02.07.2001

entscheidenIM HAUS DER 1000 AUGEN

GEGEN COMPUTERKLAU UND VANDALISMUS SETZEN IMMER MEHR HOCHSCHULEN ÜBERWACHUNGSKAMERAS EIN - UND VERLETZEN OFT SELBST DIE GESETZE.
Die kleinen Apparate sind wohlbekannt, sie hängen in Kaufhäusern und über Kreuzungen, in Tunnels und U-Bahnhöfen: Videokameras, deren gläserne Augen die braven vor den weniger braven Bürgern schützen sollen. Im ganzen Land wachen mehr als 100 000 dieser Geräte über das Wohl der Anständigen, und die elektronische Aufrüstung schreitet voran.
In Zeiten, in denen die gruselige Maske des "Großen Bruders" ein fernsehtaugliches Dauergrinsen aufsetzt, zeigen auch die Universitäten immer weniger Hemmungen, mit ferngesteuerter Technik für Recht und Ordnung zu sorgen. Ob in Köln, Berlin oder Bochum - Videoüberwachung gilt als neue Wunderwaffe gegen Bücherraub und Computerklau, Vandalismus und Belästigungen auf dem Campus.
Datenschützer, kritische Studenten und Personalvertreter sehen den "Spähangriff" jedoch mit Unbehagen. Denn die Praxis zeigt: Mit dem Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung nimmt es nicht jede Verwaltung genau.
Beispiel Köln, mit 62 000 Studierenden die größte Universität Deutschlands: ein weitläufiges Gelände, auf dem sich kaum ausmachen lässt, wer hier so unterwegs ist. Zumindest in einem der Häuser wollten es die Verantwortlichen genauer wissen: Im vergangenen Jahr installierten sie am und im Hauptgebäude 18 Kameras, die ihre Bilder auf etliche Monitore senden. "Die Hausmeister hatten erhebliche Probleme mit der Übersicht, vor allem nachts haben sich hier immer wieder Leute eingeschlichen", erklärt der Technische Direktor Peter Jäckel den Aufwand.
Mit dem Ergebnis ist Jäckel zufrieden. Die Bänder, die von 22 bis 7 Uhr aufzeichnen und im 100-Stunden-Takt automatisch überspielt werden, so lange kein Schaden auffällt, musste er noch kein einziges Mal ansehen.
In diesem Jahr will der rührige Direktor zwei weitere Kölner Uni-Einrichtungen mit Kameras ausstatten, das Chemische Institut sowie das Abfallzwischenlager. Das mit Chemikalien und Elektroschrott gefüllte Lager hatte, kaum war es im Januar in Betrieb gegangen, bereits Einbrecher angelockt. Am besten wäre es, scherzt Jäckel, "wenn man auch die Toiletten überwachen könnte, da geht nämlich am meisten zu Bruch".
Die Begeisterung des Technik-Chefs weckt allerdings auch Argwohn, vor allem im Asta und im Personalrat -- beide Gremien sahen sich durch Jäckels Video-Offensive vor vollendete Tatsachen gestellt. Inzwischen lässt die Personalratsvorsitzende für die Nichtwissenschaftler, Gerda-Marie Neuhaus, Kollegen ausschwärmen, die kontrollieren sollen, "wo jetzt schon wieder etwas ohne unser Wissen installiert wurde".
Auf jeden Fall will Neuhaus verhindern, dass die Bänder demnächst auch tagsüber aufzeichnen: "Es kann mir nämlich keiner erzählen, dass diese Bilder nicht irgendwann auch mal zur Leistungskontrolle der Mitarbeiter missbraucht werden könnten."
An den Segen der teuren Hightech mag auch Mischa Dings, zuletzt studentischer Vertreter im Kölner Uni-Senat, nicht recht glauben. Die größeren Diebstähle, die es bislang auf dem Uni-Gelände gab, wurden Dings zufolge "offensichtlich von Insidern begangen, es waren keine Türen aufgebrochen". Auch an der Uni Frankfurt zweifeln Studentenvertreter an der Wirksamkeit von Videokameras. In den Gängen ihres selbstverwalteten Studentenhauses hatten sich zuletzt mehr Obdachlose und Drogenhändler aufgehalten als Studierende. Die Uni-Verwaltung installierte eine Kamera-Attrappe und setzte einen Wachmann an die Pforte. Nun lungert zwar niemand mehr in den Gängen herum. Jedoch, sagt der ehemalige Asta-Chef Martin Lommel: "Die Drogis sind jetzt einfach in die Nachbarschaft abgewandert und setzen sich in anderen Uni-Gebäuden ihren Schuss."
Besonders ausgefeilt ist die Überwachungspraxis an der Berliner Humboldt-Universität (HU). Über einem Dut- zend Computer-Pools, in vier Multimedia-Hörsälen sowie einer Bildergalerie surren die Kameras teils rund um die Uhr - manche stammen noch aus den Zeiten der DDR-Staatssicherheit. Am Eingang zu einem Flur mit wechselnden Ausstellungen klären große Schilder den Besucher über seinen Part als Filmobjekt auf.
Auf solche Transparenz legen sachkundige Juristen großen Wert. Läuft das hausinterne Programm, wie in Köln, ohne Ankündigung, können sich die ahnungslosen Nebendarsteller in ihren Grundrechten verletzt fühlen. Experten wie Thilo Weichert, Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Datenschutz, finden die geheime Ausspähung "krass rechtswidrig".
An der Humboldt-Uni hat der hauseigene Datenschutzbeauftragte André Kuhring diverse Sicherungen gegen den Sicherheitswahn durchgesetzt: Die Aufnahmen dürfen nur im Schadensfall und nur in Kuhrings Beisein ausgewertet werden. Ein ausgeklügeltes Zugangssystem schützt die sensiblen Daten vor Missbrauch.
Im Computerraum des Rechenzentrums fühlen sich manche Studenten dennoch unbehaglich: "Ich hoffe mal", sagt Sinologie-Doktorand Jens, "dass die das wirklich löschen." Allerdings kann Jens der Überwachung auch eine gute Seite abgewinnen. Immerhin dürfe er "bis 21.45 Uhr in vielen dezentralen Computer-Räumen" arbeiten - anders als im Stadtteil Dahlem: "An der Freien Universität haben sie zwar keine Kameras, dafür aber miese Öffnungszeiten."
Weil es im Schadensfall mehrere Tage dauert, bis eine Meldung die Verwaltungsstationen bis zu Datenschützer Kuhring durchlaufen hat, müssen die Bänder fünf bis sieben Tage aufbewahrt werden. Viel zu lange, findet Alexander Dix, der Landesbeauftragte für Datenschutz und Akteneinsicht in Brandenburg: "Eigentlich müsste so etwas nach 24 Stunden gelöscht werden."
Missbrauch kann auch in Echtzeit stattfinden. So ertönte während einer Wirtschaftsvorlesung an der HU eine Stimme aus dem Off, der junge Mann in der zehnten Reihe möchte doch mal bitte aufhören, seine Butterbrote zu essen. Der Zugriff auf die Spitzel-Technik in den Hinterräumen wurde gesperrt.
Die elektronische Jagd auf Diebe und andere Täter geht rasch ins Geld. 85 000 Mark hat die Uni Köln für die Sicherheitstechnik ihres Hauptgebäudes ausgegeben, für das Chemische Institut sind voraussichtlich 120 000 Mark fällig, für das Abfallzwischenlager sogar 250 000 Mark. "Das ist eine grobe Verschwendung von Steuergeldern", schimpft Chemiestudent Dings. Obendrein weise die Technik grobe Mängel auf, kritisiert der Studentenpolitiker: "Bei Nachtaufnahmen kann man kaum etwas erkennen."
Richtig teuer käme es die Kölner, auch die Uni-Bibliothek zu einem Haus der 1000 Augen aufzurüsten, wie es derzeit im Gespräch ist: Um die verwinkelten Waschbeton-Flure des Gebäudes auszuspähen, wären 400 000 Mark fällig. Das ist genauso viel Geld, wie der Bibliothek in diesem Jahr bereits fehlt, weshalb im Herbst möglicherweise Bücher und Zeitschriften abbestellt werden müssen.
Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel Bochum. Dort begnügte sich die Universität mit einer Minimal-Lösung: Die größten Kostbarkeiten wurden in einem Raum zusammengestellt, den nun die Bibliothekswache nebenher per Monitor im Auge hat.
Auf ganz einfache, gleichwohl wirkungsvolle Methoden haben sich die Verantwortlichen im Hamburger Rechenzentrum in der Schlüterstraße beschränkt. Dort sind die Universitäts-Computer fest in Tischen verankert. "Da ist noch nie einer weggekommen", freut sich Datenschützer Jan Wickert.
Dem Hardware-Klau, so Wickert, sei auch mit anderen, bescheidenen Mitteln beizukommen - man müsse sich nur überlegen, was Diebe mit den Rechnern anstellen wollen und ihnen die Tour vermasseln. Ein erprobter Trick Wickerts gegen Laptop-Hehlerei: "Einfach bunt und hässlich anmalen."
CORINNA SCHÖPS
Von Corinna Schöps

UniSPIEGEL 4/2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


UniSPIEGEL 4/2001
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Angriff auf Tiertrainer: "Der Wal hat meinen Sohn aus Frust getötet"
  • Segeln: "Spindrift 2" bricht eigenen Äquator-Rekord
  • Boxkampf an Bord: Australischer Billigflieger muss umkehren
  • Aufregung um US-Polizeieinsatz: Video zeigt Kleinkind mit erhobenen Händen