18.04.2005

Keine falsche Bewegung!

Die Studenten am Hamburger Institut für Gebärdensprache lernen, sich geräuschlos zu verständigen. Als ausgebildete Dolmetscher haben sie gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt.
Jana streift ihren Mittel- und Zeigefinger zweimal von unten nach oben an der Wange entlang: Das bedeutet »Name«. Dann hält sie inne, zieht die Stirn in Falten, grübelt über die nächste Gebärde, »Schottland«: Wie ging die noch? Ach ja: Sie winkelt den Arm an und drückt ihn hoch und runter, als würde sie auf einem Dudelsack spielen.
Weiter geht es: »Ananas! Banane! Ich fahre Bus!« Jana Schütte studiert im ersten Semester am Institut für Gebärdensprache der Universität Hamburg. Noch übt die 19-Jährige nur einzelne Begriffe und kurze Sätze in der fremden Sprache. Doch wenn sie die Regelstudienzeit von neun Semestern einhält, wird sie in kaum fünf Jahren diplomierte Dolmetscherin für die Deutsche Gebärdensprache (DGS) sein. Bis dahin muss sie die DGS beherrschen und sie simultan in die deutsche Lautsprache und vice versa übersetzen können.
Janas Berufsaussichten sind ausgesprochen gut. »Natürlich müssen sich die Dolmetscher auf dem Markt durchsetzen, denn sie arbeiten meist freiberuflich«, sagt Stephan Pöhler, Vorsitzender des Bundesverbandes der Gebärdensprachdolmetscher/innen Deutschlands. »Aber die Chancen, ausreichend Aufträge zu erhalten, sind hoch.«
80 000 Gehörlose leben in Deutschland, dazu rund 100 000 hochgradig Schwerhörige, die zum Teil auch auf die Gebärdensprache angewiesen sind.
Oft benötigen sie bei ganz alltäglichen Dingen Dolmetscher: Wenn sie den Elternabend der Kinder besuchen, bei Arbeitsbesprechungen, im Studium, beim Notar. Lange Zeit allerdings konnten sich das viele von ihnen nur in Ausnahmefällen leisten. Seit aber im Jahr 2001 das sogenannte Sozialgesetzbuch IX eingeführt und die DGS 2002 als Sprache offiziell anerkannt wurde, haben Gehörlose zumindest in einigen Situationen einen Rechtsanspruch auf Kostenerstattung, zum Beispiel vor Gericht, bei Behördengängen und beim Arzt. »Die Gesetzgebung sichert somit die zukünftige Nachfrage nach den Dolmetschern«, sagt Pöhler. Der Bedarf ist groß, derzeit arbeiten in ganz Deutschland nur etwa 100 bis 130 der Spezialisten. Pöhler zufolge »benötigen wir aber in den kommenden Jahren mindestens 2000 bis 3000«.
Die guten Berufschancen waren für Jana und die meisten ihrer Kommilitonen nur ein Nebenaspekt bei der Wahl des Studienfaches. Ausschlaggebend war eher die Begeisterung. »Ich wollte unbedingt die Gebärdensprache lernen«, sagt sie. Sie liebt diese direkte Kommunikation, die auf die Anwesenheit des anderen und den Blickkontakt mit ihm angewiesen ist. »Es funktioniert nur von Angesicht zu Angesicht«, schwärmt Jana. Erstmals sei ihr diese fremdartige Sprache als Kind in der Sendung »Sehen statt Hören« aufgefallen, einem Wochenmagazin für Gehörlose und Schwerhörige, das seit 1975 auf den dritten Programmen ausgestrahlt wird.
Einfach ist das Lernen der Gebärden nicht. Jana und die anderen Erstsemester - fast alle ohne Vorkenntnisse - müssen sich in eine völlig neue Ausdruckswelt hineindenken. Der gravierende Unterschied zu einer Lautsprache ist, dass Gebärdensprachen den dreidimensionalen Raum für Grammatik, Syntax und Vokabular nutzen. Die Sätze entstehen durch die Verbindung von Handzeichen, Körperhaltung, Mimik. Will Jana sich klar verständlich machen, muss sie Kontrolle über ihren Körper haben. Ihre Arme dürfen nicht sinnlos in der Luft rudern und die Finger nicht ohne Grund über die Nase fahren. Jede
falsche Bewegung führt zu Missverständnissen. Will Jana mitkriegen, was ihr Gegenüber meint, muss sie ihren Blick schulen. Ihre Augen müssen innerhalb weniger Sekunden das komplexe Zusammenspiel von Mimik, Mundbild und Körperhaltung entziffern und interpretieren.
Chrissostomos Papaspyrou formt die Finger zu Fäusten, spreizt sie wieder ab, lässt die Hände in Schlangenlinien durch die Luft schnellen. Mal lacht er, mal zieht er die Mundwinkel nach unten oder die Lippen zur Schnute. Immer bewegt er den Oberkörper mit, nie die Beine oder Füße. Denn der »Sprachraum« endet an der Gürtellinie. Die Bewegungen fließen - virtuos und elegant. Papaspyrou, Dozent am Lehrstuhl für Gebärdensprache und selbst gehörlos, ist ein ausdrucksstarker Redner, ein exzellenter Rhetoriker. Auf den ersten Blick wirkt sein Vortrag wie Pantomime. Der Zuschauer glaubt, er müsse nur richtig aufpassen und komme dann bald in den Sprachfluss hinein. Doch das täuscht. Die DGS ist nicht wie Pantomime an bildhafte Inhalte gebunden. Es ist eine vollwertige Sprache, und jedes Land hat seine eigenen Ausdrucksformen, die über Jahrhunderte gewachsen sind. Eine konstruierte Weltgebärdensprache Ungesto hat sich ebenso wenig
durchgesetzt wie die künstliche Lautsprache Esperanto.
Die Grammatik der Deutschen Gebärdensprache gleicht nicht ihrem Ton-Pendant, sondern folgt eigenen Regeln, hat eigene linguistische Strukturen. Das Vokabular ist ebenso abstrakt wie in jeder gewöhnlichen Sprache. So erklärt Papaspyrou in seiner Vorlesung den juristischen Unterschied zwischen Besitz und Eigentum.
Anna Reinhardt, 23, Studentin im 5. Semester, beobachtet ihren Lehrer aufmerksam, sie schnappt jedes Zucken der Augenbrauen auf, jede Mimik. Entdeckt sie eine ihr neue Gebärde, notiert sie sie sofort. Sie zeichnet Schlangenlinien, Pfeile, Hände. Ihre Mitschriften sehen aus wie ein Geheimcode, und außer Anna selbst kann niemand sie entschlüsseln. »Jeder Student hat sein eigenes System, die Vokabeln aufzuschreiben«, erklärt Anna. Dieses Mitschreiben ist besonders wichtig. Denn man kann zu Hause nicht mal eben eine Vokabel nachschlagen.
Zwar haben Mitarbeiter der Hamburger Universität bereits verschiedene fachspezifische Lexika erstellt. Dabei halten sie einzelne Wörter auf kurzen Videoclips oder in Fotostrecken fest. Ein allgemeines Wörterbuch mit den zigtausend existierenden Gebärden der DGS gibt es jedoch nicht. »Die müssen wir alle in den Seminaren lernen«, sagt Anna. »Oder aber zusammen mit gehörlosen Freunden.« Leider können sie nicht wie andere Sprachschüler mal eben ins Ausland reisen und dort üben. »Aber die Gehörlosen bilden eine sehr enge Gemeinde«, sagt Anna.
Das ist fast wie ein separates kleines Land. Sie haben Fußballvereine, Motorsportclubs, Tanzvereine. »Dort spielt sich das soziale Leben ab«, erklärt Anna. Denn stoßen Gehörlose und Hörende aufeinander, lässt die mangelnde Geduld beider Seiten nur selten eine enge Freundschaft zu. Die Kommunikation ist zu anstrengend. Die Gehörlosen müssen von den Lippen ablesen. Doch die Hörenden reden gern zu schnell, und nur 30 Prozent aller Wörter sind eindeutig - Mutter und Butter beispielsweise haben dasselbe Mundbild.
Und wenn Gehörlose sprechen, sind sie oft schwer zu verstehen. Die Lautsprache lernen sie nur vor dem Spiegel: den Blick auf das Mundbild, auf die Muskeln an Hals und Kiefer gerichtet, das Gefühl entwickeln für den Atemzug, der den Lippen entweicht. Alles, ohne je einen Widerhall zu hören. Deshalb klingt ein »ch« oft krächzend oder das »p« wird mal zu einem »b« oder das »g« zu einem »k«. Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, haben nie ihre eigene Stimme wahrgenommen. »Leider sind die Welten der Hörenden und der Gehörlosen sehr getrennt«, bedauert Anna. Ihr Ziel ist es daher, eine kleine Brücke zu schlagen.
Gebärdendolmetscher
Wege ins Studium
Vollzeitstudiengänge Gebärdensprachdolmetscher/in
Universität Hamburg, Fachbereich Sprachwissenschaft Institut für Deutsche Gebärdensprache Binderstr. 34 20146 Hamburg www.sign-lang.uni-hamburg.de
Hochschule Magdeburg-Stendal (FH) Postfach 3655 39011 Magdeburg Homepage: www.hs-magdeburg. de/studium/moegl/stggsd.html
Westsächsische Hochschule Zwickau (FH) Fachbereich Gesundheits- und Pflegewissenschaften Postfach 20 10 37
08012 Zwickau Homepage: http://www.fhzwickau.de/pflege/html/ gebardensprachdolmetschen.html
Humboldt-Universität zu Berlin Institut für Rehabilitationswissenschaften Abteilung Gebärdensprachdolmetschen Ziegelstr. 10 Aufgang 4 Unter den Linden 6 10099 Berlin Homepage: www.reha. hu-berlin.de/dolmet/
Über weitere Ausbildungsmöglichkeiten informiert der Bundesverband der Gebärdensprachdolmetscher/innen (www.bgsd.de).
Von NORA LUTTMER

UniSPIEGEL 2/2005
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