Von Mohr, Joachim
Forschung ist die Grundlage der Lehre, und die Grundlage der Forschung ist die Grundlagenforschung. Die heißt in Deutschland so, weil sie keinen Grund haben darf. Das ahnte schon der Raketenpionier Wernher von Braun: "Grundlagenforschung betreibe ich dann, wenn ich nicht weiß, was ich tue." Mit dieser Einstellung hat er uns bis auf den Mond geschossen. Nirgendwo ist die Freiheit der Wissenschaft so notwendig wie in der Grundlagenforschung, denn wenn ein deutscher Professor erst mal Sinn und Nutzen seines Tuns erklären muss, kann er keinen vernünftigen Gedanken mehr fassen. Wer wie neuerdings unsere Regierung in ihrem Sparwahn angeblich nutzlose Institute der Grundlagenforschung schließen möchte, treibt nur die besten Köpfe ins Ausland. Zum Beispiel Burkhard Polster. Erst an der Monash University in Australien fand er offenbar die förderliche Umgebung für die Erforschung der grundlegenden Frage: "Wie schnüre ich meine Schuhe am besten?" Mit Hilfe mathematischer Gleichungen kam er zu der Erkenntnis, dass die so genannte Kreuzschnürung andere Verknüpfungen, etwa die gerade Schnürung, in den Senkel stellt ("Nature", Bd. 420, S. 476). Ungelöst ist leider weiter das Problem der sicheren Schleifenbildung, an dem täglich Millionen Menschen verzweifeln. Bei unseren Gegenfüßlern wird unter dem Codenamen "Kangaroo Loop" an einer Schlaufe geforscht, die selbst bei heftigem Hüpfen nicht aufgehen soll. Das wäre toll.
Grundlagenforschung in Deutschland bemüht sich neuerdings ebenfalls um lebensnahe Ergebnisse. "Wie der radioaktive Zerfall folgt auch der Zerfall des Bierschaums Exponentialgleichungen" - wie viele Maß musste der Münchner Naturwissenschaftler Arnd Leike leeren, bis er diese süffige Formel fand ("European Journal of Physics" Bd. 23, S. 21 - 26)? Manchmal ist das Forschen nach den Grundlagen prickelnder als das Ergebnis. In einem Feldversuch mit unbekleideten und bekleideten Tänzerinnen konnten US-Wissenschaftler beweisen, dass nackte Frauen auf Männer erregender wirken als angezogene ("Law and Human Behavior", Vol. 24, S. 507 - 533). Aktuell arbeiten Spezialisten der Universität Bonn an einer Studie über "Handgeschirrspülen in Europa". Womöglich werden die Erkenntnisse helfen, Maßkrüge schaumfreudiger zu reinigen oder das Nacktspülen zu verbieten. Vielleicht weiß auch einfach jemand nicht, was er tut. Aber auf keinen Fall sollte an diesem Projekt gespart werden.
UniSPIEGEL 1/2003
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