01.02.2001

„BIG BROTHER“ FÜR STUDENTEN

IM TÜBINGER LEIBNIZ KOLLEG IST GEMEINSCHAFTSGEIST GEFORDERT. GEBOTEN WIRD EIN GRÜNDLICHES TRAINING FÜR DIE UNIVERSITÄT.
Anette Ströh konnte sich einfach nicht entscheiden. Nach dem Abitur im vergangenen Frühjahr wusste die Kielerin nicht, welches Fach sie studieren sollte. Auch das Berufsinformationszentrum half da wenig - bis Ströh, 19, im Papierberg der Berater ein Faltblatt des Tübinger Leibniz Kollegs fand.
Das Institut ist auf Fälle wie Anette Ströh ideal zugeschnitten. In einem neunmonatigen Studium generale werden die Kollegiaten mit dem ganzen Spektrum des akademischen Lebens vertraut gemacht, ohne sich auf eine bestimmte Richtung festlegen zu müssen.
Das Angebot des Leibniz Kollegs ist in Deutschland einzigartig - viele Universitäten werben zwar mit einem Studium generale, dahinter verbirgt sich aber üblicherweise ein ebenso bunter wie unverbindlicher Mix von Veranstaltungen quer durch alle Fachbereiche. Das Sammelsurium von zumeist abendlichen Vorträgen richtet sich vor allem an Hausfrauen, Rentner und andere Gelegenheitsstudenten.
Die Leibnizianer absolvieren dagegen ein Vollzeit-Programm. Am Kolleg stehen Seminare aus rund 20 Fächern zur Auswahl - das Angebot reicht von Astronomie über Kunstgeschichte bis hin zu "Gender Studies". Die einzige Bedingung beim Zusammenstellen des persönlichen Stundenplans: Es muss mindestens jeweils ein Kurs aus Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften belegt werden. Wer noch Zeit übrig hat, kann seine Kenntnisse in Englisch und Französisch auffrischen, neue Sprachen dazulernen oder bei einer der vielen Arbeitsgemeinschaften - darunter Fotografie, Theater und Kreatives Schreiben - mitmachen.
Die Veranstaltungen beschäftigen sich in der Regel mit einem speziellen Thema und geben so Einblick in die besonderen Probleme und Methoden der jeweiligen Disziplin. Damit genießen die Studenten den im deutschen Hochschulleben seltenen Luxus des interdisziplinären Arbeitens. "Das ist etwas", erklärt Direktor Michael Behal, 54, "was die Absolventen dann im späteren Studium oft vermissen." Nicht ohne Grund sei eine beträchtliche Zahl von Ex-Kollegiaten in die Forschung gegangen und beschäftige sich dort besonders gern mit Themen, die in Grenzbereichen zwischen den Fächern liegen.
Während die Leibnizianer in verschiedene Disziplinen hineinschnuppern, machen sie sich nebenbei auch mit den wissenschaftlichen Arbeitsweisen vertraut. Das erleichtert den oft schwierigen Übergang von der Schule zum Studium. Wenn sie im Anschluss an das Kolleg ein Hochschulstudium beginnen, haben sie im Gegensatz zu den meisten Erstsemestern längst Techniken wie Bibliografieren und Exzerpieren eingeübt. Auch das Schreiben von Hausarbeiten und Protokollen ist für sie kein Problem. Nicht einmal das erste große Referat kann die Absolventen noch schocken, denn auch das freie Sprechen vor der Gruppe wird trainiert.
Doch die Teilnehmer besuchen nicht nur gemeinsam die Veranstaltungen am Kolleg, sie leben auch zusammen im Institutsgebäude. Das im Tübinger Uni-Viertel gelegene Haus diente schon 1930 als Studentenwohnheim. Nach Kriegsende waren dort französische Soldaten untergebracht. 1948 zog dann das neu gegründete Leibniz Kolleg ein, das bis 1972 zur Universität gehörte und seitdem von einem privaten Verein getragen wird. Wie in den Anfangstagen bietet das Haus auch heute nur wenig Komfort: 53 Kollegiaten zwischen 18 und 23 teilen sich eine Küche, sieben Duschen - und jeweils zu zweit ein kleines Zimmer.
"Ich hatte vorher schon ein bisschen Panik", gibt der Tübinger Daniel Schad zu, "ich fand die Vorstellung ziemlich abschreckend, mit einem anderen auf 15 Quadratmetern hausen zu müssen." Der andere entpuppte sich aber als netter Kumpel. Heute würde Daniel das gemütliche Kämmerchen, das er mit dem Cottbusser Mark Schiefer, 19, teilt, nicht mehr freiwillig gegen sein großes Zimmer im nahe gelegenen Elternhaus tauschen. Und wenn Daniel doch mal eine ruhige Minute braucht, dann geht er zu seiner Freundin - die wohnt praktischerweise nur ein paar Straßen weiter.
Auch Maruta Herding, 19, möchte die Gemeinschaft nicht missen: "Ich war immer ein Einzelkind, und nun habe ich 52 Geschwister. Ein tolles Gefühl." Anette Ströh gefällt es in der Riesen-WG, obwohl sie sich gleich mit einem Unglücksfall einführte: Sie fiel aus dem Bett und brach sich einen Arm. Doch da zeigte sich der Gemeinschaftsgeist von seiner besten Seite: "Würde ich allein wohnen, hätte ich wahrscheinlich nach Hause fahren müssen. Aber hier waren alle für mich da: Die einen haben gekocht, die anderen beim Duschen geholfen. Einfach super."
Auf einem wöchentlichen Treffen, dem "Konvent", diskutieren die Studierenden alle anfallenden Probleme - "ganz basisdemokratisch", sagt Anette. Dort wird festgelegt, wer wann Küchendienst hat, und auch ansonsten sind die Aufgaben klar verteilt: Die "Umweltkommission" sorgt dafür, dass der Müll rechtzeitig rausgetragen wird, das "Geburtstagskomitee" kümmert sich um die Geschenke. Eine Gruppe bereitet die gemeinsame Studienfahrt nach Italien vor, andere Leibnizianer sind für das Organisieren von Partys verantwortlich oder für das Verteilen der Zimmer.
Die wichtigen Aufgaben finden mühelos ihre Amtsinhaber. "Irgendwie ist das hier schon ein Hort von Alphatierchen", erklärt Direktor Behal, ein Israeli, der lange in den USA lebte. Tolle Abi-Noten haben viele zu bieten, ungewöhnliche Auslandserfahrung fast alle: So lebte Maruta für einige Monate in einem israelischen Kibbuz, andere unterrichteten Kinder in Tansania oder suchten in einem thailändischen Kloster nach neuen Erkenntnissen.
Als Streber-WG wollen die Leibnizianer aber trotzdem nicht gelten: "Solche Leute sind doch nur auf Leistung aus und brauchen den Vergleich", meint Franziska Pierwoss, 19, die drei Jahre ohne ihre Eltern im südlichen Afrika lebte und an einer internationalen Schule in Swasiland das Abitur gemacht hat. Am Kolleg gebe es keine Noten und damit auch keine direkte Konkurrenz.
Auch bei der Auswahl der Kollegiaten spielen Noten angeblich keine Rolle. Dafür, so Behal, "gucken wir, ob die Leute sozialfähig sind und auch wirklich Lust haben, interdisziplinär zu arbeiten". Rund 200 Bewerber gibt es pro Jahr. Als erste Hürde müssen sie einen mehrseitigen Bericht über sich, ihre Erfahrungen, Interessen und Motive verfassen: "Wer uns das schickt, wird eingeladen vorbeizukommen und für einen Tag das Leben hier mitzumachen." Das sei ganz wichtig, denn "die Kandidaten sollen von vornherein wissen, worauf sie sich einlassen". Die Bewerber lernen die Bewohner kennen und führen ein mehrstündiges Gespräch mit dem Direktor und seinem Stellvertreter. Wer schließlich in das Kolleg einziehen darf, entscheidet eine Kommission, der auch mehrere Studierende angehören.
"Das Interview war richtig hart", stöhnt Anette noch im Rückblick. Auch sehr persönliche Fragen nach dem Freundeskreis oder sogar nach dem Körpergewicht müssen die Kandidaten beantworten: "Wir müssen uns absichern, denn wir hatten schon Probleme mit magersüchtigen Mädchen", begründet der Direktor die Neugier. Die Erfahrung habe auch gezeigt, dass nicht jeder mit der permanenten Gruppensituation und der Enge klarkomme, denn Privatleben gibt es am Kolleg kaum: "Wer mal für sich sein will, muss sich schon im Klo einschließen", bedauert auch Franziska. Das sei manchmal schon ein bisschen wie im "Big Brother"-Container - nur ohne Kameras.
Unter den Bewohnern sind die Frauen deutlich in der Überzahl - zurzeit leben nur neun Männer im Haus -, und auch bei den Bewerbungen liegen die Abiturientinnen vorn. "Jungen legen sich oft schon in der Schule auf einen Bereich fest, den sie später studieren wollen", glaubt Behal, "Mädchen haben dagegen oft unterschiedlichste Interessen. Viele fürchten, etwas zu verpassen, wenn sie sich vorschnell für ein Studienfach entscheiden."
Anette geht es ähnlich. Obwohl sie sicher ist, mit Innenarchitektur mittlerweile das Richtige für sich gefunden zu haben, hat sie auch "großen Spaß" an Biochemie und Kunstgeschichte - und kann hier ohne Zwang und Notendruck ihre Kenntnisse in beiden Fächern vertiefen. Am Leibniz Kolleg, lobt sie, "kann man Bildung noch genießen".
FENJA MENS
INFOS
Leibniz Kolleg Tübingen
Brunnenstraße 34
72074 Tübingen
Tel. 07071/ 297 21 47
Bewerbungen sind möglich von November bis Juli. Die Studiengebühren betragen 720 Mark im Monat (inklusive Miete). In begründeten Fällen werden Stipendien in Höhe von bis zu 400 Mark vergeben. Das Studienjahr dauert von Oktober bis Juli.
Von Fenja Mens

UniSPIEGEL 1/2001
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