12.05.2018

Wo geht's denn hier nach Europa?

Der französische Präsident Emmanuel Macron wirbt für seine Idee einer europäischen Universität. Ein Institut in Nizza könnte dafür Modell stehen – obwohl oder gerade weil hier viele Nichteuropäer studieren.
Alte Häuser, alte Fabriken, alte Leute: Für Hadeel war Europa ein abgelebter Kontinent, die Vergangenheit. Die Zukunft lag für die Palästinenserin in China, in südamerikanischen Megacitys, im Silicon Valley, bei Firmen wie Uber oder WhatsApp. Und doch entschied sie sich Hals über Kopf, ins vergleichsweise kleinstädtische Nizza zu ziehen und dort ein Masterstudium zu beginnen – in Europastudien.
Kaum angekommen, legte die Muslimin ihr Kopftuch ab, das sie 13 Jahre lang getragen hatte. "Es begann eine neue Ära für mich", sagt sie. Hadeel studiert am Centre International de Formation Européenne (Cife), dem Europa-Institut. Das Besondere: Rund die Hälfte der Studierenden kommt nicht aus Europa – anders als an den europäischen Instituten, aus denen die Brüsseler Elite ihren Nachwuchs rekrutiert.
Wenn es nach dem Willen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron geht, soll es künftig mehr dieser europäischen Institute geben. In seiner Sorbonne-Rede im Herbst forderte Macron, 20 neue europäische Universitäten zu schaffen, deren Studierende zweisprachig lernen und Semester im Ausland verbringen. Seitdem warten die Hochschulen auf ein Zeichen, wer denn nun diese Adelung erhalten könnte – und wo eventuell eine neue Uni gegründet wird. Laut EU-Kommission wird erst in diesem Herbst eine Pilot-Hochschule benannt, die Modell stehen soll für weitere Studiengänge in ganz Europa.
Zwei Europa-Unis sind bislang besonders bekannt: das Europa-Kolleg in Brügge und das Europäische Hochschulinstitut in Florenz. Das eine bildet die Brüsseler Beamten aus, das andere vor allem Wissenschaftler. Die meisten Studierenden sind Europäer. Das 60 Jahre alte Cife in Nizza ist anders: Studierende und Dozenten reisen ein Jahr lang gemeinsam durch Europa und angrenzende Mittelmeerländer, ein fliegender Seminarraum. Viele nichteuropäische Studierende schreiben sich ein. Sie lernen praktische Fähigkeiten, sogenannte Soft Skills: mit anderen Kulturen klarkommen, in diplomatischen Kreisen den richtigen Ton treffen, verstehen, wie unterschiedlich benachbarte Völker ticken können. Hadeel studiert ein Trimester ihrer "Euro-mediterranen Studien" auf der anderen Seite des Mittelmeers in der tunesischen Hauptstadt Tunis, ein Trimester in Nizza und eins in Rom, mit einem Workshop in Istanbul.
Daher begegnet die 31-Jährige vielen Menschen, die nicht per se überzeugte Europäer sind – so wenig wie Hadeel eine war. Wie viele Frauen in Südfrankreich trägt sie eine übergroße Sonnenbrille und ein sorgfältiges Make-up. Sie war Trainee bei Al Jazeera, einem der populärsten TV-Sender in Palästina. Sie googelte, welche Uni die Top-Adresse für Public Relations ist, und bewarb sich erfolgreich an der Syracuse University im US-Bundesstaat New York. Und schließlich bei der Weltbank, weil das die wichtigste internationale Organisation sei. "Ich habe immer versucht, bei den Besten zu arbeiten", sagt sie. Europa spielte bei all diesen Etappen kaum eine Rolle, nur in wenigen Sendungen bei Al Jazeera, nur selten bei den amerikanischen Vorlesungen und nur am Rande bei der Weltbank.


Wer als Europäer mit Studierenden aus der Ferne spricht, ist überrascht, wie unwichtig Europa an den Unis der Welt ist. Jasmin dachte bei "Europa" an Paris mit dem Eiffelturm, aber ansonsten schien ihr die Welt von den USA geprägt. Die Philippinerin kam im Alter von acht Jahren nach Kalifornien, sie spricht mit breitem amerikanischem Akzent. Ihr Vater arbeitet sieben Tage in der Woche als Koch in einem philippinischen Restaurant. Sie war hin- und hergerissen zwischen beiden Kulturen. Aber auch über den Rest der Welt, fand sie, erfahre sie bei ihren Eltern im Restaurant und im Politikstudium in San Francisco nur wenig. Zu wenig. Europa war für sie wie ein barockes Gemälde, ein fremder, luxuriöser Touristenort. Heute fasziniert sie der alte Kontinent. Jasmin mag die Idee, eine politische Einheit aufzubauen. "Ihr könntet mit euren vielen starken Staaten viel mehr machen." Daran möchte sie arbeiten, deshalb hat sie sich am Cife für Europäische Integration und globale Studien entschieden, einen Master mit Stationen in Berlin, Rom und Nizza.
In einem typischen Cife-Kurs mit 30 Studierenden sind mehr als 20 Nationalitäten vertreten. Das führt zu heftigen Diskussionen. Bei einer Veranstaltung zum Thema Frauenrechte hatte die Dozentin Pinar Selek alle Hände voll zu tun, die Gemüter zu beruhigen. Selek ist in der Türkei eine bekannte Autorin, Feministin und Oppositionelle, gegen die der türkische Staat einen Prozess führt, der allen rechtsstaatlichen Regeln widerspricht. Im Seminar diskutierte sie über das Kopftuch und darüber, ob Frauen leicht bekleidet auf die Straße gehen sollten, ob Männer und Frauen gleichberechtigt geboren werden und ob eine Frauenquote gut sein könnte. Genau diese Konflikte seien es, die das Lehren am Institut so reizvoll machten, sagt Selek: "Hier können wir Studierende erreichen, die noch nicht von europäischen Werten wie der Gleichwertigkeit der Geschlechter überzeugt sind."
Der Belgier Eric ist wohl der Prototyp eines Studenten, wie es ihn häufiger mal an europäischen Fakultäten gibt: idealistisch, aus bürgerlichem Elternhaus, in Brügge und damit nicht weit vom europäischen Zentrum Brüssel geboren, in der Jugend aktiv bei den Pfadfindern, ein echter Fan Europas. Zum Treffen hat er belgisches Bier mitgebracht. Das Berlin-Trimester hat dem 25-Jährigen mit dem jungenhaften Gesicht besonders gefallen. Dort wohnten die Studierenden alle im selben Haus, in einer Art Riesen-WG. Eric schwärmt von den Diskussionen über Kolonialismus mit den afrikanischen Kommilitonen, nachts um eins am Küchentisch. "Das war der Hammer." Es gebe nicht eine Wahrheit, sondern viele, und die europäischen Staaten müssten aufpassen, nicht als Besserwisser durch die Welt zu laufen. Er lerne hier, wie er später auf andere zugehen könne. Eric möchte, wenig überraschend, Diplomat werden.
Ob diese großen Bögen zwischen Europa, der Türkei und den nordafrikanischen Staaten künftig im europäischen Hochschulprogramm eine größere Rolle spielen sollen, will die Brüsseler Kommission bisher nicht sagen. Ein Sprecher bleibt vage: "Internationale Studierende bringen frische Perspektiven an unsere Hochschulen."
Tobias Bütow, der von Nizza aus die Mittelmeer-Programme des Cife leitet, formuliert es konkreter: "Wenn wir Journalisten, Übersetzer, Diplomaten und NGOler ausbilden wollen, dann reicht der nationale oder rein europäische Hintergrund nicht aus." Deshalb sei es gut, den Studierenden einen "interkulturellen Schock" zu versetzen. "Bevor wir nach Tunis reisen, debattieren wir: Was heißt es, in einer jungen Demokratie wie Tunesien zu studieren? Wie leben tunesische Frauen?" Ebenso wichtig seien die vermeintlich simplen, lebenspraktischen Fragen: Kann ich abends ein Glas Wein trinken? Wie ziehe ich mich an? Oder auch: Kann ich einen israelischen Gesandten neben einen palästinensischen setzen?
Politikwissenschaftler Bütow hat außergewöhnliche Vorschläge: Er setzt sich für einen europaweiten Soli mit den Mittelmeerländern ein und möchte Austauschprogramme, wie es sie zwischen Deutschland und Frankreich gibt, auf Länder wie Marokko oder Tunesien ausweiten. "Das sind unsere Nachbarn, und wir brauchen einander mehr denn je. Aber wir kennen uns kaum."
Hechmi ist in der Altstadt von Tunis aufgewachsen, ein zurückhaltender Mensch, der als Kind über das Mittelmeer nach Europa blickte und sich dorthin, auf den reichen Kontinent, wünschte. "Es gibt riesige Missverständnisse", sagt er. In der arabischen Welt sei Europa noch immer der Imperialist. Und Europäer sähen in Tunesien vor allem Aufstände, Probleme, verschleierte Frauen.
Sein Vater war in der tunesischen Opposition und musste nach Frankreich fliehen, Hechmi blieb mit seiner Mutter in Tunis. Sie bauten eine Wohnung auf dem Dach des Hauses der Großeltern, an heißen Sommertagen schliefen sie auf der Terrasse. Nach dem Arabischen Frühling studierte Hechmi in Frankreich, sein Vater kehrte in die Heimat zurück. Für Hechmi brachte der Wechsel viel Positives: In der tunesischen Uni habe er sich gelangweilt, die Noten seien nicht so gut gewesen. Dann habe er sich bei Aiesec engagiert, einer internationalen Studienorganisation, die vor allem Wirtschaftswissenschaftler für Führungsposten ausbildet. "Das war fantastisch." Da habe er sich geschworen, nicht in einem langweiligen Büro zu versauern, sondern dort zu arbeiten, wo es wimmelt von Menschen aus aller Welt.
Ob das in Europa sein wird? Frühere Cife-Absolventen haben unterschiedlichste Wege eingeschlagen: Einer wurde von Ban Ki Moon zum Jugendgesandten der Vereinten Nationen ernannt. Andere arbeiten bei NGOs, der Europäischen Kommission oder der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit. Die Palästinenserin Hadeel will nichts von alldem. Ihr Ziel sind Global Player wie Facebook, Google oder die Weltbank. Gern auch in Europa.
Von Annika Joeres - Fotos: Rebecca Marshall

UniSPIEGEL 3/2018
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