03.02.2003

studierenDAS SCHWUCHTEL-DIPLOM

DAS MODEFACH „GENDER STUDIES“ HAT EINEN NEUEN ABLEGER FÜR SEXUELLE MINDERHEITEN BEKOMMEN - MIT DEM ERSTEN LEHRSTUHL FÜR „QUEER THEORY“.
Die Stellenbeschreibung für die neue Professorin klang reichlich kompliziert. Der Job, der da Anfang 2001 von der Hamburger Uni angeboten wurde, verlangte die "Beschäftigung mit Queer Theory und Themenfeldern von Transsexualität, Transgender, Bisexualität und Homosexualität sowie die Reflexion von Normalisierungs-, Hierarchisierungs- und Differenzierungsprozessen", und all dies "in Bezug auf Heteronormativität und Zweigeschlechtlichkeit".
Es ging um eine Professur für "Queer Theory". Und für die Potsdamer Soziologin Sabine Hark klang die Ausschreibung kein bisschen kompliziert. Wenn in den letzten Verhandlungen alles glatt geht, wird sie vom Sommer an in Hamburg unterrichten. Hark wäre die erste Professorin für "Queer Studies" in Deutschland, sie gilt als ausgewiesene Expertin im Fach.
Für die meisten anderen stellen sich allerdings zwei Fragen: Was ist das? Und: Was macht man damit?
Queer Studies sind ein Teilgebiet der so genannten "Gender Studies", und das wiederum ist der neueste Modestudiengang in Deutschland. In Hamburg und in Berlin kann man Gender Studies als eigenes Studienfach belegen, zahlreiche Hochschulen haben entsprechende Seminare im Programm.
Gender Studies kommen aus den USA, sie sind ein Kind der Frauenforschung. "Gender" heißt so viel wie Geschlecht, gemeint ist aber nicht die Anatomie, sondern die Geschlechterrolle.
In Hamburg haben zum Wintersemester die ersten 40 Studierenden mit den Gender Studies begonnen, Männer und Frauen sind noch gleichermaßen vertreten. In Berlin, wo es den Studiengang schon seit vier Jahren gibt, überwiegen mittlerweile die Frauen.
Belegt werden zwar auch viel versprechende Seminare mit Themen wie "Der Orgasmus im 20. Jahrhundert". Die meisten Veranstaltungen aber klingen nach alten Losungen der Frauenemanzipation: "Geschlechterverhältnisse als Machtverhältnisse" etwa. Ebenfalls im Angebot: "Einführung in die feministische Theorienbildung" oder "Geschichte ausgewählter sozialer Bewegungen unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechter- und Sexualitäten-Bewegungen".
Auch die Queer Studies beschäftigen sich mit den Geschlechterrollen, allerdings mit denen der Minderheiten: Wie gehen Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Lesben mit der "Heteronormativität" um, also dem Druck, normal zu sein?
"Das ist für viele ein Naserümpf-Thema", sagt die Expertin Sabine Hark. "Queer Studies sind noch nicht sehr anerkannt." Als Student aber könne man lernen, "wie Mehrheiten funktionieren und wie die gesellschaftliche Dominanz eines Lebensstils hergestellt wird".
"Queer" bedeutet eigentlich "eigenartig, schräg" und wurde in den USA lange als Schimpfwort für Homosexuelle benutzt. Doch irgendwann eignete sich die Szene das Wort an, so ähnlich, wie die Schwarzen anfingen, das Wort "Nigger" mit Stolz zu benutzen: Vom richtigen Menschen mit dem korrekten Bewusstsein ausgesprochen, lag nichts Abschätziges mehr darin.
Queer wurde ein Kampfbegriff, in Abgrenzung zu "gay", das nicht nur "schwul", sondern auch "fröhlich" heißt. Queer war nicht fröhlich, queer nannten sich nunmehr alle, die offensiv anders lebten als die Mehrheit - Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle.
Das führt mitunter zu abenteuerlichen Konflikten: Wenn schwule Paare sich für die Homo-Ehe stark machen, ist das der Queer-Gemeinde eher suspekt. Wer heiratet, so der Verdacht, bestätigt damit nur das Konstrukt der bürgerlichen Hetero-Zweierbeziehung.
Queer ist also zunächst einmal ein Lebensstil, und zwar der einer Minderheit innerhalb einer Minderheit. Sind Queer Studies also nur etwas für Leute, die sich gern mit sich selbst beschäftigen, zumindest aber mit selbst gemachten Problemen, was in einigen Fällen auch dasselbe sein kann - ein Schwuchtel-Diplom, sozusagen?
"Nein", sagt die Hamburger Dozentin Marianne Pieper, die mithalf, den Studiengang zu etablieren: "Wir sind keine akademische Selbsthilfegruppe." "Nein", sagt auch Birte, eine 24-jährige Studentin, die seit acht Semestern Politik und neuerdings auch Gender Studies in Hamburg studiert. Queer Studies sei einfach "das Infragestellen von Selbstverständlichkeiten".
Eine der Selbstverständlichkeiten ist beispielsweise die Annahme, dass es zwei Geschlechter gibt, Männer und Frauen nämlich. Wissenschaft, zumal die Geisteswissenschaft, ist die Kunst der Definition. Judith Butler, die USamerikanische Vordenkerin der Queer Studies, nimmt einfach mal per definitionem an, dass die Zweiteilung der Menschheit in Mann und Frau ein rein kultureller Vorgang sei. Wenn "Natürlichkeit" also "eine Fiktion" ist, dann gibt es tatsächlich eine Menge Fragen zu beantworten, die man sonst nicht hätte.
Zur Unterscheidung von Mann und Frau taugt die Anatomie nach Meinung von Judith Butler nicht. "Mann" und "Frau" sei nur eine "linguistische Norm", Menschen würden durch Benennung ihres Geschlechts in entsprechende Rollen hineingedrängt.
Und das wirft dann so viele Probleme auf, dass ein eigener Studiengang wohl unvermeidlich ist. Die hochseriöse "Neue Zürcher Zeitung" beispielsweise rätselt: "Ist ein erotischer Akt zwischen einer Frau und einer nicht operierten Mann-zu-Frau-Transsexuellen eine lesbische oder eine heterosexuelle Handlung?"
Wer solche Fragen dank seiner Queer-Studien beantworten kann, hat der bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt?
Spezialwissen zu haben sei "immer gut", sagt Birte, die Studentin: "Vielleicht in den Medien." Stefan Micheler von der Hamburger "LesBiSchwulen Arbeitsgemeinschaft" sieht Queer-Absolventen "im pädagogischen Bereich" landen. Und Queer-Dozentin Hark weiß, dass man mit manchen Wissenschaften eigentlich nur Wissenschaftlerin werden kann. Das aber sei "in vielen Fächern so". Und außerdem: "Queer Studies ist ja gerade erst eingerichtet, da kann man noch gar nicht sagen, wo die Leute später gebraucht werden."
Ermöglicht wird der Studiengang in Hamburg durch das Frauenförderprogramm des Bundes und der Länder. Dank des alten, rot-grünen Senats sind in den nächsten Jahren zehn C-3-Professuren für das Fach gesichert.
"Gender Studies braucht man, um Gender-Kompetenz zu entwickeln", sagt die Soziologin Pieper. Zwar bereite der Studiengang nicht direkt auf einen bestimmten Beruf vor, "aber das ist bei vielen anderen Nebenfächern ja auch so", sagt sie. Absolventen könnten später überall dort arbeiten, wo Gender-Kompetenzen gefragt seien: in Beratungsstellen oder Personalabteilungen etwa.
Mit der nötigen Gender-Kompetenz kann ein Mann sogar Frauenbeauftragter werden.
Von Ansbert Kneip

UniSPIEGEL 1/2003
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