18.04.2005

Städteporträts / SatireSchönes Genöle

Zum Beispiel Göttingen: Eigentlich findet der Kritiker es dort gar nicht so schlecht. Die Kanalisation funktioniert, die Müllabfuhr arbeitet einwandfrei, die Friedhöfe sind in Betrieb. Wenn Göttingen bloß weniger hässlich wäre. Aber so? Angesichts der vielen städtebaulichen Entgleisungen wären die Häuser der Universitätsstadt längst davongelaufen, wenn sie denn Beine hätten, urteilt der Autor. Die Altstadt sei an strategisch wichtigen Punkten durch chirurgische Eingriffe zerstört worden, als hätte das Pentagon die Planung übernommen.
Schönes Genöle, Häme mit Tradition. Über die niedersächsische Stadt hatte schon Heinrich Heine einst zu Beginn seiner »Harzreise« gespottet, sie sei »berühmt durch ihre Würste und Universität«.
Unter der Herausgeberschaft von Jürgen Roth und Rayk Wieland kriegen jetzt auch Deutschlands sogenannte Metropolen ihr Fett weg. Frankfurt? Ein sich selbst überschätzendes »Handkäs-New-York«. München? Regiert von »Missgunst und Verbohrtheit«. Unter den kleineren kann man Freiburg und Tübingen ebenso vergessen wie Hannover oder Leipzig, und in Hamburg-Harburg ist schlicht »das Grauen zu Hause«.
Von Aachen bis Zwickau reicht der Reigen der Städteverrisse, die Roth und Wieland jetzt als Highlights ihrer »Öde Orte«-Trilogie präsentieren. Die Autoren erzählen darin von der betonierten Tristesse austauschbarer Fußgängerzonen und der aufgesetzten Weltläufigkeit deutscher Innenstädte. Natürlich sind diese Porträts völlig subjektiv, gehässig und überzogen - also sehr lesenswert. Sollte es deutschen Fremdenverkehrsämtern aber je gelingen, ihre Städte positiv und dennoch ähnlich unterhaltsam zu beschreiben, fassen wir dieses böse Buch nie wieder an. Versprochen.
Jürgen Roth, Rayk Wieland (Hg.): »Best of Öde Orte«. Reclam Verlag, Leipzig; 290 Seiten; 7,90 Euro.
Von MERLIND THEILE

UniSPIEGEL 2/2005
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