18.10.2004

Roadmovies / Motorrad und Moral

Vom T-Shirt in die Wirklichkeit

Von BEIER, LARS-OLAV

Das Kino feiert die Revolte: "The Motorcycle Diaries" erzählt vom jungen Ché, "Die fetten Jahre sind vorbei" zeigt deutsche Nachwuchsrevoluzzer.

Für einen kurzen Moment wendet er sich noch einmal um, blickt zurück auf seine Familie und das Haus seiner Eltern. Doch da braust das Motorrad auch schon los - und der aufgewirbelte Staub nimmt ihm die Sicht. Fortan wird der 23-jährige Ernesto Guevara (Gael García Bernal), der am Anfang des Films "The Motorcycle Diaries" zu einer Reise durch Südamerika aufbricht, nur nach vorn schauen. Als er acht Monate später zurückkehrt, sieht er die Welt mit anderen Augen. Und nennt sich Ché.

Als Medizinstudent reiste er ab - als Rebell kam er zurück. Was aus ihm einen anderen Menschen machte, beschreibt der brasilianische Regisseur Walter Salles in diesem Roadmovie, das auf Tagebüchern von Guevara und dessen Weggefährten Alberto Granado beruht. "The Motorcycle Diaries" (deutscher Start: 28. Oktober) erzählt, wie Guevara im Jahre 1952 auf seiner Reise mit so großer Armut und sozialer Ungerechtigkeit konfrontiert wurde, dass er den eigenen Wohlstand zunehmend als skandalös empfand.

"Alles, was früher subversiv war, gibt's heute im Laden zu kaufen. Ich sag nur: Ché-Guevara-T-Shirts." So beklagt Jan (Daniel Brühl) in Hans Weingartners Film "Die fetten Jahre sind vorbei" (deutscher Start: 25. November) den Ausverkauf der Revolution - als deren neuer Frontkämpfer er sich sieht. Mit seinen Freunden Peter (Stipe Erceg) und Jule (Julia Jentsch) bricht er in Berliner Villen ein - doch statt zu klauen, räumen die drei nur das Mobiliar um. Sie beweisen Moral: Wer von den Reichen stiehlt, ist eben auch dann ein Dieb, wenn er die Beute den Armen gibt. Doch da gerät ein Unternehmer (Burghart Klaußner) in ihre Gewalt.

Auch Weingartner schickt seine Helden auf eine Reise in den Süden, auf einen argen Weg der Erkenntnis, wenngleich dieser nicht so holprig ist wie für Ché: Die drei entführen den Unternehmer auf eine Almhütte in den Alpen. Und dort oben, fast über den Wolken, prallen ihre Kampfparolen über die Konsumgesellschaft und die Macht der Konzerne auf die Erfahrung eines Mannes, der sich als Alt-68er zu erkennen gibt und all das, wovon die drei nur träumen, tatsächlich erlebt zu haben scheint. Und für den Ché weit mehr ist als nur ein T-Shirt-Aufdruck.

Zwei Filme also, der eine handelt von Ché, der andere von seinen geistigen Kindern und Enkeln, im ersten führt die Begegnung mit Armut und Elend zur Rebellion, im zweiten die Konfrontation mit Reichtum und Luxus. Doch während Salles manchmal einen schon fast nostalgischen Blick auf die Reise seines Helden wirft, der mit dem klapprigen Motorrad immer wieder von der Straße abkommt und kopfüber in der Pampa landet, sind die mit Digitalkameras geschossenen Bilder, mit denen Weingartner seinen Figuren auf den Leib rückt, rauer und schroffer.

Kein Wunder, denn die romantischen Motive, die Salles seinem Helden geben kann, hat Weingartner nicht mehr zur Hand. Begegnungen mit ausgebeuteten Minenarbeitern und Leprakranken führten bei Ché einen Gesinnungswandel herbei. Jan, Peter und Jule müssen eher zu ihrem Bewusstsein das richtige Sein finden. Und so stellen sie in den Gesprächen mit ihrem Gefangenen fest, dass die Grenze zwischen den Guten und den Bonzen nicht so scharf gezogen ist, wie sie dachten. Und wenn sie den Unternehmer betrachten, der als junger Mann auf die Barrikaden ging, haben sie das Gefühl, dass der größte Feind der Revolution womöglich das Alter sein könnte.


UniSPIEGEL 5/2004
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