01.06.2002

entscheidenWICHTIGE WERTE

DIE NEUE RCDS-VORSITZENDE BARBARA VON WNUK-LIPINSKI MÖCHTE DEN STUDENTEN BENEHMEN BEIBRINGEN.
In ihrem Büro in einem schicken Hinterhaus-Loft in Berlin-Kreuzberg sitzt die derzeit ranghöchste Vertreterin des "Rings Christlich-Demokratischer Studenten" und entspricht ziemlich genau dem Klischee von der RCDS-Frau. Barbara von Wnuk-Lipinski, 25, trägt eine karierte Bluse zum dunkelblauen Blazer, Jeans, hochhackige Stiefel und sogar eine Perlenkette. Aber die Kette, sagt sie, hat sie bloß wegen des Sponsorentermins am Vormittag ausgesucht.
Seit Anfang März ist Wnuk-Lipinski Bundesvorsitzende des mit rund 8000 Mitgliedern größten deutschen Studentenverbands - die zweite Frau an der Spitze in der 50-jährigen Geschichte des RCDS. Zum Job gehören das Berliner Büro, eine Sekretärin, eine Netzkarte für öffentliche Verkehrsmittel und ein Gehalt, etwa doppelt so viel wie der Bafög-Höchstsatz. Vorher hat sie an der Uni Trier Theologie, Germanistik und Philosophie studiert, und eigentlich hätte sie jetzt mit ihrer Promotion angefangen.
Wer dem RCDS vorsitzt, wird als beratendes Mitglied in den CDU-Bundesvorstand aufgenommen. Die Studentenvertreterin gehört außerdem zur Arbeitsgruppe Bildung und Forschung der CDU-Bundestagsfraktion. Anfangs war es "superaufregend, all die Leute zu sehen, die man immer schon mal treffen wollte". Bei der ersten Sitzung nach ihrer Wahl saß Wnuk-Lipinski neben dem Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel, gegenüber von Jörg Schönbohm, dem Brandenburger Innenminister.
CDU-Mitglied ist die Studentin, die später vielleicht als Rundfunkjournalistin arbeiten will, erst seit ihrer Wahl. Sie hat keine dieser typischen Parteikarrieren hinter sich, war nicht in der Schüler Union und auch nicht in der Jungen Union, und zum RCDS kam sie erst, als sie ein Theologen-Seminar organisieren wollte. "Mach das doch über den RCDS", riet ein Bekannter, "die unterstützen dich und finanzieren dir das auch noch." Die Hilfe machte Eindruck. "Plötzlich stand ganz viel Manpower hinter mir", erinnert sie sich.
Außerdem fand sie im RCDS Leute mit ähnlichen Wertvorstellungen. Und Werte sind nun mal wichtig für Barbara von Wnuk-Lipinski. Dass sie mit den linken Gruppen im Studentenparlament keine gemeinsame Basis hat - überhaupt keine Frage. "Ich bin im Umgang mit Menschen von zu Hause ein gewisses Benehmen gewöhnt", sagt sie. Und dann saßen da die Linken mit den Füßen auf dem Tisch: "Da war mir doch klar, wohin ich gehe", sagt die RCDS-Chefin, der als politisches Vorbild zuerst Margaret Thatcher einfällt - "weil die ihre Jungs im Griff hatte".
Bei den Kommilitonen vom RCDS musste sie sich auch nicht mehr dafür rechtfertigen, dass sie Leistung bringen möchte in ihrem Studium. Auch wenn sie nicht Jura studiert wie ihre Schwester oder BWL wie ihr Bruder - Fächer eben, bei denen man schon weiß, was man später verdient. Gegen Studiengebühren ist sie trotzdem, auch wenn sie wegen dieser Haltung oft bei den älteren Parteifreunden aneckt. Denn schließlich ist das Studium etwas wert, eine Investition in die Zukunft, und da sollte die Politik doch besser positive Signale setzen, etwa durch Stipendien.
Für den Job beim RCDS hätte sie selbst ihr Studium nie unterbrochen, das ist durch ein Auslandsjahr in Dublin und die Arbeit beim Radio, unter anderem bei der ARD in New York, ohnehin schon etwas länger geraten als geplant. Zwischen Examen und Doktorarbeit passt das eine Jahr Politik ganz gut. Die Arbeit will sie aber auf jeden Fall noch schreiben, weil sie gern "auf einem Gebiet Expertin sein will".
Richtig gut sein möchte Wnuk-Lipinski bei allem, was sie anfasst. Im Moment ist das die Politik, früher, zu Hause in Koblenz, war es der Sport. Als sie merkte, dass sie als kleine, zarte Schwimmerin der Konkurrenz hinterherpaddelte, wechselte sie zum Segeln, weil im Einhandboot nicht nur Kraft entscheidet, sondern auch Taktik. Es folgten Landesleistungskader, Deutsche Meisterschaften, Ausscheidungskämpfe für die Weltmeisterschaft. Heute segelt sie nur noch zum Spaß.
Das rechte Kampfblatt "Junge Freiheit" begrüßte die neue Vorsitzende als lebenden Beweis für einen Rechtsruck im RCDS. Die Wochenzeitung feierte die "wertkonservative Vordenkerin", die für eine "Rückbesinnung auf die weltanschaulichen Wurzeln" des Verbandes sorgen würde. Auch ihre Herkunft aus dem "ostelbischen Vertriebenenadel" gefiel den Machern der "Jungen Freiheit".
Das war nicht gerade die Werbung, die Wnuk-Lipinski sich gewünscht hätte. "Der Autor hat gar nicht mit mir gesprochen", sagt sie, "ich werde da in eine Ecke gedrängt, in der ich mich überhaupt nicht sehe." Wenn konservativ sein heißt, "das Gute zu bewahren und das Schlechte zu verbessern", okay, dann sei sie wohl konservativ. Aber an Ostelbien hat die Rheinland-Pfälzerin, deren Familie vor 100 Jahren aus Polen nach Deutschland kam, "überhaupt noch nie gedacht".
Für ihre politische Arbeit will Wnuk-Lipinski jetzt den Bundestagswahlkampf nutzen. "Das politische Bewusstsein ist im Moment besonders ausgeprägt", sagt sie. Sie will sich zur Stammzellforschung äußern und zur PDS, zu Studiengebühren und Hochschulreformen, will Unionsgrößen für Veranstaltungen an den Hochschulen gewinnen und "Lobbyarbeit für Studenten" leisten - auch bei den Herren im CDU-Vorstand.
Von Julia Koch

UniSPIEGEL 4/2002
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