06.12.2018

Mein Leben als Musiker

Jeden Abend eine neue Stadt, ein neues Publikum, und immer Musik – das klingt wie ein Traum. Ein Sänger und Gitarrist erzählt von seinem Leben auf und hinter der Bühne.
Wenn ich auf Tour bin, stehe ich mit meiner Band jeden Abend in einer anderen Stadt auf der Bühne. Das ist aufregend. Ich sehe die Welt, lerne Menschen kennen, wir werden bejubelt. Wenn sie die Texte unserer Songs mitsingen und ich in die glücklichen Gesichter blicke, ist das unbeschreiblich. Wir verewigen uns in unserer Musik. Das ist die eine Seite.
Vor zehn Jahren habe ich beschlossen, mein Leben der Musik zu widmen. Das ist mein Traum, immer noch. Aber wir haben uns keine einfache Branche ausgesucht – vor allem, weil unsere Musik nicht dem Mainstream entspricht. Unseren Stil könnte man als »experimentellen Rock« bezeichnen, wir singen auf Englisch. Für manche Plattenfirmen ist das ein Problem. Einmal bekamen wir eine Absage, die sinngemäß lautete: »Uns gefällt eure Musik sehr, aber wir nehmen generell keine deutschen Bands, die englisch singen.« Das passiert leider immer wieder. Ich empfinde das als eine Form von Diskriminierung. Klar, irgendwie kann ich die Argumente der Plattenfirmen verstehen. Wenn ich im Programmheft lese, dass eine Band aus London, Los Angeles oder Stockholm kommt, klingt das natürlich aufregender als Recklinghausen oder Cottbus. Am Ende machen es aber genau diese Vorurteile so schwer, als Musiker einen Fuß auf den Boden zu bekommen.
Zum Glück wussten wir all das am Anfang nicht. Keiner von uns hat Freunde oder Verwandte im Musikbusiness; wir mussten uns selbst erarbeiten, wie diese Branche funktioniert. Anfangs traten wir in unserer Heimatstadt auf. Bald schafften wir es in die umliegenden Städte, nahmen unser erstes Minialbum auf. Per Zufall fanden wir einen Booker, der für uns die ersten großen Shows buchte. Booker sind Manager, die für Musiker Konzerte und Touren organisieren. Dort lernten wir, wie man ein fremdes Publikum begeistert. Ein tolles Gefühl. Doch kurz bevor unser erstes Album rauskommen sollte, ließ uns der Booker sitzen. Er wollte sich erfolgreicheren Bands widmen. Wir mussten uns wieder um alles selbst kümmern: stapelweise E-Mails und Telefonate beantworten, um Auftritte oder Aufnahmen zu organisieren – oder um bei Plattenfirmen darum zu betteln, sich bitte mal anzuhören, was wir so gemacht haben. Das frisst echt Zeit.
Heute spielen wir regelmäßig größere Shows, treten bei Festivals auf, sind sogar durch die USA getourt. Trotzdem können wir nie sicher sein, ob an einem Abend sieben oder hundert Leute vor der Bühne stehen.
Reich werden wir damit leider überhaupt nicht. Was wir durch Konzertgagen und Plattenverkäufe einnehmen, reicht, um die laufenden Kosten zu decken. Die Miete für unseren Tourbus, Sprit, die Studioaufnahmen, Poster und Videodrehs – da kommt einiges zusammen. Ein Gehalt haben wir uns fast nie auszahlen können. Aber dafür haben wir wahnsinnig viel erlebt und unsere Musik in die Welt hinausposaunt.
In den ersten Jahren haben wir noch nebenbei studiert, da sah es finanziell besser aus. Als wir die Hochschulen verließen, kamen noch weitere Kosten hinzu, von Krankenkassenbeiträgen bis zu Kontoführungsgebühren. Seitdem ist es ziemlich eng. Wir geben deshalb nebenbei Musikunterricht, produzieren Platten von anderen Bands oder arbeiten im sozialen Bereich – und versuchen, mit möglichst wenig Geld zu leben.
Weil ich viele unserer Songs geschrieben haben, bekomme ich gelegentlich Tantiemen von der Gema. Wie die berechnet werden, ist zwar etwas undurchsichtig, aber ich freue mich trotzdem. Planen kann ich mit diesen Einnahmen jedoch nicht. Wir sind mit unserer Musik auch bei Spotify vertreten. Aber die Erträge reichen leider nicht einmal, um einen Kaffee zu kaufen.
Irgendwann hat der Erste von uns einen »richtigen Job« angenommen. Damit entstanden noch einmal ganz andere Probleme: Lange Touren sind mit Vollzeitjobs nur schwer vereinbar, Songs schreiben und Platten aufnehmen ist nicht einfach, wenn man ständig gucken muss, wo man nebenbei noch etwas verdienen kann. Aber ich kann das verstehen: Irgendwann – wenn der »richtig große Durchbruch« auf sich warten lässt – kommt eben der Punkt, an dem man es sich nicht mehr leisten kann, so viel Zeit in die Musik zu investieren.
Ich finde den Gedanken frustrierend, dass wir langfristig nicht das machen können, wozu wir uns berufen fühlen. Natürlich frage ich mich in solchen Momenten auch, ob wir überhaupt gut genug sind. Es kann sehr einfach sein, sich mit dem elitären Standpunkt zu beruhigen, dass wir einfach zu anspruchsvoll für die breite Masse sind. Wenn jemand unsere Musik kritisiert, was zum Glück nicht so häufig vorkommt, beschäftigt mich das länger als jedes Lob.
Doch wenn ich dann an die Auftritte denke, wo Menschen, die uns vielleicht vorher nicht richtig kannten, glücklich zu uns kamen und erzählten, wie sehr ihnen das Konzert gefallen hat, werden die Zweifel schnell leiser. Das sind die Momente, für die wir diese ganzen Widrigkeiten in Kauf nehmen.
Von Illustration: Benedikt Rugar

UniSPIEGEL 6/2018
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