14.07.2018

Eines Nachts

Was passiert in Uni-Städten, wenn es dunkel wird? Felix Bohr bewundert einen Stein, erklimmt märchenhafte Weinberge und knabbert ein geschenktes Grillhähnchen. Eines Nachts in: Kassel.
19.00 Uhr Der Abend beginnt wie im Märchen. Bei strahlendem Sonnenschein steige ich hinauf zu den Weinbergterrassen am Rand des Kasseler Zentrums. Hier treffe ich Britta und Amelie, die mich durch die Nacht begleiten wollen. Erst mal zeigen sie mir aber die sagenhafte Aussicht über das Kasseler Umland, wo die Geschichten der Brüder Grimm spielen, die lange in der Stadt lebten. Von oben lasse ich den Blick ins Grün schweifen, schließe kurz die Augen. Es erscheint der Wald, in dem sich Hänsel und Gretel verirrten, die sieben Berge, hinter denen die sieben Zwerge lebten, Rumpelstilzchen, das Haus Frau Holles – als wäre ich wieder fünf Jahre alt.
19.15 Uhr Dann holt mich Britta zurück in die Realität: "Alle sagen immer, Kassel sei hässlich, aber das ist Quatsch." Sie studiert Soziologie und Kunstwissenschaft, ihre Freundin Amelie macht eine Ausbildung zur Krankenschwester. Beide leben gern hier. Die Mieten sind vergleichsweise günstig, es gibt zahlreiche Parks, Kultur und coole Events. Der einzige Nervfaktor, der ihnen spontan einfällt, sind die vielen Autos und die wenigen Radwege.
20.00 Uhr Wir steigen den Weinberg hinab, flanieren an der Karlsaue vorbei und erklimmen das hoch über der Fulda thronende "Rondell". Früher diente der 1523 gebaute Geschützturm mit seinen zehn Meter dicken Wänden der Verteidigung Kassels, heute beherbergt er einen von Bäumen umgebenen Biergarten. Zwischen Tischen und Bänken gibt es eine Tanzfläche, auf der einige Paare zu Tangomusik schunkeln. Wir bestellen Pommes rot-weiß und Bratwurst. Dazu gibt es Bier, natürlich. Britta erzählt von ihrem Nebenjob: Sie arbeitet als Führungsreferentin im städtischen Museum für Sepulkralkultur, in dem Grabsteine, Trauerkleider und Särge gezeigt werden. Ist das nicht deprimierend? "Nein, das ist ein super Job", sagt Britta. Und wenn das Museum den "Tag der Toten" begehe, sei der Teufel los. Bei dem mexikanischen Volksfest wird in farbenfrohen Kostümen einmal im Jahr feierlich der Verstorbenen gedacht.
22.00 Uhr Wir schlendern durchs Zentrum, wo heute das Altstadtfest stattfindet. Ganz Kassel ist auf den Beinen. Amelie kauft uns eine Tüte getrocknete Mangos als Wegzehrung. Dann erreichen wir den Königsplatz und stehen vor einem Stein des Anstoßes: Seit Monaten sorgt der 16 Meter hohe Obelisk des nigerianisch-amerikanischen Künstlers Olu Oguibe für Diskussionen. Er wurde 2017 zur Documenta aufgestellt, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, die alle fünf Jahre in Kassel stattfindet. Das Monument ist Geflüchteten gewidmet. Darauf prangt das Bibelzitat "Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt". Ein rechter AfD-Lokalpolitiker bezeichnete die Steinsäule in Anlehnung an braun-dumpfen Nazijargon als "entstellte Kunst". Im Gegenzug starteten Kasseler Bürger eine Spendenaktion und sammelten 126000 Euro, damit der Obelisk dauerhaft in der Stadt bleiben kann. "Ich finde, das ist ein gutes Signal", sagt Amelie, "die Stufen davor sind ein beliebter Treffpunkt."
22.30 Uhr Wir fahren talwärts mit der Tram in die Südstadt zum "Kafé Neu". An den weiß getünchten Wänden hängen bunte Bilder, der ganze Laden ist in lilafarbenes Licht getaucht. Wir trinken in Kassel gebrautes Honigbier und lauschen dem Konzert von Kit und Klampfe. Das Musikduo produziert sanfte lateinamerikanische Sounds, die zwar schön klingen, aber auch etwas einschläfernd wirken. Bevor wir einnicken, ziehen wir lieber weiter.
0.00 Uhr: Wer es nicht ruhig, sondern rau mag, der ist nebenan im winzigen "Weinberg-Krug" gut aufgehoben. Im Vorraum kann man die Luft in Scheiben schneiden, es riecht nach Rauch und Schweiß. Im hinteren Teil der Kneipe gibt es eine Minitanzfläche, die ein DJ heute mit dröhnender Rapmusik beschallt, straight outta Kassel. Wir stehen eine Weile an der gut bestückten Bar und trinken Wodka. Langsam bekommen wir Tanzlaune. Also ab in die Tram und zurück ins Zentrum.
1.00 Uhr Wir steigen am Stern aus, einem Kasseler Verkehrsknotenpunkt, und kaufen uns erst mal ein Wegbier. Britta möchte mir noch den zentralen Campus der Uni zeigen, der praktischerweise auf dem Weg zum Klub liegt. Dort setzen wir uns auf die Steinstufen an der Ahne, einem Seitenfluss der Fulda, der sich zwischen den Hochschulgebäuden hindurchschlängelt. Plötzlich taucht ein junger Typ hinter uns auf und fragt: "Darf ich euch ein halbes Hähnchen schenken?" Er arbeite in einer Imbissbude, sagt er, habe gerade Feierabend gemacht und ein Grillhuhn zu viel mitgenommen. Wir sind verdutzt, nehmen das Geschenk aber dankend an. Lachend verspeisen wir den Nachtsnack und fühlen uns gestärkt für unser letztes Ziel.
2.00 Uhr Wir laufen bergauf Richtung Bahnhof, bis wir unten ankommen. Genauer gesagt: im "Unten". Der Elektroschuppen befindet sich im Keller einer ehemaligen Tofufabrik. Im Vorhof stehen Bänke, eine Bar und gut gelaunte Leute. Ein Typ mit grünem Knicklicht in der Hand fragt uns: "Von welchem Planeten kommt ihr denn?" Vom Planeten des Grillhuhns natürlich. Wir betreten ziemlich angeheitert den Klub, laufen die Treppen hinunter und stehen schließlich auf der Tanzfläche, ganz unten im "Unten". Auf dem rot beleuchteten Dancefloor stampft die Menge zu dröhnenden Technobeats. Mittendrin hängt eine Schaukel, die Amelie sofort testet. Wir trinken noch ein, zwei, drei Bier und tanzen. Dann steige ich hinauf an die Erdoberfläche.
Von Felix Bohr Fotos: Alexandra Polina

UniSPIEGEL 4/2018
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