21.05.2001

entscheidenSTURM AUF DIE RITTERGÜTER

BILDUNGSMINISTERIN BULMAHN WILL DIE HABILITATION ABSCHAFFEN, UM WIEDER MEHR JUNGE NACHWUCHSFORSCHER FÜR DIE UNI ZU BEGEISTERN.
Die Urkunde führt die Personalien des neuen Titelträgers auf, sie nennt Fachgebiet und Thema seiner wissenschaftlichen Arbeit - gezeichnet: der Hochschulrektor. Dass sich der frisch ernannte Professor über viele Jahre, oft sogar länger als ein Jahrzehnt, zur Titelwürde quälen musste, lässt sich aus keiner Silbe des Textes erraten.
Noch immer pflegen die deutschen Hochschulen die Habilitation sorgsam als Königsweg in die akademische A-Liga - eine einsame Tradition. Kaum ein Land verlangt seinen Jungwissenschaftlern nach der Doktorarbeit eine zweite derart umfassende Fleißübung ab.
Und so befinden sich junge Forscher in England, in Frankreich oder in den USA schon in Amt und Würden, wenn der deutsche Nachwuchs noch schnaufend dem Professor die Bücher ins Zimmer trägt, für ihn Seminare und Vorlesungen vorbereitet und nebenher die eigene "Habil" zu Papier bringt. Bis er endlich auf den begehrten Lehrstuhl berufen werden kann, altert der deutsche Jungprofessor im Schnitt schon seinem fünften Lebensjahrzehnt entgegen.
Das soll sich jetzt ändern: Mit einer grundlegenden Reform des Dienstrechts an Hochschulen rüttelt Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) an den Grundpfeilern der universitären Hierarchie. "Wir können es uns nicht länger leisten, dass die besten Köpfe ins Ausland abwandern", sagt sie. Bulmahns Gegenmittel heißt Junior-Professur. Das neue Modell soll es jungen Wissenschaftlern ermöglichen, früher als bisher selbständig zu lehren und zu forschen.
Wie so manches, was derzeit an deutschen Hochschulen en vogue ist, orientiert sich auch die geplante Junior-Professur am amerikanischen Vorbild. Ähnlich dem Assistant professor wird sie auf maximal sechs Jahre befristet und soll Voraussetzung für eine ordentliche Professur sein.
Entscheidende Neuerung: Die künftigen Junioren gehören zum jeweiligen Fachbereich und nicht, wie bislang die Assistenten, zu einem einzelnen Lehrstuhl. Die Neuerung soll vor allem das weit verbreitete Besitzstandsdenken der Professoren unterlaufen.
Viele Meister ihres Fachs neigen dazu, Assis als mobiles Inventar ihres universitären Ritterguts zu betrachten. Geradezu "feudale Strukturen" hätten sich an vielen Lehrstühlen herausgebildet, kritisiert der Jenaer Privatdozent Mike Sandbothe, 39. Die Junior-Professur sei eine überfällige Neuerung, findet der promovierte Philosoph.
Trotzdem protestiert er gemeinsam mit Kollegen aus dem akademischen Mittelbau gegen Bulmahns Dienstrechtsreform. Die Aktivisten der Initiative mit dem zeitgeistigen Namen "www.wissenschaftlichernachwuchs.de" vermissen vor allem eine Übergangsregelung für die jetzigen Assistenten und Privatdozenten, die nicht mehr für die neuen Stellen in Frage kommen. "Nach der gegenwärtigen Planung würde der Nachwuchs im Lauf der nächsten Jahre Schritt für Schritt auf die Straße gesetzt", befürchtet Sandbothe.
Der konservative Deutsche Hochschulverband (DHV) bangt gar um "die Zukunft unseres Berufs", wie DHV-Präsident Hartmut Schiedermair seinen Einspruch zuspitzt. Im Gestus einer Handwerkergilde verteidigt der Verband den akademischen Initiationsritus: Nur wer das Stahlbad der doppelten Prüfung durchlitt, soll sich Professor nennen dürfen. "Als flächendeckender Ersatz der bewährten Assistentenkultur", heißt es in einer vom DHV angeregten und von 3800 Professoren unterzeichneten Protestnote, "ist die Junior-Professur inakzeptabel."
"Nicht umsonst gilt die Doktorarbeit als Gesellenstück und die Habilitation als Meisterstück", argumentiert Thomas Möllers, Juraprofessor in Augsburg und DHV-Mitglied. Nur die "enge Anbindung an einen Lehrstuhl" ermögliche ein vertieftes wissenschaftliches Arbeiten (siehe Streitgespräch Seite 22).
Thomas Meuser, Professor für Ökonomie an der privaten Europa-Fachhochschule Fresenius und Autor eines Doktoranden-Ratgebers mit dem Titel "Promo-Viren", nennt andere Gründe: "Viele Professoren brauchen die Assistenten einfach, um ihre zahlreichen Tätigkeiten neben der Uni ungestört abwickeln zu können."
Wer sich für eine Hochschulkarriere entscheidet, riskiert bislang nicht nur eine jahrelange Schinderei, er blickt außerdem in eine völlig ungewisse Zukunft. Über die Bewertung der Habilitation entscheidet, anders als bei der Doktorarbeit, der ganze Fachbereich. Und weil auch an Universitäten mitunter kräftig intrigiert wird und sich Professoren erbitterte Privatfehden liefern, missbrauchen manche Streithammel eine Prüfung dazu, den betreuenden Kollegen abzustrafen.
Fällt der Kandidat durch, kann das die Arbeit von vielen Jahren zunichte machen. Ein einmal abgelehntes Werk wird auch an anderen Universitäten nur mit spitzen Fingern angefasst - die Kollegen werden sich schon etwas dabei gedacht haben, so die häufige Ansicht. Für den, der sich ungerecht behandelt fühlt, bleibt am Ende nur der Gang vor Gericht.
Mit 40 Jahren oder mehr, zudem oft ohne verwertbare Berufserfahrung, erscheint es ziemlich aussichtslos, eine erquickliche Arbeit außerhalb der Hochschule zu suchen. Ökonomieprofessor Meuser urteilt trocken: "Wer an der Universität scheitert, hat keine Chance in der freien Wirtschaft." PHILIPP KÖSTER

UniSPIEGEL 3/2001
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