Von Schmidt-Klingenberg, Michael
Bis vor kurzem wussten sie nicht, wo Bagdad oder Nadschaf liegt, und hörten "Crash! Boom! Bang!" auf ihren MP3-Playern. Nun blinken sie für den Frieden, malen sich "no war" auf die Stirn und schneiden sich das Peace-Zeichen in die Haare. So jung wie heute war noch keine Antikriegsbewegung. Der Studentenprotest gegen den Vietnamkrieg war immerhin schon volljährig, bei den Blockaden gegen die Raketennachrüstung hoben zahlreiche Friedensgreise den Altersdurchschnitt bedrohlich an, und die Demonstranten gegen den letzten Golfkrieg sind offenbar alle inzwischen gestorben. Denn von ihnen sieht man nichts mehr auf den Straßen. Wenn heute aus Zehntausenden von Mündern der Ruf "Bildung statt Bomben" ertönt, dann blitzen Zahnspangen auf und glitzern gepiercte Zungen. Im australischen Sydney haben ihre Altersgenossen sogar Murmeln auf Polizisten geworfen. Ob Gerhard Schröder gedacht hat, dass seine zittrige Anti-Bush-Diplomatie mal so cool wirken könnte? Woher haben die Kinder nur so viel politischen Verstand? Warum wird das bei keinem Pisa-Test berücksichtigt? Und wo bitte bleiben die Studenten?
Sie machen gerade ein Auslandspraktikum bei einem amerikanischen Ölkonzern, arbeiten in den Semesterferien als Hilfslaborant bei einem Biochemie-Start-up und schreiben ihre Diplomarbeit über Strategien zur Überwindung der Krise in den klassischen Werbemedien. Kurz, sie machen alles, was alle Elterngenerationen immer von ordentlichen Studenten erwartet haben und nie bekamen. Ausgerechnet die friedensbewegten Bettlakenheraushänger sind nun mit eifrigen, karrierebewussten Nachkommen geschlagen. Für den Kampf gegen den Krieg haben die leider keine Zeit, weil sie um einen Platz auf dem Arbeitsmarkt kämpfen müssen. Na also: Die Krise der Wirtschaft wirkt offenbar disziplinierender als alle Hochschulreformen mitsamt dem Gebührenterror für Langzeitstudenten. Und da es nach dem Irak-Krieg erst recht mit der Wirtschaft bergab gehen wird, werden die Studenten sich noch mehr anstrengen müssen. Uni-Reformen werden überflüssig. Noch so ein Krieg, Mr. Bush, und in Deutschland kann das Bundesbildungsministerium abgeschafft werden. Was für ein Sieg.
UniSPIEGEL 2/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.
Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.