14.07.2018

Ende einer Exkursion

Drei Filmstudenten werden in Mexiko bestialisch ermordet. Es ist die Geschichte einer tragischen Verwechslung.
Es ist ein sonniger Sonntagmorgen,der 18. März 2018, als sich drei mexikanische Filmstudenten für einen Arbeitsausflug fertig machen. Salomón, Marco und Daniel treffen sich schon früh im Haus von Salomóns Tante Edna in einem gut situierten Viertel von Guadalajara, einer Millionenstadt im Westen des Landes, bekannt für ihren guten Tequila. Die drei jungen Männer, zwei von ihnen 20, einer 25 Jahre alt, wollen für eine Studienarbeit einen Kurzfilm in einem leer stehenden Landhaus vor den Toren Guadalajaras drehen.
Es soll ein entspannter Tag werden, irgendwo zwischen Arbeit und Vergnügen. Sie haben ihre Freundinnen dabei, auch eine Handvoll Kommilitonen der privaten Filmhochschule CAAV hat sich der Gruppe angeschlossen. Die Fahrt ins 20 Kilometer entfernte Tonalá dauert gut eine halbe Stunde. Während die Jungs verschiedene Einstellungen drehen, planschen die Freundinnen im Pool.
Zu diesem Zeitpunkt haben Salomón Aceves Gastélum, Marco Ávalos und Daniel Díaz keine zwei Tage mehr zu leben. Ihr Sonntagsausflug wird sich in einen Horrorfilm verwandeln. Sie werden verwechselt und verschleppt, gefoltert und schließlich getötet. Ein junger Mann ihres Alters wird die drei Leichen in Schwefelsäure auflösen. Sein größter Wunsch ist, Mitglied einer "Narco-Bande" zu werden: eines Verbrecherrings, der ein Vermögen mit dem Handel von Drogen verdient.
Was so unfassbar klingt, kommt in Mexiko immer wieder vor. Mehr als 37000 Menschen gelten nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft im zweitgrößten Land Lateinamerikas als vermisst. Mexiko sei ein Massengrab, sagen Menschenrechtsaktivisten.
Gerade der Bundesstaat Jalisco, dessen Hauptstadt Guadalajara ist, hat sich zu einem Hotspot des Verbrechens entwickelt. Dabei ist Jalisco eine der wohlhabendsten Regionen des Landes, reich an Bodenschätzen, guten staatlichen und privaten Universitäten. Jalisco gilt als das Silicon Valley Mexikos, weil es neben vielen Start-ups unzählige Technologie- und Mechatronik-Studiengänge beheimatet. Die Hochschulen hier unterhalten Austauschprogramme mit Universitäten in ganz Lateinamerika.
Aber von hier stammt auch die als besonders blutrünstig bekannte Mafiabande Kartell Jalisco Nueva Generación. Es ist eine Abspaltung des Sinaloa-Kartells von Joaquín "El Chapo" Guzmán, der seit Januar 2017 in den USA im Gefängnis sitzt.
Seit dem Aufbruch der Filmstudenten in Guadalajara sind 36 Stunden vergangen. Am Dienstag, dem 20. März, klingelt gegen drei Uhr in der Früh das Mobiltelefon von Christian Omar Palma Gutiérrez. Der 23-Jährige hat es als Gangster-Rapper zu lokaler Berühmtheit gebracht. 129000 Anhänger haben seinen YouTube-Kanal abonniert. Was aber nur wenige wissen: "QBA", wie er sich nennt, hat einen gefährlichen Wunsch. Er möchte gern Mitglied eines der Killerkommandos werden, die für Jalisco Nueva Generación arbeiten. "Ich wollte ein Sicario sein", sagt Christian Palma später in seiner Vernehmung. "Sicario" ist das spanische Wort für Killer.
Doch ein Anwärter wie Palma muss erst einmal Mut beweisen, muss für andere die Drecksarbeit erledigen. In diesem Fall bedeutet das: Er soll drei Leichen spurlos verschwinden lassen, er soll sie "durchs Wasser ziehen", wie es der Kontaktmann namens El Cochi in dieser Nacht am Telefon formuliert. Es sind die leblosen Körper von Salomón, Marco und Daniel.
Was zwischen dem Filmdreh der Studenten und diesem Anruf geschehen sein muss, haben Ermittler in Guadalajara anhand zahlreicher Verhöre mühevoll rekonstruiert. Es ist die Geschichte einer tragischen Verwechslung.
Das Haus, in das sich die Filmstudenten zu Dreharbeiten zurückgezogen hatten, war von einer rivalisierenden Bande namens Nueva Plaza besetzt worden, es diente als "casa de seguridad", als Sicherheitshaus und Lager für Waffen und Drogen. Als die Killer vom Kartell Jalisco Nueva Generación die Männer bemerken, glauben sie, die verfeindeten Gauner vor sich zu haben. Sie teilen ihren Vorgesetzten die vermeintliche Entdeckung mit und erhalten umgehend den Befehl: "Schnappt sie euch!" So geht es aus den Ermittlungsakten hervor, die auf Aussagen des Rappers und des Kontaktmanns El Cochi beruhen. Doch vieles bleibt rätselhaft und widersprüchlich, auch nach dem Prozess. Warum wurden nur Salomón, Marco und Daniel verschleppt und nicht ihre Kommilitonen oder ihre Freundinnen?
Sicher ist, dass die drei Studenten am Montagabend auf dem Heimweg nach Guadalajara von El Cochis Schergen gestoppt und in ein anderes Haus in der Nähe gebracht wurden. Was dort passiert, ist bisher nur in Fragmenten bekannt: Salomón, Marco und Daniel werden getrennt, einzeln verhört und gefoltert. Die Totschläger wollen den Aufenthaltsort des gesuchten Anführers von Nueva Plaza wissen. Eines der drei Opfer, Daniel, überlebt die Schläge nicht. Wie die anderen beiden zu Tode kommen, ist unklar.
Anschließend erledigt Rapper QBA den Auftrag seines Vorgesetzten, so wie viele Male zuvor. Er stopft die drei Leichen in große Metallfässer, den Kopf voran. Dann gießt er zwei große Kanister Schwefelsäure über die leblosen Körper und füllt die Fässer mit Wasser auf, deckt sie ab und versiegelt sie. "Es stank nach totem Tier", wird Palma später in der Vernehmung sagen. Für diesen Job, der "Pozolero", Suppenkoch, genannt wird, erhielt er 3000 Pesos pro Woche, umgerechnet 125 Euro. Gewöhnlich kehrt Palma zwei Tage später an den Ort des Schreckens zurück und schaut nach, ob die Leichen völlig zersetzt sind. Aber dieses Mal kommt der 23-Jährige nicht. In den Nachrichten sieht er die Bilder der drei vermissten Studenten, erschrickt und stellt sich. So lautet jedenfalls die offizielle Version.
Als sechs Wochen nach der Tat Stück für Stück das ganze Ausmaß des Verbrechens ans Licht kommt, fasst die leitende Staatsanwältin Lizette Torres den Fall so zusammen: "Die drei Studenten waren zur falschen Zeit am falschen Ort."
Die bestialische Tat belegt, wie die Organisierte Kriminalität in weiten Teilen Mexikos agiert. Und sie zeigt, wie wenig der Staat tut – oder tun kann –, um seine Bürger zu schützen. Der Mord an den jungen Männern macht deutlich, dass es jeden zu jeder Zeit überall treffen kann.
Die Geschichte erinnert an ein anderes Verbrechen, das vor fast vier Jahren das Land und die Weltöffentlichkeit bewegte. 43 Studenten der Landuniversität von Ayotzinapa im südlichen Bundesstaat Guerrero wurden mutmaßlich ebenfalls von einer Mafiabande und ihren Sicherheitsleuten verschleppt. Die jungen Männer sind bis heute verschollen.
Gut zwei Monate nach dem Verschwinden von Salomón, Marco und Daniel sucht ein Filmemacher und Dozent der CAAV-Hochschule am anderen Ende der Telefonleitung nach den richtigen Worten. "Wir alle stehen hier noch unter Schock", sagt der 34-Jährige, der die drei Opfer unterrichtete. "Es waren gute, verschworene und kreative Jungs." Der Dozent will seinen Namen nicht preisgeben, "aus Sicherheitsgründen, aber auch weil wir an der Uni vereinbart haben, dass sich niemand in den Vordergrund drängt". Der Mord, so sagt der Filmemacher, habe die Stadt verändert, das lockere Leben der Studierenden beinahe erstickt. Alle privaten und staatlichen Hochschulen träfen sich und diskutierten über Sicherheitsstandards. "An der CAAV haben viele jetzt Angst, auf die Straße zu gehen." Wer zu Dreharbeiten aufbricht, muss ständig Kontakt zu Dozenten oder Mitstudenten halten.
Zugleich verarbeiten sie ihre Angst künstlerisch. Sie haben ein Aktionskollektiv gegründet, das Livesessions mit Musikern organisiert. Sie haben einen berühmten Kreisverkehr in Guadalajara umbenannt in "Kreisverkehr der Verschwundenen", um auf das Schicksal der drei Studenten und Zigtausender anderer "Desaparecidos" aufmerksam zu machen. "Wir müssen etwas tun, weil die Regierung uns allein lässt", betont der Filmemacher.
Zum Schluss verspricht er, seine Studenten zu fragen, ob einer über seine Ängste sprechen wolle. Zwei Tage später kommt die Absage: "Keiner will reden. Der Schock sitzt noch zu tief. Und die Angst auch."

Mexiko sei ein Massengrab, sagen Aktivisten.

Jeden kann es zu jeder Zeit überall treffen.

Von Klaus Ehringfeld

UniSPIEGEL 4/2018
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