01.06.2002

studierenZWISCHEN TANGO UND DEMO

MITTEN IN DER WIRTSCHAFTSKRISE GENIESSEN DEUTSCHE STUDENTEN DAS LEBEN IN ARGENTINIENS HAUPTSTADT BUENOS AIRES.
Kurz vor der Klausur betrat der Hausmeister der Universidad de Buenos Aires den Vorlesungssaal. "Verlassen Sie das Gebäude", forderte er die Studenten auf. "Die Uni wird geschlossen, es herrscht Ausnahmezustand."
Florian Vollweiler, 22, blieb wie seine argentinischen Kommilitonen einfach sitzen. Während draußen die Demonstranten auf ihre Töpfe schlugen und den Rücktritt des damaligen Staatspräsidenten Fernando de la Rúa forderten, schrieb der Student aus dem pfälzischen Haßloch seine Klausur über internationale Politik zu Ende. Erst dann ging er in die Stadt, die ihn an "ein überfülltes Fußballstadion" erinnerte.
"Einen Nachholtermin für die Klausur hätte es wahrscheinlich nie gegeben", so erklärt der Student, warum er trotz der Aufforderung im Saal blieb. Vollweiler, der für ein gutes halbes Jahr Politikwissenschaft, Spanisch und Amerikanistik an der größten Universität Argentiniens studiert, fügt hinzu: "Ohne Gelassenheit kommst du an der Universidad de Buenos Aires sowieso nicht weiter."
Vollweiler ist einer von etwa 40 deutschen Studenten, die nach Schätzungen der deutschen Botschaft pro Jahr an einer argentinischen Hochschule studieren. Nicht erst seit dem vergangenen Dezember, als die Regierung den argentinischen Staat für Bankrott erklärte, wirkt sich die Wirtschaftskrise verheerend auf die staatlichen Universitäten aus. "Das Institut für Politikwissenschaft habe ich auf den ersten Blick für eine ausrangierte Lagerhalle gehalten", erzählt Vollweiler. In den Gebäuden bröckelt der Putz, und oft fehlt sogar das Geld für Heizung, Glühbirnen oder Mikrofone.
Auch für Silke Meier, 24, waren die Zustände an der Universidad de Buenos Aires (UBA) anfangs gewöhnungsbedürftig. Ihre Seminare fanden teilweise im Dunkeln statt, und von den Vorlesungen konnte sie nur etwas hören, wenn sie einen Platz in der ersten Reihe ergatterte. Manche Vorlesungen fallen sogar völlig aus: 30 bis 40 Prozent der Professoren arbeiten umsonst und müssen sich mit anderen Jobs durchschlagen. Auch die übrigen Dozenten können von ihren Gehältern kaum leben. Die meisten Gelder fließen in die aufgeblähte Verwaltung der riesigen Universität.
Trotzdem hat die Studentin Meier ihre Entscheidung, an eine staatliche Hochschule im krisengeschüttelten Argentinien zu gehen, kein einziges Mal bereut. Meier studierte Theaterwissenschaft, Hispanistik und Musikwissenschaft in Berlin, bevor sie sich für ein Jahr an der UBA einschrieb.
"Ich wollte mein Spanisch aufbessern und dazu so weit weg wie möglich von Europa", erklärt sie. Dass sie gerade nach Buenos Aires ging, verdankt sie den schwärmerischen Erzählungen ihrer argentinischen Spanischlehrerin. Inzwischen spricht sie selbst das weiche Spanisch der Argentinier.
Angst, dass ihr in der angespannten Lage etwas zustoßen könnte, hat Meier eigentlich nicht. "Natürlich muss man wie in jeder Großstadt aufpassen, in welchem Viertel man sich bewegt", sagt die gebürtige Lörracherin. Demonstrationen und Unruhen beschränken sich in der Stadt aber auf wenige Plätze, etwa vor dem Kongress, vor dem Regierungsgebäude oder vor den großen Banken. Selbst als die Polizei am 20. Dezember vergangenen Jahres mit Wasserwerfern, Schlagstöcken und Gummigeschossen auf Demonstranten losging, fühlte die Deutsche sich nicht bedroht: "Wir saßen ein paar Straßen weiter in einem Café."
Wolfgang Bongers, Leiter des DAAD-Informationsbüros in Buenos Aires, meint: "Ein Risiko muss man natürlich einzugehen bereit sein, da sich die Situation noch verschärfen könnte."
Was Silke Meier an Buenos Aires beeindruckt, sind seine Widersprüche. Die Einkaufsstraßen sind mittlerweile wie ausgestorben, immer mehr Geschäfte schließen, und überall sieht man bettelnde Passanten. "Das ist natürlich deprimierend", sagt Meier. Das kulturelle Leben hat unter der Krise dagegen nicht gelitten. "Jeden Abend kannst du in eine andere Tangoshow, ein anderes Theaterstück gehen", schwärmt die Theaterwissenschaftlerin. Viele Künstler treten trotz geringer Gagen auf, oft ist der Eintritt sogar frei.
Der morbide Charme der Stadt begeistert Meier auch. Die meisten Häuser stammen aus der Zeit der Jahrhundertwende, als das "Paris Südamerikas" noch boomte und bei Einwanderern genauso beliebt war wie New York. Viele Gebäude wurden von europäischen Architekten entworfen. In dem legendären Jugendstilcafé "Tortoni" ist die Hobby-Geigerin Meier sogar einmal selbst mit einem Tango-Ensemble der Universität aufgetreten. Die Bohème-Atmosphäre gefiel der Studentin so sehr, dass sie sich bei einer älteren Dame im malerischen San Telmo einmietete. Hier tanzen sonntags die Tangotänzer auf der Straße, und die Antiquitätenhändler verkaufen den Reichtum vergangener Zeiten an Touristen.
Auch Florian Vollweiler wohnt in einer Pension in einem Jugendstilhaus, direkt neben dem Kongressgebäude.
Trotz der Idylle in manchem Stadtviertel wirkt die argentinische Hauptstadt nie beschaulich - dazu ist der Großraum Buenos Aires mit seinen zwölf Millionen Einwohnern einfach zu riesig. Vorortzüge, U-Bahnen und bunt lackierte Colectivos - Stadtbusse - verbinden die weitläufigen Vororte mit dem Zentrum.
Dass Buenos Aires übersetzt "Gute Lüfte" heißt, kann sich heute angesichts des Verkehrs keiner mehr vorstellen: Die 22spurige Hauptstraße "9 de Julio" überquert kein Fußgänger während einer einzelnen Ampelschaltung - auch wenn der Straßenverkehr wegen der Wirtschaftkrise abgenommen hat.
Mit ihren rund 250 000 Studenten übertrifft die UBA jede deutsche Massenuniversität. Allein an der philosophischen Fakultät sind 20 000 eingeschrieben.
Anfangs war Silke Meier zwar erschrocken, als sie sich zum Einschreiben in eine über zwei Stockwerke reichende Schlange einreihen musste. Vorsorglich suchte sie sich kleine Seminare aus, beispielsweise über die Widerstandsbewegung im argentinischen Theater während der Militärdiktatur. In den Vorlesungen knüpfte sie schnell Kontakte. "Die Argentinier sind sehr an Europäern interessiert", erzählt sie. Viele Bewohner von Buenos Aires stammen von europäischen Einwanderern ab, mehr als eine halbe Million Argentinier haben deutsche Vorfahren: "Alle wollen etwas über Deutschland wissen."
Das Studium selbst ist ziemlich verschult. Oft diktiert der Professor Definitionen und Formulierungen. Die Atmosphäre in den Kursen ist dagegen locker, erzählt Meier. "Dass sich der Professor während der Vorlesung eine Zigarette anzündet oder die Studenten ein Gefäß mit Mate-Tee herumwandern lassen, ist ganz normal."
Auch ihre Verwunderung darüber, dass manche Studenten und Professoren sich zur Begrüßung sogar ein Küsschen auf die Wange geben, ist verflogen. "Die Argentinier sind eben überschwänglicher als wir."
Auch Florian Vollweiler fühlt sich als einziger Deutscher an seiner Fakultät nicht verloren. Besonders genießt er es, dass die argentinischen Studenten, statt in teure Clubs zu gehen, ihre eigenen Partys organisieren. Wird er zu einem Kommilitonen nach Hause eingeladen, bekommt er dann meist Asado, ein riesiges Stück Rindfleisch vom Grill.
Die Krise schweißt die Studenten zusammen. "Immer wieder spricht mich jemand an, ob ich nicht mit demonstrieren will", sagt Meier. Wenn der Staat wieder einmal die Bildungsgelder kürzt, finden sich die Studenten zu Sitzstreiks und politischen Kundgebungen zusammen. "Die meisten Leute sind politischer und wacher als in Deutschland", lobt Meier, "da kommen ungeheuer interessante Gespräche zu Stande."
Die Streiks legen manche Hochschule sogar monatelang lahm. Der Niedersachse Winfried Holzenkamp konnte drei Monate lang nicht studieren, weil sich Professoren und Studenten der "Escuela de Música Popular Avellaneda", an der er sich für das Fach Tango eingeschrieben hatte, im Dauerstreik befanden. Jetzt ist der Kontrabassist fast dankbar, dass der Unterricht so lange ausfiel. Stattdessen nahm er Stunden bei einem berühmten Tango-Bassisten und schaffte es als Deutscher in eines der besten Tangoorchester Argentiniens.
Und noch ein Gutes hat die Wirtschaftskrise: Seit der argentinische Peso nicht mehr starr an den Dollar gekoppelt ist und immer mehr verfällt, ist das Leben in Argentinien für Deutsche um mehr als die Hälfte billiger geworden. Das Studium an der staatlichen UBA ist umsonst, die Lebenshaltungskosten sind inzwischen niedriger als in Deutschland. "Mit einer Kreditkarte und einem deutschen Konto kann man von jedem Automaten Geld abheben und muss nicht wie die Argentinier vor der Bank Schlange stehen", erklärt Wolfgang Bongers vom DAAD.
Teurer wird ein Studium in Argentinien allerdings an einer der etlichen privaten Universitäten. Der Münchner Marc-Michael Bergfeld, 24, entschied sich für die Universidad de Belgrano im gleichnamigen Nobelviertel von Buenos Aires. Der Eingang der Hochschule ist mit Marmor ausgelegt, und einen Streik hat Bergfeld noch nie miterlebt. Er studierte zuvor Betriebswirtschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die mit verschiedenen argentinischen Universitäten zusammenarbeitet.
Die meisten deutschen Hochschulen, die Studiengänge mit dem Schwerpunkt Lateinamerika anbieten, pflegen solche Kooperationsabkommen - so wie Universitäten in Köln, Berlin oder München. Angehende Kulturwirte der Universität Passau können an der Universidad del Salvador in Buenos Aires ein argentinisches Diplom machen. Anders als Vollweiler und Meier bekam Marc-Michael Bergfeld auch eine Garantie, dass seine Leistungen an der argentinischen Universität in Deutschland voll anerkannt werden.
Um die Studiengebühren bezahlen zu können, suchte sich Bergfeld einen Job bei der Niederlassung einer Münchner Firma in Buenos Aires und ging erst abends zur Uni - in Argentinien durchaus üblich. Die meisten einheimischen Studenten sind berufstätig, sonst könnten sie ihr Studium nicht finanzieren. Vorlesungen und Seminare liegen deshalb meist in den Morgen- und späten Abendstunden. "So kommt es zu dem Paradox, dass in der Uni Ché-Guevara-Poster hängen, die Studenten davor aber im Anzug herumlaufen", erzählt Vollweiler.
Für deutsche Studenten gibt es etliche Möglichkeiten für einen Nebenjob. Traditionell haben viele deutsche Firmen Niederlassungen in Buenos Aires, es gibt eine Deutsch-Argentinische Industrie- und Handelskammer und einen Club für deutsche Geschäftsleute. Florian Vollweiler machte in den Semesterferien ein Praktikum bei der Konrad-Adenauer-Stiftung in Buenos Aires, auch das Goethe-Institut und andere deutsche Einrichtungen bieten Plätze an.
Zwar ist auch das Studium seit der Entwertung des Peso für Deutsche billiger geworden - statt 500 Dollar pro Monat zahlt man immer weniger. Doch nebenher zu arbeiten bringt oft mehr als nur Geld. "Ich habe plötzlich kapiert, was eine Entscheidung der Unternehmensführung in München für Tausende Menschen hier in Argentinien bedeutet", sagt Marc-Michael Bergfeld. "Eigentlich sollte jeder Manager, der in einem internationalen Unternehmen arbeitet, mal in einem Land wie Argentinien gelebt haben." In seiner Diplomarbeit will er sich mit der Verantwortung internationaler Konzerne für ihre Auslandsniederlassungen beschäftigen.
Auch Silke Meier wollte in Argentinien für ihre Magisterarbeit recherchieren. Doch die meisten Manuskripte des argentinischen Komponisten, über den sie schreiben wollte, waren im staatlichen Institut für Musikwissenschaft verloren gegangen. "Der schlimme Zustand dort hat mich schon entsetzt", meint die Studentin, "aber letztlich habe ich in Argentinien gelernt, mich zu entspannen."

TIPPS FÜR ARGENTINA:Wer für einige Zeit in Argentinien studieren möchte, kann sichdirekt bei der Universität mit einem Gutachten eines Professors ausDeutschland bewerben und muss Spanischkenntnisse nachweisen.Informationen gibt es auf der Homepage des DAAD (www.daad.de) undbei den Akademischen Auslandsämtern sowie der Universidad de BuenosAires (www.uba.ar). Das Wintersemester beginnt im März, dasSommersemester im August. Man sollte so früh wie möglich Kontaktzur Uni aufnehmen. Stipendien vergibt der DAAD. Studierendeerhalten zur Zeit pro Monat 690,24 Euro, Graduierte und Doktoranden1431,62 Euro.Das Studentenvisum ist teuer und kompliziert zu beantragen.Viele Studenten umgehen diese Hürde, indem sie nach Ablauf desdreimonatigen Touristenvisums für ein Wochenende ins benachbarteUruguay fahren. Bei der Einreise nach Argentinien wird das Visumautomatisch erneuert.
Von Sonja Volkmann-Schluck

UniSPIEGEL 4/2002
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