14.07.2018

Brauchen wir eine geschlechtergerechte Sprache?

Nein, sagt der Kultursoziologe und Autor Thomas Wagner. Er zweifelt daran, dass Sprachpolitik der richtige Weg zu mehr Gerechtigkeit zwischen Frauen und Männern ist. Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch ist anderer Meinung: Durch die traditionelle Sprache würden Frauen unsichtbar gemacht und Männer als Normalfall dargestellt.
Kontra "Ich wünsche mir eine gerechtere Gesellschaft. Wenn Frauen aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt werden, finde ich das schwierig. Aber ich glaube nicht, dass diese Nachteile wegfallen, nur weil wir eine geschlechtsneutrale Sprache einführen.
Selbst wenn wir Formulare in Behörden anpassen, wenn wir Aushänge umschreiben, bleibt immer noch die Frage, wie sich so ein sprachlicher Wandel der gesamten Gesellschaft vermitteln lässt. Wäre es nicht nur ein symbolischer Akt für ein kleines Milieu, das sich damit wohlfühlt? Und stößt es nicht auf Ablehnung, sodass die Aktion letztendlich kontraproduktiv wirkt?
Eine große Gruppe von Menschen fühlt sich benachteiligt. Ihnen müssen wir helfen: alleinstehende Mütter unterstützen, unser Bildungssystem gerechter gestalten. Das finde ich wichtiger. Erst wenn wir sozialpolitisch einen gewissen Standard erreicht haben, sollten wir uns über die Sprache Gedanken machen.
Die Gefahr, Menschen durch gendergerechte Sprache auszuschließen, besteht aber auch dann weiterhin. Während meiner Arbeit mit geistig behinderten Jugendlichen habe ich das Konzept der leichten Sprache kennengelernt. Die Idee: Wort- und Schriftsprache so zu vereinfachen, dass sie für Personen mit Lernschwierigkeiten zu erfassen ist, aber trotzdem nichts Wesentliches auslässt. Das Problem von sprachpolitischen Varianten – wie dem Binnen-I oder dem Gendersternchen – ist, dass sie keine leichte Sprache mehr sind, sondern superschwer. Wie soll man die Wörter denn aussprechen, wenn man sie liest? Das heißt: Für geistig Behinderte oder Analphabeten sind sie extrem schwierig zu verstehen.
Ich bin nicht generell gegen eine Sprachveränderung. Wir sollten immer versuchen, mit Sprache zu experimentieren, Neues zu entdecken und Bekanntes zu hinterfragen. Aber sobald Sprache angepasst wird, um moralische Vorstellungen durchzusetzen, und alle, die sich dem widersetzen, verurteilt werden, spaltet das die Gesellschaft. Ein Zwang entsteht. Wird dieser Zwang von Behörden übernommen, also institutionalisiert, sehe ich darin ein Problem. Dann geht es nicht mehr um den Inhalt, sondern um bürokratische Vorgaben von oben herab."
Thomas Wagner hat zahlreiche politisch-soziologische Sachbücher verfasst, unter anderem: "Die Angstmacher. 1968 und die Neuen Rechten".

Pro "Gendergerechte Sprache ist eine gesellschaftliche Forderung, mit der man sich auseinandersetzen muss – egal ob man ihr zustimmt oder nicht. Je weiter die Gleichstellung voranschreitet, desto lauter werden auch die Stimmen, die sich eine Änderung der Sprache wünschen. Und das ist berechtigt, wie Studien belegen.
Das sogenannte generische Maskulinum, die männliche Form im Plural wie bei 'die Studenten' oder 'die Beamten', wird meist als ein tatsächliches Maskulinum gelesen, also eben nicht geschlechtsneutral. Man liest es, und vor dem inneren Auge erscheint eine Gruppe Männer. Das zeigen Dutzende wissenschaftliche Experimente. Aus ihnen geht hervor, dass maskuline Formen, selbst mit der generischen Intention, häufiger männlich interpretiert werden. Bis erkannt wird, dass nur oder auch Frauen im entsprechenden Kontext gemeint sind, braucht es Zeit. Ob sich Frauen vom generischen Maskulinum angesprochen fühlen, ist zweitrangig. Tatsache ist, dass sie nicht angesprochen werden.
Wir müssen also unsere Sprache ändern. Wie das gehen soll, darüber müssen wir diskutieren. Am neutralsten ist wohl die Doppelform – also das Ausschreiben beider Geschlechterbezeichnungen, 'Studentinnen und Studenten'. Dass die Texte damit lang werden, ist meiner Meinung nach ein Scheinargument, weil die Form verhältnismäßig selten vorkommt.
Zudem gibt es verschiedene Formen der Verkürzung: Schrägstrich, Binnen-I, Gendersternchen, Gendergap. Das sieht in belletristischen Texten meist unschön aus, das gebe ich zu. Aber auch da lässt sich das Problem relativ einfach mit der Ausschreibung oder einer anderen Wortwahl umgehen.
Die Aufregung bei diesem Thema liegt zum Teil an den Sprachgewohnheiten der Leute. Sie wollen nicht ändern, was sie sich jahrelang angewöhnt haben. Doch Bequemlichkeit ist für mich kein Argument. Schlechte Gewohnheiten müssen wir uns abgewöhnen – so wie Rauchen inzwischen oft verpönt ist und wir gelernt haben, von 'Studierenden' zu sprechen.
Manche akzeptieren diesen Schritt grundsätzlich nicht, halten ihn für ideologisch – das ist ihr gutes Recht. Doch ich bin der Meinung, jeder sollte sich über geschlechtergerechte Sprache Gedanken machen. Was ich ablehne: eine amtliche oder gesetzliche Regelung. Es gibt nicht nur eine richtige Variante. Wir sollten aber unsere Mitmenschen ermutigen, ihre Sprache zu hinterfragen – wie es der Dudenverlag mit einer Auswahl an Möglichkeiten als Empfehlung zum 'richtigen Gendern' getan hat."
Anatol Stefanowitsch ist Professor für Sprachwissenschaft an der Freien Universität Berlin.
Von Aufgezeichnet von Vivien Krüger

UniSPIEGEL 4/2018
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