18.10.2004

Im Uni-Camp

Die Universität ist wie ein Dschungel: Man muss die ungeschriebenen Gesetze und Regeln kennen, dann geht man nicht verloren. Hier einige der wichtigsten:
Für Erstsemester
Wenn du Leute an der Uni kennen lernst, versuche schnell herauszufinden, ob sie Wochenendheimfahrer sind. Wenn ja, entferne dich unter einem unauffälligen Vorwand. Sie sind die langweiligsten Menschen. Was dir aber erst nach drei Monaten auffällt, weil du vorher jedes Wochenende erfolglos mit ihren Anrufbeantwortern oder ihren Mitbewohnern gesprochen hast.
Finde heraus, ob deine Mensa-Köche die rote oder die weiße Soße besser können. Wähle danach die Gerichte aus.
Mache ungewöhnliche Sportarten. Denn nur an der Uni kann man einfach mal Rhönrad fahren, Ultimate Frisbee spielen oder testen, ob nicht doch Eisstockschießen der eigenen Persönlichkeit am besten entspricht.
Feiere Partys in deiner Wohnung. Nur jetzt ist die Zeit, in der du nicht als Erstes an den Ärger danach denkst, wenn betrunkene Gäste sich beim Fallen am Duschvorhang festhalten, auf dem Sofa Tsatsiki verteilen oder an der Deckenlampe durch das Wohnzimmer schwingen.
Finde heraus, wer in deinem Semester ein Auto hat und wer etwas von Computern versteht. Freunde dich mit beiden an.
Wenn du selbst ein Auto hast: Hüte dich vor all den Schleimern, die sich in den ersten Semesterwochen mit dir anfreunden wollen, damit du sie zu weit außerhalb gefeierten Partys fährst oder bei Regen vom Seminar nach Hause.
Schließe zu Beginn des Studiums ein Geschäft mit einem Kommilitonen ab. Für jede Kopie, die er während seines Studiums macht und wirklich benutzt, bekommt er einen Euro, für die überflüssigen bekommst du jeweils zehn Cent. Du wirst bald aufs Bafög verzichten können.
Für Fortgeschrittene
Erweitere deinen sexuellen Horizont. Du solltest also mindestens eine kurze und stürmische Affäre mit einer/m älteren Frau/Mann erleben, dich einmal auf ein gleichgeschlechtliches Techtelmechtel einlassen, mit jemandem schlafen, dessen Namen du nicht kennst und Sex an folgenden Orten haben: in der Bibliothek des Theologischen Instituts, im leeren Audimax, in der Küche einer fremden WG, im Nachtbus auf der Rückbank.
Fahre ein Semester lang auf unkonventionellem Wege in die Uni. Dazu zählen: Wakeboard, Golfcart, BMX-Rad, Skateboard, Panzer, der Maserati des stadtbekannten Dealers, Hochrad oder eine große durchsichtige Kugel, in die du hineinkletterst und in der du dich rollen lässt. Auf keinen Fall: Liegerad, Inlineskates und Tretroller.
Gründe eine Band, mit der du nie probst, die aber durch geschickt gestreute Gerüchte so viel Wirbel erzeugt, dass sie für ein großes Uni-Fest gebucht wird. Nachdem ihr die Gage vorab kassiert habt, stellt ihr euch in Nonnentracht und Matrosenuniformen auf die Bühne, lasst in brachialer Lautstärke "Fight the Power" von Public Enemy laufen, während ihr abwechselnd eine Kissenschlacht veranstaltet und auf Metallrohren und Stahlplatten herumhämmert. Im Hintergrund laufen Super-8-Aufnahmen von euren Kindergeburtstagen. Bleibt dabei todernst, und nennt es Kunst. Verlangt für jeden neuen Auftritt doppelt so viel Geld wie für den vorigen.
Praktiziere den ultimativen Extremsport "Ich lasse das Rückmeldedatum jedes Semester verstreichen und versuche dennoch, nicht exmatrikuliert zu werden". Mit Adrenalingarantie!
Baue eine Stanzmaschine, mit der man Zwei-Euro-Münzen-Imitationen pressen kann. Setze dich damit vor die Schließfächer in der Bibliothek und verkaufe sie für ein Euro das Stück an kleingeldlose Kommilitonen kurz vor dem Nervenzusammenbruch.
Trage eine ausgefallene Frisur. Zu deinem fünfzigsten Geburtstag wird sie dir, deinen Kindern und den Freunden als Beweis dienen: Du warst nicht schon immer so angepasst und spießig.
Mache abwegige Praktika. Wann kannst du sonst dein Faible für Vulkanforschung, Perückenknüpfen oder Feuerwerksinszenierung ausleben oder entdecken?
Wenn du etwas von Computern verstehst: Bemühe dich um eine Stelle im CIP-Pool deines Instituts. Alle werden dich hassen oder zumindest verachten - aber sie werden auch von dir abhängig sein. Professoren werden dich für statistische Auswertungen brauchen, da sie die alles entscheidende Software ohne dich nicht einmal starten können. Und Kommilitonen werden dir für die Wiederherstellung ihrer gelöschten Hausarbeit zwei Stunden vor Abgabe ein Jahr lang den Abwasch machen - wenn du es geschickt anstellst, kannst du ihnen vielleicht sogar ihr Auto abschwatzen.
Für Profi-Studenten ab dem 12. Semester
Drehe den Film "Super - Depress - me". Gehe dazu für eine Woche in den so genannten Freihandapparat im atombombensicheren Keller der Zentralbibliothek, schaue dir Kataloge auf Mikrofiche an und versuche, seltene Bücher per Fernleihe zu bestellen.
Mache in den Lernpausen der Bibliothek kurzweilige Spiele. Beispielsweise: Wer schafft es am schnellsten und mit möglichst wenig Kopien, seinen kompletten Körper auf dem Fotokopierer abzulichten?
Lies bei einem beliebigen Referat in einem soziologischen Hauptseminar die ganze Zeit aus einem "Fix und Foxi"-Comic vor und versuche herauszufinden, ob sich jemand wundert.
Erzähle auf Partys interessanten Männern mit einem billigen französischen Akzent, du seiest Erasmusstudentin aus Paris. Flüstere interessanten Frauen zu, sie sähen aus wie eine Erasmusstudentin aus Paris.
Tritt in irgendeine Studentenpartei ein, gebe dir einen geheimnisvollen Namen und kandidiere für das Studentenparlament. Denn kein Student versteht etwas von Hochschulpolitik, aber alle wählen jemanden, der "Simon Art Goldblum" oder "Ruth Maria Bois de Bologne" heißt.
Melde dich bei "Wetten dass..." mit der Behauptung, du könntest allein am Quietschgeräusch des PVC-Bodens erkennen, in welchem Fachbereich er verlegt ist.

UniSPIEGEL 5/2004
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