08.12.2003

Der Liebeskomplex //Tagebuch einer Trennung

Es ist vorbei und tut noch so weh - die Chronik eines ganz gewöhnlichen Beziehungsdramas unter Studenten - aufgeschrieben von der weiblichen Hauptperson.
10. Januar 2002
Januardepression! Das ist die Erklärung. Ich habe lediglich ein kleines emotionales Zwischentief. Aber warum sitze ich hier und heule, obwohl es mir im Prinzip gut gehen müsste? Ich habe tolle Freunde. In der Uni läuft alles okay, meine Familie hat mich lieb und Alexander, ja der ... liebt mich auch. Ganz bestimmt! Warum verspüre ich dann dieses Angstgefühl im Bauch, wenn ich an meine Beziehung denke?
Es ist ein Gefühl der Abhängigkeit, gemischt mit dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und Fernweh, das mich verunsichert. Es ist so bescheuert, Angst vor einer möglichen Zukunft zu haben, wenn die Gegenwart doch wunderschön ist. Ich fühle mich hin- und hergerissen zwischen Liebe, Beziehung, Selbstverwirklichung, persönlichem Ehrgeiz und diesem unbestimmten Gefühl, sich etwas beweisen zu müssen und emanzipiert zu sein.
15. Januar 2002
Es geht mir immer noch dreckig, und ich weiß jetzt auch, wieso. Es dreht sich doch um Alexander, unsere Beziehung, mich selbst. Ich fühle mich erdrückt von seiner unglaublichen Dynamik, seinem Selbstbewusstsein, seinem ständigen Drang nach Neuem. Dieser Mann kommt einfach nie zur Ruhe. Heute war etwas anders zwischen uns. Ich erzähle völlig unbefangen von meinem schönen Abend mit Franziska, und plötzlich bricht diese Geschichte aus ihm raus: Irgendeine Frau, Iris, hat er auf seine spontane Art einfach so kennen gelernt, und was für eine reizvolle, spannende neue Erfahrung das doch wäre. Bla bla bla. Ich hatte sofort Panik, langweilig zu wirken. Momentan frage ich mich tatsächlich, was er an mir findet, abgesehen von meinem Körper.
24. Januar 2002
Ich habe mich wirklich umsonst verrückt gemacht. Alles wird gut. Er hat mir gesagt, dass er mich liebt. Wahrscheinlich sind tatsächlich meine Hormone mit mir durchgegangen (so was soll ja passieren), oder es gab in den letzten Wochen irgendwelche kosmischen Störungen.
20. Februar 2002
Wie zur Hölle soll ich damit leben?! Er kann mir doch nicht in der einen Woche sagen, dass alles in Ordnung ist, und mir drei Wochen später mitten auf Johannes' Party seine Zweifel gestehen. Das ist emotionales Achterbahnfahren. Ich dachte wirklich, wir wären da durch und er wäre sich endlich sicher. Er hat dann zwar gleich versucht, mich (und damit auch sich) zu beruhigen, aber gesagt ist eben gesagt. Meine Unsicherheit kennt keine Grenzen mehr. Einen Tag geht es mir phantastisch, und im nächsten Moment liege ich im Bett und kann nur noch heulen. Was soll ich nur machen?
9. März 2002
Ich habe es tatsächlich geschafft: Wir waren zusammen für ein Wochenende am Meer, und alles war wieder wie früher. Natürlich musste ich die Wohnung und alles andere organisieren, aber egal! Vielleicht sehe ich das wirklich zu verkrampft und muss ihm mehr Raum und Zeit für sich geben. Ich bin doch eigentlich selbst eine total unabhängige Person, die es nicht ausstehen kann, wenn mir jemand hinterherrennt und alles für mich tut.
3. April 2002
Juhu! Ich habe das Praktikum bekommen. Zwei Monate im Goethe-Institut in Nairobi. Auf nach Afrika! Etwas Abstand wird uns bestimmt gut tun. Dann merkt er endlich mal, was er an mir hat. Der wird mich ganz schön vermissen.
13. Mai 2002
So geht es nicht. Er hat einfach nie Zeit für mich. Und es liegt nicht am Zeithaben, sondern am Zeitnehmen. Natürlich hat er viel zu tun. Das verstehe ich ja. Die Diplomarbeit, nebenbei noch arbeiten. Aber ich habe das Gefühl, dass er seinen Stress als Ausrede benutzt. Heute habe ich mein Handy-Display hypnotisiert und den ganzen Tag auf eine SMS von ihm gewartet, die nicht kam. So kann das nicht weitergehen.
5. Juni 2002
Ich wollte ihn in der Uni überraschen und zum Abendessen einladen. Er war nicht in der Bibliothek. Sein Handy war abgeschaltet, und zu Hause war er auch nicht. Ich bin ziellos von seiner Wohnung durch den Prenzlauer Berg gelaufen, als ich zufällig Nina traf, die mir sofort angesehen hat, wie schlecht es mir geht. Der Abend endete mit einem Totalbesäufnis und meinem Anrufgelalle: "Wo warst du? Ich konnte dich den ganzen Tag nicht erreichen?" "Fußball spielen. Außerdem wollte ich nicht erreichbar sein. Kannst du nicht mal einen Tag lang keine Zeit für mich haben?" Aua, mein Herz. Das tat richtig weh! Ich klammere, o Gott! Wo ist mein Stolz geblieben? In drei Wochen fliege ich nach Kenia.
10. Juli 2002
Afrika, das heißt erst mal Alleinsein ... und Husten, Fieber, Schüttelfrost. Ausgerechnet an meinem Geburtstag. Ich bin 6400 Kilometer weit weg, und meine Beziehungsängste sind genauso präsent wie in Berlin. Alexander hat mir zwar eine liebe Mail geschrieben, aber nicht angerufen. Na ja, er muss in drei Wochen die Arbeit abgeben.
28. Juli 2002
Ich bin jetzt vier Wochen hier, und heute kam seine dritte Mail. Eine pro Woche. Wow! Warum kann ich meine Gedanken an ihn nicht abschalten. Das hier ist MEIN Traum. Dieses Praktikum sollte nur für mich sein. Es nervt mich so. Ich will nicht mehr. Das soll aufhören. Abstand, das klang gut. Aber doch keine Kontaktsperre. Was ist das für ein Spiel? Alexander definiert die Regeln, und ich bin das Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Männchen.
12. August 2002
Alexander und ich haben die Dinge geklärt. Na ja, ich habe ihm in einer Mail endlich alles hingeknallt, bin meinen Frust und meine Enttäuschung losgeworden. Er hat allerdings noch nicht geantwortet.
13. August 2002
Es war doch ein Fehler, ihn unter Druck zu setzen. Seine Reaktion darauf zeigte mir, dass unsere Beziehung wie eine unlösbare mathematische Gleichung ist: (Er + Freiheit) + (Ich+Sicherheit) = X. Und der Platzhalter steht für das Scheitern der Beziehung. Ich habe mir heute eine Nicht-Melde-Frist von vier Wochen gesetzt. Innerhalb dieser Zeit wird er lediglich einmal von mir hören - per Sammelmail, wie alle anderen. Je mehr ich auf ihn zugehe, desto mehr weicht er zurück. Also gehe ich zurück. Ich schaffe das. Außerdem werde ich morgen Elefanten sehen. Yes!
30. August 2002
Rückkehr aus Kenia. Ich steige aus dem Zug am Bahnhof Zoo, und er ist nicht da. Er ist wirklich nicht da. Keine Blumen, keine Freudentränen, keine Umarmung. Nichts! Ich habe zehn Minuten gewartet und bin dann mit meinem zentnerschweren Koffer zum Taxistand geschlurft, auf dem Ledersitz zusammengeklappt und in Tränen ausgebrochen. Der arme Taxifahrer wusste überhaupt nicht, was er mit mir machen sollte. Natürlich war dann alles nur ein "Missverständnis". Er hatte in meiner Nachricht auf seinem AB 14.50 Uhr verstanden und nicht 14.40 Uhr. Egal! Er hätte ja auch nach zehn Wochen Trennung zehn Minuten eher da sein können - nur zur Sicherheit. Deutlicher kann er es mir nicht sagen, dass sich nichts geändert hat.
3. September 2002
"Sehen wir uns dann übermorgen?" "Ja, natürlich." "Rufst du mich morgen Abend noch mal an?" "Wieso?" Das Ende unseres gestrigen Gesprächs und seine Essenz: Die Chronik einer angekündigten Trennung. Morgen werde ich mit ihm sprechen, und ich weiß eigentlich schon, wie es ausgehen wird.
4. September 2002
Es ist vorbei. Ich bin mit dem Fahrrad in die eine, er in die andere Richtung gefahren. Das war's. Anderthalb Jahre, einfach vorbei. Er hat genauso geheult wie ich. Na wenigstens etwas. Er hat gesagt, wie Leid es ihm tut, und er wünschte, seine Gefühle wären anders. Wenn ich ihn wenigstens hassen könnte, aber noch nicht mal diesen Ausweg lässt er mir. Wie unter Drogen bin ich bei Katharina aufgeschlagen. Sie hat mir einen Tee gekocht und gesagt, ich solle vielleicht mal wieder was essen. Geht nicht. Mein Magen verweigert jegliche Nahrungsaufnahme. Mir ist kontinuierlich schlecht.
5. September 2002
Ich kann überhaupt nicht allein sein. Ich fühle mich wie ein kleines Kind, das lernen muss, selbständig zu laufen. Katharina bemuttert mich 24 Stunden am Tag. Ich schlafe sogar in ihrem Bett.
18. September 2002
Heute habe ich etwas ganz Furchtbares getan. Erst war ich mit Franziska auf einer Party, wo lauter glückliche Pärchen lauter liebe Dinge zueinander gesagt haben. Ich hätte kotzen können! Nach zwei Stunden bin ich geflüchtet - ausgerechnet in den schlimmsten Schickeria-Club Berlins. Ich habe mich in die dunkelste Ecke verzogen, Bier getrunken und eine ganze Schachtel Zigaretten geraucht. Dann bin ich zu ihm gefahren und habe geklingelt. Er war nicht da. Danke, lieber Gott. Danke. Ich hätte die Schmach im Nachhinein nie ertragen.
30. November 2002
Wie kann man eine langsam heilende Wunde ganz schnell wieder neu aufbrechen? Alexander hat es geschafft. Wir haben uns zum ersten Mal seit der Trennung gesehen und waren Kaffee trinken. Da erzählt er mir so ganz nebenbei, dass er mit Sylvia, seiner Ex, über die er natürlich längst total hinweg war, wieder etwas angefangen hat. Sie hätten Pläne gemacht, nach Australien zu gehen, zusammen zu arbeiten und so weiter. Lauter tolle Dinge, die auf unserem gemeinsamen Zukunftsplan nie erschienen sind. Es ist aber nichts daraus geworden. Sie war dann doch nicht die Antwort auf seine Suche nach sich selbst oder nach ich-weiß-nicht-was. Das Schärfste war, dass er sich erst noch gewundert hat, warum ich mitten im Café angefangen habe zu weinen.
10. Januar 2003
Neues Jahr, neues Glück. Aber das lässt auf sich warten. Wann höre ich endlich auf, weiche Knie zu bekommen, wenn ich ihm an der Uni begegne?
20. März 2003
Es ist passiert. Ich saß auf meinem Fahrrad, die Sonne schien, und es roch nach Frühling. Auf einmal wusste ich: Es ist vorbei. Auf der Treppe in den Lesesaal kam er mir entgegen. Er hat mich vorsichtig angelächelt. Und da habe ich zurückgelächelt - ganz einfach.
Von ANNE BRANDENBURGER

UniSPIEGEL 6/2003
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