02.07.2001

forschenENTENHAUSEN IST ÜBERALL

SIE ERGRÜNDEN DAS WESEN VON RÜSSELSCHNURPS UND NEUROTISCHER NACHTIGALL - DIE DONALDISTEN MACHEN ERNST MIT DEN COMICS DER DUCKS.
Dieser Wurm ist der Traum aller Angler. Lumbricus piscator, der Kettenwurm, ein Abkömmling des Regenwurms (Lumbricus terrestris), zeigt ein bei seinen Artgenossen eher unübliches Verhalten: "Kettenwürmer", heißt es in der Erläuterung zu seinem Abbild, "können spontan prozessionsartig ins nächste Gewässer wandern und Beutegut anlocken." Sobald ein Fisch anbeißt, haken sich alle Würmer der Kolonne ineinander und bilden eine Kette, die den Fisch an Land zerrt und ihn dem Angler vor die Füße fallen lässt.
Das natürliche Vorkommen von Lumbricus piscator ist recht eingeschränkt: Er wird ausschließlich auf Stella Anatium beschrieben - jenem Planeten in einem fernen Paralleluniversum, auf dem Entenhausen liegt (Anas = lat. die Ente). Und so zeigt das Belegbild für die Existenz des Kettenwurms auch Donald Duck, offenbar als erfolgshungrigen Teilnehmer eines Angelwettbewerbs: "Wenn das so weitergeht, gewinn ich den Pokal", jubelt die Ente im Matrosenanzug.
Die Angelszene ist Teil einer Sonderausstellung im Staatlichen Museum für Naturkunde in Karlsruhe, die der "Biodiversität in Entenhausen" gewidmet ist. Zwischen den ständigen Exponaten wie ausgestopften Tieren, lebenden Fischen, Bienen und Kraken zeugen immer wieder Bilder und Erklärtexte von der Existenz weniger bekannter Gattungen: Ob Grimmiger Igelfisch (Ballonus echinocactus), Neurotische Nachtigall (Alauda neurotica), Ohrlose Ohreule (Asio sinauris) oder Störrischer Storch (Ciconia shlepnesteria) - die Vielfalt der Arten ist kaum zu überschauen.
Alles nur Phantasiewesen aus der Feder des legendären Disney-Zeichners Carl Barks (1901 bis 2000)? Für diejenigen, die sich mit Hingabe der Erforschung des facettenreichen Entenhausener Universums widmen, sind sie mehr als das: "Wir setzen erst einmal voraus, dass es Entenhausen wirklich gibt", erklärt Oliver Martin, 43, promovierter Geologe, bekennender Donaldist und leidenschaftlicher Duck-Wissenschaftler. Gerade hat er ein Jahr lang die Primärliteratur nach den unterschiedlichen Tierarten durchforstet - immerhin rund 6300 Seiten Donald-Abenteuer von Carl Barks.
Martin hat untersucht, welche uns geläufigen Tiere auch in Entenhausen vorkommen und welche dagegen zwar auch auf der Erde bekannt sind, in Entenhausen aber signifikante Unterschiede zeigen: Die goldene Gans etwa, das viereckige Huhn oder der Fettgoldfisch, der wie ein Goldfisch aussieht, aber eben - präzise Terminologie - so fett ist, dass er sein Goldfischglas vollständig ausfüllt. Dabei ragt seine Rückenflosse aus dem Wasser, und der Fisch kann über die Haut zusätzlichen Sauerstoff aufnehmen: eine sinnvolle physiologische Anpassung an das Leben in wenig Wasser.
Martins wissenschaftliche Arbeit geht weit über die Grenzen des rein Deskriptiven hinaus. Wie ist es zum Beispiel möglich, fragt er, dass eine Gans überhaupt goldene Eier legt? Vielleicht, mutmaßt der Naturwissenschaftler, nimmt sie feinste Goldpartikel mit der Nahrung auf, reichert dann das Edelmetall in ihrem Organismus an und lagert es schließlich in der Eierschale ab. Etwa so, wie die rosa Farbe von Flamingos durch das Carotin der kleinen pinkfarbenen Krebse bedingt ist, die die Tiere fressen?
Seine Thesen präsentierte Martin jüngst auf dem Kongress der Donaldistenvereinigung "D.O.N.A.L.D." (Deutsche Organisation der nichtkommerziellen Anhänger des lauteren Donaldismus), der im Frühjahr in Karlsruhe tagte. Einmal im Jahr bietet der Kongress neuesten Erkenntnissen aus der Duck-Forschung ein Forum. Jedes der rund 600 D.O.N.A.L.D.-Mitglieder kann dann in einem Vortrag einen Aspekt im Leben der Ducks beleuchten, veröffentlicht werden die Arbeiten im Vereinsperiodikum "Der Donaldist". Für die herausragendste Forschungsarbeit wird der "Professor-Püstele-Preis" ausgelobt. Und wie im Comic wird ein Vortrag nicht mit Applaus gewürdigt, sondern die Donaldisten skandieren lauthals: "Klatsch, klatsch, klatsch".
Die Erkenntnisse über Entenhausens Artenvielfalt wird Duck-Forscher Martin in einem 80 Seiten starken Sonderheft des "Donaldisten" publizieren, die Ausstellungstexte sind eine stark gekürzte Version seiner Arbeit. Doch auch sie scheinen bereits Püstele-Preis-würdig. So hat Martin den Ruf des männlichen Korjackenknackers festgehalten ("Grrkztrrtschrwzkaja") und den weithin unbekannten Rüsselschnurps (Proboscides nihilaliquid) charakterisiert: "Das etwa 30 cm große Tier besitzt dreizehige Füße und vierzehige Hände, mit denen es klettern kann. Hinter den halbrunden Ohren sitzt ein kleines Geweih mit jeweils vier Enden. Am auffälligsten ist der Saugrüssel, der die restliche Körperlänge des Tieres übersteigt." Vorkommen des einzigen bekannten Exemplars: der Privatzoo von Dagobert Duck.
Wahre Wissenschaft oder skurriles Hobby realitätsresistenter Comic-Fans? "Natürlich ist das eine Persiflage auf die echte Wissenschaft", erläutert Nicola Waldbauer, 27, "andererseits wird die Duck-Forschung schon sehr ernsthaft betrieben, zumal die meisten Donaldisten einen akademischen Hintergrund haben." Unter den Mitgliedern sind Ärzte ebenso vertreten wie Historiker und Philosophen, einer der Gründer der D.O.N.A.L.D. ist der Hamburger Meteorologie-Professor Hans von Storch. "Eine These muss schon sehr gut untermauert sein, wenn man sie auf dem Kongress vorstellen will", glaubt Nicola Waldbauer, "sonst wird man von den anderen gnadenlos widerlegt."
Die Österreicherin studiert Theaterwissenschaft in Wien, bis vor kurzem fungierte sie als "Präsidente" des Vereins. Schon als Kind war sie begeistert von den Donald-Comics, zu den Donaldisten stieß sie vor knapp zehn Jahren. "Ich bin meist zu faul, Tausende von Seiten auf einen bestimmten Aspekt hin zu untersuchen", gibt die Studentin zu. Nur dann, wenn sie eigentlich für die Uni lernen sollte, erforscht Waldbauer schon mal die "Psychologie der Löwen in Entenhausen". Zwischenstand ihrer Untersuchungen: "Die Löwen sind ziemlich verrückt."
Den Job als Präsidente ("in erster Linie ein repräsentatives Amt") hat Waldbauer abgegeben, so dass sie sich nun ihrer - ganz realen - Diplomarbeit widmen kann. Wenn der Betreuer mitmacht, wird sich allerdings auch darin alles um Comics drehen.
Seit der D.O.N.A.L.D.-Gründung vor knapp 25 Jahren blieb kaum ein Aspekt des Lebens in Entenhausen unerforscht. Vom Phänomen der "Veronkelung" über die Fragen, ob die Ducks Zähne haben, warum nur die weiblichen Bewohner Entenhausens Schuhe tragen, bis hin zu grundlegenden Themen wie "Das Klima in Entenhausen": Zu all diesen Fragen sind Thesen aufgestellt und Arbeiten verfasst worden.
Viele Donaldisten widmen sich Forschungsbereichen, die sie im wirklichen Leben selbst umtreiben. "Während meiner Zivi-Zeit habe ich das Rettungswesen in Entenhausen untersucht", erinnert sich Uwe Lambach, 31. Später, beim Mathe-Studium in Marburg, beschäftigte ihn die Frage, warum in Entenhausen das Dezimalsystem angewandt wird, obwohl alle Ducks nur acht Finger haben. "Bei uns hat sich das Dezimalsystem nachweislich deswegen durchgesetzt, weil wir zehn Finger haben", so Lambach, der heute als Pilot für die Lufthansa fliegt, "eigentlich müsste in Entenhausen das Oktalsystem verwendet werden."
Erst intensives Quellenstudium brachte es ans Licht: "Die Entenhausener haben alle möglichen Systeme ausprobiert, bis sich das Dezimalsystem als überlegen erwiesen hat." Die Phantastillion indes, mit der oft das Vermögen des Dagobert Duck beziffert wird, gibt es im Dezimalsystem nicht.
Umgekehrt kommt es vor, dass eingefleischte Donald-Fans Weisheiten aus den Barks-Comics in ihren Alltag importieren. "PaTrick" Bahners und Andreas Platthaus etwa, langjährigen D.O.N.A.L.D.-Mitgliedern und Redakteuren im Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen", ist es gelungen, immer wieder Zitate aus Donald Ducks Abenteuern in Überschriften und Bildzeilen von "FAZ"-Artikeln zu verstecken (SPIEGEL 17/2000). So ist etwa der Bildtext zu einer Antigone-Inszenierung "Ach, dass mein Herz doch schmölze" ein geringfügig abgewandeltes Duck-Zitat - dort heißt es: "Ach, dass mein Herz doch schmülze wie eine saure Sülze."
Zum Karlsruher Kongress hat Pilot Lambach das Thema "Kommunikation mit Tieren" donaldisch durchleuchtet. Als nächstes plant er einen eher geisteswissenschaftlichen Exkurs: "Ich weiß noch nicht genau, wie ich da rangehe, aber ich möchte jetzt die Trilogie Schlaf, Ohnmacht und Tod erforschen."
Auch für Lambach steht fest: Grundlage für die donaldistische Wissenschaft ist die Existenz Entenhausens. Was die moderne Kosmologie über die Existenz von Paralleluniversen postuliert, lässt laut Lambach zumindest den Schluss zu, dass jede Form von Leben denkbar ist. Doch bei aller Überzeugung, dass die Heimat von Donald und Dagobert, Tick, Trick und Track irgendwo da draußen herumschwirren muss - Lambach ist ebenso sicher, "dass wir niemals dort hinkommen werden".
Ob der Duck-Forschung der Sprung an die Hochschulen gelingt, ist für den Hobby-Wissenschaftler noch nicht entschieden. "Im Moment kann man damit keine Drittmittel einwerben", vermutet er, "wenn man einen gewinnbringenden Aspekt finden würde, könnte das schon ein offizieller Forschungszweig werden."
Dann wäre ein wichtiges Ziel der D.O.N.A.L.D. erreicht, denn in der Vereinssatzung heißt es unter Paragraf 5.3 unmissverständlich: "Die Organisation ist bestrebt, den Donaldismus im Bildungswesen zu verankern."
JULIA KOCH
www.donald.org
Von Julia Koch

UniSPIEGEL 4/2001
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