19.05.2003

studieren

EIN BISSCHEN ZUFALL BLEIBT IMMER

Der Bielefelder Soziologe und Hochschulforscher Wolff-Dietrich Webler über die Fehler der Professoren beim Prüfen

UniSPIEGEL: Warum bieten Sie Seminare an, in denen Hochschullehrer das Prüfen lernen?

Webler: Viele Professoren sind der Ansicht, dass in einem Examen nur der Prüfling versagen kann. Tatsächlich gibt es aber eine lange Liste von Standardfehlern, die Prüfer machen können. Das ist nicht hinnehmbar, weil beim Berufseinstieg viel von der Note abhängt und man davon ausgeht, dass alle Noten unter denselben Bedingungen zu Stande kommen.

UniSPIEGEL: Welches sind die häufigsten Fehler?

Webler: Manche Professoren stellen gern Fragen aus ihrem eigenen Spezialgebiet, anstatt das ganze Fachspektrum abzudecken. Bei Gruppenprüfungen bekommen oft diejenigen die leichteren Fragen, die in einer Runde zuerst gefragt werden. Und wenn Sie nach einem exzellenten Prüfling drankommen und eine mittelmäßige Leistung bringen, werden Sie viel schlechter bewertet, als wenn Sie mit derselben Leistung direkt nach einem hoffnungslosen Fall an der Reihe sind. Andererseits werden die Noten umso besser, je ermüdeter der Prüfer ist.

UniSPIEGEL: Bei schriftlichen Prüfungen müsste es dann eigentlich gerechter zugehen.

Webler: Nicht unbedingt. Wir haben an einem Fachbereich beobachtet, dass die Durchfallquoten in einer bestimmten Klausur dramatisch schwankten, je nachdem, ob es sich um die Klausur im Frühjahr oder Herbst handelte. Das lag daran, dass unterschiedliche Dozenten die Klausur gestellt hatten. Oft kommt es auch vor, dass der Schwierigkeitsgrad einer Aufgabe falsch eingeschätzt und die Lösungen daher auch nicht adäquat bewertet werden.

UniSPIEGEL: Ist gerechtes Prüfen denn erlernbar?

Webler: Ja - annähernd. Ein bisschen Zufall bleibt natürlich immer. Aber in meinen Seminaren spiele ich unter anderem mit den Dozenten verschiedene Prüfungssituationen durch und weise auf Fehler hin. Die sind dann immer entsetzt darüber, was alles schief läuft.

UniSPIEGEL: Was können Studenten tun, wenn sie an schlechte Prüfer geraten?

Webler: Zumindest können sie sich außer Pauken auch sonst gut vorbereiten, etwa als Gäste an Prüfungen teilnehmen, wozu jeder Student ein Recht hat.


UniSPIEGEL 3/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

UniSPIEGEL 3/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

studieren:
EIN BISSCHEN ZUFALL BLEIBT IMMER