so viel Geld hernehmen?", fragt sie.
Zahnmedizin ist eines der teuersten Fächer, die man an deutschen Universitäten studieren kann. Tausende Euro müssen angehende Zahnärzte im Laufe ihres Studiums in Material investieren, in Bohrer und Mundspiegel, Hammer, Skalpelle und Pinzetten, Zangen in verschiedenen Größen, Amalgampistolen, Anmischspatel, Modellierwachs, Zement und vieles mehr. Im Durchschnitt geben Studierende der Zahnmedizin monatlich mit 39 Euro fast doppelt so viel für Lehrmaterialien aus wie die übrigen Studierenden in Deutschland. Das zeigen die Zahlen des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung.
Die Wissenschaftler aus Hannover befragen regelmäßig für die Sozialerhebung der Studentenwerke Deutschlands Studenten, zuletzt 2016. Für den UNI SPIEGEL haben sie die Untersuchung noch einmal gesondert für die Zahnmediziner ausgewertet.
Das Ergebnis zeigt nicht nur, wie teuer das Fach ist, sondern auch, wie exklusiv. 53 Prozent aller Studierenden in Deutschland stammen aus Familien mit mindestens einem akademischen Elternteil. Unter den Zahnmedizinern sind es 74 Prozent, bei denen mindestens ein Elternteil ebenfalls bereits ein Hochschulstudium abgeschlossen hat. Das Fach ist ein Musterbeispiel für ein Reiche-Leute-Studium.
Nun könnte man sagen, dass es nur gerecht sei, wenn die Studierenden einen Teil des Materials bezahlen. Man kann aber auch fragen: Sind es vielleicht gerade die hohen Kosten, die Abiturienten aus weniger gut situierten Familien davon abhalten, sich für Zahnmedizin zu entscheiden? Sind sie eine Barriere, die das Studium ungerecht macht?
Als Jessica in der Schule über den Beruf Zahnärztin nachdachte, riet ihr eine ältere Freundin direkt ab: "Das brauchst du eigentlich gar nicht anzufangen, wenn du nicht zwei Millionen auf der hohen Kante hast."
Jessica gehört zu den wenigen angehenden Zahnmedizinern, die nicht mindestens aus der gehobenen Mittelschicht stammen. Ihre Mutter ist Krankenpflegerin, die Jessica und ihre Schwester allein großgezogen hat. Den Lohn stockte sie mit Hartz IV auf.
Aus Angst vor den Kosten schrieb Jessica sich nach dem Abitur erst für ein anderes Fach ein – mit der Folge, dass sie seit dem Wechsel inzwischen kein BAföG mehr erhält. Also jobbt sie in einer Zahnarztpraxis und hat einen Studienkredit aufgenommen, rund 40000 Euro, die ihr in monatlichen Raten ausgezahlt werden. Und sie spart, wo immer sie kann. "Das ist vielleicht das Schwierigste", sagt Jessica, "wenn die Kommilitonen in ihren 600-Euro-Jacken herumlaufen und ich selbst mir nur H&M leisten kann." Mit der Zeit sei sie kreativ im Erfinden von Ausreden geworden. Ist am Samstag eine Party, die mit Eintritt und den hohen Münchner Getränkepreisen ein tiefes Loch in ihren Geldbeutel reißen würde, muss sie eben am Sonntagmorgen Papierkram erledigen: Sorry, Leute, kann nicht.
Die horrenden Studienkosten sind für Zahnmediziner immer wieder ein Knackpunkt. An der Berliner Charité eskalierte der Streit vor knapp zwei Jahren. Einige Studenten schrieben einen Brandbrief, der in der Presse landete und in dem sie sich unter anderem über die stark gestiegenen Kosten beklagten. Ein gut 500 Euro teures Handstück für den Bohrer, das die Charité früher stellte, müssen die Studenten seit 2015 im dritten Semester selbst anschaffen – weil die Handstücke der Uni schnell verschlissen oder sogar geklaut wurden, wie die Hochschule sagt. Auch Silikone und Plastikzähne werden nicht mehr gestellt. Die Materialliste für den technisch-propädeutischen Kurs passte im Sommersemester 2012 noch auf eine DIN-A4-Seite. 2016 waren es nach Angaben der Studierenden schon Materialien auf vier Seiten, die die Studierenden aus eigener Tasche zahlen mussten, teils mit detaillierten Herstellervorgaben. Die Charité widerspricht diesem Eindruck: Neu hinzugekommen sei nur ein Instrument. In Einzelfällen konnte die Fachschaft den Preis immerhin herunterhandeln: Die Schieblehre, ein spezielles Millimetermaß, das ursprünglich auf der Liste stand, hätte etwa 200 Euro gekostet. Jetzt dürfen die Studierenden ein günstigeres Modell für 65 Euro nehmen. "Trotzdem kostet der ganze Koffer selbst gebraucht oft noch 3000 Euro", klagt eine Studentin, die ebenfalls anonym bleiben möchte. "Und man muss ihn voll ausgestattet zum ersten Semester vorweisen. Vor einigen Jahren konnte man die Instrumente noch nach und nach kaufen und hatte die Kosten deswegen nicht auf einen Schlag."
Einmal landete der Kampf gegen diese Unsummen sogar vor Gericht. Der Fall liegt mehr als 20 Jahre zurück – und ging nicht gut für die Studierenden aus. 1990 empörte sich ein Student in Tübingen so sehr über die gut 6000 Mark, die er für Instrumente und Material ausgeben musste, dass er sich einen Anwalt nahm und der Universität die Kosten in Rechnung stellte. Die weigerte sich. Der Student klagte und bekam zunächst sogar recht: Das Verwaltungsgericht Sigmaringen entschied, dass die Universität dem Studenten die Ausgaben erstatten müsse. Doch Jahre später befand ein Gericht erneut. Der junge Mann hatte da sein Studium bereits beendet. Am 23. Oktober 1996 befand das Bundesverwaltungsgericht: Zahnmedizinstudierende haben keinen Anspruch darauf, dass die Universität ihnen das Material stellt. Dieses Urteil gilt bis heute.
Bemerkenswert ist dabei eine Passage der Entscheidung: Die Richter überlegten, ob es bei diesen hohen Kosten nicht "ein um ein finanzielles Ausbildungsförderungssystem ergänztes Ausbildungsangebot" in der Zahnmedizin brauche, "welches allen dazu Befähigten ein Studium ermöglicht und eine Sonderung der Studierenden nach den Besitzverhältnissen der Eltern verhindert". Brauchten Zahnmediziner also eine Art Extra-BAföG? Aber da der Tübinger Student inzwischen seinen Abschluss gemacht hatte und das Studium offenbar nicht aus Geldgründen abbrechen musste, habe es für die Richter keinen Anlass gegeben, "sich mit der Frage näher zu befassen".
Ein weiteres Problem sind die großen Unterschiede zwischen einzelnen Hochschulen. Die Kosten variieren von Uni zu Uni stark, manche stellen ihren Studierenden sogar einen Teil der Geräte zur Verfügung. Doch weil die Studienplätze in der Zahnmedizin zu einem großen Teil zentral vergeben werden, haben Bewerberinnen und Bewerber wenig Einfluss darauf, wie günstig oder teuer sie davonkommen. "Was man aufbringen muss, liegt je nach Standort zwischen 3000 und 10000 Euro", sagt Lotta Westphal, 25, die an der Uni Witten/Herdecke studiert und sich im Vorstand des Bundesverbands der Zahnmedizinstudenten in Deutschland engagiert.
Es hängt etwa davon ab, wie viel Geld das jeweilige Bundesland für das Zahnmedizinstudium zur Verfügung stellt – aber auch vom Engagement vor Ort. Die Fachschaft an der Uni Münster zum Beispiel hat mit Geld vom Land Lupenbrillen angeschafft, die Studierende für ihre Kurse ausleihen können. In Freiburg stellt die Fachschaft seit dem vergangenen Wintersemester einen Vorklinikkoffer – im Wert von 515 Euro. Und andernorts versuchen Studentenvertreter günstige Sammelbestellungen zu organisieren: Die Fachschaft der Uni München kauft etwa Semester für Semester an die 6000 Kunststoffzähne ein – mit dem Hersteller konnte man einen günstigen Rabatt aushandeln.
Studentenvertreterin Lotta Westphal ist trotzdem skeptisch. Sie glaubt, dass die Firmen inzwischen verstärkt auf die Ausstattung von Studenten setzen – und von deren Spardruck profitieren wollen: Seit 2016 gibt es das Antikorruptionsgesetz für Ärzte, das verdächtige Rabatte und Zuwendungen aus der Pharmaindustrie unter Strafe stellt. Studenten fallen nicht darunter – sie können also von den Herstellern ohne Konsequenzen umworben werden. "Sie bekommen oft extreme Vergünstigungen", sagt Westphal und vermutet dahinter Kalkül: Wer sich im Studium an die Produkte einer Firma gewöhnt hat, bleibt ihnen hoffentlich später auch als Zahnarzt treu.
Von Bernd Kramer

UniSPIEGEL 3/2018
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