12.05.2018

Vincent hat Angst

Homosexuelle führen in Tansania ein Leben im Verborgenen. Wer entdeckt wird, landet oft im Gefängnis. Wie hält man das aus?
Barfuß stand Vincent auf dem blanken Betonboden einer Gefängniszelle, bekleidet nur mit einem dünnen Höschen und einem Unterhemd, die nackten Schultern berührten die modrig-feuchte Rückwand. Vor Angst wie gelähmt, den Brustkorb von Anspannung zusammengepresst, sodass der Atem nur stoßweise herauspfeift.
Wäre Vincent Deutscher, würde er sagen: "Ich stand mit dem Rücken zur Wand." Man benutzt diese Redewendung, um auszudrücken, dass sich jemand in einer schlimmen, ausweglosen Lage befindet.
Vincent hat keine Ahnung von deutschen Redewendungen. Doch er weiß sehr gut, was es bedeutet, mit dem Rücken zur Wand zu stehen, metaphorisch und auch wirklich. Wie es ist, keine Wahl, trotzdem aber eine Menge zu verlieren zu haben: Stolz, körperliche Unversehrtheit und natürlich die Würde.
Vincent lebt in Tansania. Und dort ist das, was er getan hat, in den Augen von immer mehr Menschen ein Verbrechen. Vincent ist schwul. Und, schlimmer noch, er ist ein Schwulen-Aktivist. "Die Leute glauben, ich verbreite Homosexualität", sagt Vincent und lacht bitter. "Als könnte man Schwulsein predigen wie eine Religion."
Im vergangenen Herbst war der 27-Jährige mit einem weiteren Aktivisten in den Süden des Landes gereist, in eine dünn besiedelte, konservativ-traditionelle Gegend an der Grenze zu Mosambik. Dort hielten sie einen dreitägigen Workshop, Thema: die Rechte von Homosexuellen. Gesponsert wurde das Seminar von einer dänischen NGO. Die Referenten und ihre 15 Teilnehmer waren gerade bei der Teepause, als sie kamen: vier Polizeiwagen voll aggressiver, kräftiger Männer. Mit Maschinengewehren und Schlagstöcken stürmten sie das Gebäude und nahmen jeden fest, der nicht schnell genug weglaufen konnte.
Nach stundenlangen Verhören auf der Wache, – "wir haben die Gewehrkolben gut kennengelernt" –, durften die Teilnehmer gehen. Vincent und sein Kollege aber wurden in die Betonzelle gesperrt, mit 22 anderen Männern. "Wisst ihr, warum die hier sind?", rief der Wärter den Insassen zu. "Weil das Schwuchteln sind." Was dann passierte, darüber macht Vincent nur Andeutungen. "Wir haben uns mit dem Rücken an die Wand gedrückt und gebetet. Genützt hat es nicht viel."
Nach sechs Tagen wurden die beiden entlassen. Die dänische Organisation hatte eine hohe Geldsumme als Kaution hinterlegt, erzählt Vincent. Nun wartet er auf den Prozess.
Gleichgeschlechtliche Liebe ist in Tansania seit je verboten. Wer erwischt wird, riskiert eine lebenslange Haftstrafe, zumindest steht es so im Gesetz. "In der Vergangenheit hat das die Regierungen nicht besonders interessiert", sagt Vincent. "Die hatten viel drängendere Probleme: Korruption, Gewalt und natürlich Aids." Nachdem aber im Herbst 2015 der neue Präsident John Pombe Magufuli gewählt worden ist, habe sich der Wind gedreht. Nicht dass die Probleme mit Korruption, Gewalt und Aids gelöst wären. Aber die Ablehnung gegen alles, was vermeintlich nicht der Norm entspricht, wächst. Besonders hart trifft es Mitglieder der LGBT Community: Homosexuelle, Trans- und Intersexuelle.
Wenn Vincent auf die Straße geht, hasten seine Blicke hektisch hin und her. Hat da einer komisch geguckt? Ist die Stimmung angespannt? Mit öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem den chaotischen Minibussen namens "Dala Dala", die die Straßen von Daressalam verstopfen, fährt Vincent nicht mehr. Er fühlt er sich beobachtet. Seine Kumpels berichten regelmäßig, wie sie angepöbelt und bespuckt wurden, weil sie sich in den Augen anderer "feminin" Verhalten.
Es sei sogar schlimmer als in seiner Jugend in einem Dorf am Rande des Kilimandscharo, sagt Vincent. Er, das Einzelkind und Zentrum des elterlichen Stolzes, merkte schon früh, dass er anders war als seine Kumpels. Er fand Mädchen ganz okay, fühlte sich aber nie zu einem hingezogen. Dass das nichts Schlimmes ist, das wusste Vincent nicht. "Ich kannte ja keine Schwulen", sagt er. "Ich dachte, ich bin der Einzige auf der Welt, dem es so geht."
Damit seine Eltern, besonders der strenge Vater, nichts mitbekamen, brachte Vincent sogar einmal ein Mädchen mit nach Hause. "Ich wusste mir nicht anders zu helfen."
Erst am College, in der quirligen Metropole Daressalam, verstand er. In einer Warteschlange vor dem Studierendensekretariat traf er einen offen schwul lebenden Studenten. Die beiden freundeten sich an, der andere führte Vincent in die homosexuelle Szene der Stadt ein. "Verglichen mit heute war das geradezu paradiesisch", sagt Vincent. "Solange wir nicht auf offener Straße rumgemacht haben, hat sich niemand für uns interessiert." Heute gingen viele überhaupt nicht mehr aus dem Haus, aus Angst, festgenommen zu werden. "Ich kenne Leute, die schicken Freunde zum Einkaufen, weil sie sich nicht mehr trauen", sagt Vincent.
Ständig lasse sich die Regierung etwas Neues einfallen, um Homo- und Transsexuelle zu schikanieren. Um Sex unter Männern zu stoppen, verbot sie 2016 kurzerhand Gleitmittel. "Das hat nur dazu geführt, dass wir das Zeug jetzt auf dem Schwarzmarkt kaufen müssen – zu horrenden Preisen", klagt Vincent.
Was für Männer gilt, gilt übrigens genauso für Frauen. Sie werden von den Ordnungshütern nicht weniger radikal behandelt. Im Dezember nahm die Polizei eine Tansanierin fest, weil sie eine andere junge Frau auf einer Open-Air-Party leidenschaftlich geküsst haben soll. Ein Video der beiden hatte sich in den sozialen Medien verbreitet, so waren die Behörden auf das Paar aufmerksam geworden.
Er gibt nur wenige Orte, an denen sich Homosexuelle in Daressalam frei bewegen können. Einer ist Vincents Wohnung. Der Aktivist bietet immer wieder verzweifelten Freunden Unterschlupf. Seine Nachbarn sind entweder tolerant oder ignorant genug, um sich nicht daran zu stören.
Seit Kurzem betreibt Vincent außerdem die "Zuberi Bar", sie liegt versteckt in einem Hinterhof, zu erreichen nur über einen schulterbreiten Durchgang zwischen zwei Häusern. Die Bar besteht aus einem Kühlschrank, einer Theke, einem Grill und ein paar Plastikmöbeln. "Kann man alles blitzschnell verschwinden lassen, wenn die Polizei kommt", sagt Vincent und kichert. "Die meisten Polizisten checken das nicht und ziehen wieder ab."
Es ist früher Abend, auf dem Grill schmort Schweinefleisch, grobe Brocken mit Schwarte und Borsten, in Tansania eine seltene Delikatesse mit verruchtem Image, vor allem an der muslimisch geprägten Ostküste. "Wenn schon Sünde, dann richtig", sagt Vincent.
Auf einem roten Plastikstuhl sitzt Marvellous, die Großartige, so nennen sie ihre Freunde, vor sich einen Teller Kochbananen mit Schweinefleisch. Sie hat sichtlich Mühe, mit ihren roten Kunstfingernägeln die Brocken zu greifen. Marvellous' Mutter hatte sich ein Mädchen gewünscht, erzählt sie und saugt Cola durch einen Strohhalm in den grell geschminkten Mund. "Und dann kam ich."
Die Eltern ließen das Baby taufen, auf einen anderen Namen, einen männlichen, gemäß seinem biologischen Geschlecht. "Dabei wollte ich immer ein Mädchen sein – auch wenn mein Körper anders aussah." Heimlich spielte das Kind mit den Puppen der großen Schwestern, schlüpfte in ihre Rüschenkleider, betrachtete sich verzückt im Spiegel.
20 Jahre später hat sie es fast geschafft. Dank einer Hormonbehandlung ist ihr massiver Körper rundlich geworden. Wenn sie genug gespart hat, möchte sie sich operieren lassen. Das Geld bekommt sie von Männern, für Sex. "Einen normalen Job finde ich nicht. Die Leute sind irritiert, wenn sie mich sehen." Sich zu prostituieren finde sie nicht schlimm, betont sie. Im Gegenteil: "Ich bin stolz darauf, dass Männer meinen Körper begehren", sagt Marvellous und klimpert mit ihren künstlichen Wimpern. Nur ohne Gummi, das mache sie nicht mehr. Sie wolle ja niemanden anstecken. "Klar bin ich positiv." Sie lässt die Bemerkung so nebenbei fallen, als wäre es das Normalste von der Welt. "Noch eine Cola, bitte."
4,7 Prozent der tansanischen Bevölkerung tragen das HI-Virus in sich, deutlich mehr Frauen als Männer. Eine Zeit lang sank die Infektionsrate, doch es deutet viel darauf hin, dass sie in naher Zukunft wieder steigen wird. Bis vor einigen Monaten gab es in Daressalam und anderen großen Städten kleine medizinische Zentren, die vor allem HIV-Positive behandelten, Medikamente, aber auch Kondome verteilten. "Das war ein geschützter Raum", sagt Marvellous. Sie selbst besuchte ein Zentrum, das Vincents LGBT-Organisation betrieb.
Als eine der ersten Amtshandlungen ließ der neue Präsident diese Praxen schließen. HIV-Positive müssen sich ihre Medikamente nun in öffentlichen Krankenhäusern abholen. Doch dort erwartet sie Diskriminierung und Stigmatisierung, sie werden oft als Allerletzte aufgerufen, wenn überhaupt. "Die Ärzte und Schwestern behandeln uns wie Scheiße", sagt Marvellous. Einige ihrer Freunde haben deshalb aufgehört, ihre Medikamente zu nehmen. "Sie halten die Demütigungen nicht aus", sagt sie.
Marvellous reist viel in der Welt herum. Als afrikanische Transfrau und Prostituierte ist sie eine gefragte Sprecherin auf Kongressen der LGBT-Szene, bekommt immer wieder Einladungen aus den USA oder Europa. "Am liebsten würde ich einfach dortbleiben", seufzt sie.
Wie Marvellous denkt auch Vincent von Zeit zu Zeit darüber nach, Tansania zu verlassen. Er hat Freunde in Dänemark. So frei zu sein wie sie, das wäre toll. "Aber dann würde ich meine Leute hier im Stich lassen." Es sei ihm wichtig, weiterhin für die Rechte von LGBT zu kämpfen, gerade weil es immer schwieriger werde. "Im Ausland sitzen und zusehen, was hier passiert, das könnte ich nicht."
Andererseits träumt er davon, sich mal wieder richtig zu verlieben, mit Schmetterlingen statt Angst im Bauch. In Tansania sei das nahezu ausgeschlossen. "Es müsste jemand sein, der sehr stark ist. Mein Engagement birgt so viele Gefahren. Das muss man erst mal aushalten", sagt er. "Ich möchte niemandem zumuten, ständig Angst um mich haben zu müssen."
Von Miriam Olbrisch - Illustration: Daniel Stolle

UniSPIEGEL 3/2018
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