23.05.2005

Jenseits von Mann und Frau

An zahlreichen US-Universitäten bereichert eine neuartige Gruppe den Geschlechterkampf: »Transgender«-Studenten fordern eigene Rechte.
»Ich habe Koteletten!«, verkündet Ethan Fechter-Leggett stolz auf der Website, auf der er seine allmähliche Mannwerdung festhält. »Okay, noch nicht so ganz, es wachsen etwa acht Haare auf jeder Seite, wo meine richtigen Koteletten (hoffentlich) eines Tages sein werden. Aber das ist mehr, als ich bis jetzt zu vermelden hatte.«
So offensiv, wie Fechter-Leggett - anatomisch als Frau geboren - im Internet über die medizinischen und rechtlichen Schritte seiner Geschlechtsumwandlung berichtet, so offensiv kämpft der Student an der University of Vermont auch für »Transgender«-Rechte. Er gehört zur Speerspitze einer neuen Campus-Bewegung, die Colleges und Universitäten in den USA zum Umdenken und zu konkreten Veränderungen zwingt.
Unter dem Dachbegriff des Transgenderismus, der sich im angelsächsischen Raum eingebürgert hat, werden unterschiedliche Gruppen zusammengefasst: Menschen, die sich nicht ihrem biologischen Geburtsgeschlecht zugehörig fühlen, unabhängig davon, ob sie sich - wie der transsexuelle Ethan - auch chirurgisch umwandeln lassen; aber auch Menschen, die sich schlicht den gesellschaftlichen Normen verweigern wollen, die an diese Geschlechtszugehörigkeit gekoppelt sind; oder solche, die jegliche »Mann-Frau«-Einteilungen komplett ablehnen.
Ethan Fechter-Leggett fing in seinem ersten Jahr an der Vermont-Universität an, sich mit dem Thema der Geschlechtsumwandlung zu beschäftigen, »und am Ende des Studienjahres war ich so weit, dass ich ernsthaft darüber nachdachte, mich als Transgender zu identifizieren«. Inzwischen hat Ethan offiziell seinen Namen geändert, sich die Brüste abnehmen und die Gebärmutter entfernen lassen; er unterzieht sich einer Testosteron-Behandlung und ist in der Campus-Gruppe »Free To Be« aktiv, die im Frühjahr ihre dritte Aufklärungskonferenz zu Geschlechterfragen organisiert hat.
Noch hat niemand Zahlen darüber, wie viele Transgender-Studenten an amerikanischen Colleges und Universitäten immatrikuliert sind. Es outen sich längst nicht alle Betroffenen, vor allem aus Angst vor Diskriminierung und »hate crimes«.
Für die Harvard University in Massachusetts geht die Vorsitzende der dortigen Vereinigung lesbischer, schwuler, bisexueller und Transgender-Studenten von einer Zahl »im zweistelligen Bereich« bei einer Studentenschaft von rund 6700 Untergraduates aus; sich selbst nennt die Studentin nur Barusch, ohne Vornamen. An der Wesleyan University in Connecticut haben sich etwa ein Dutzend Transgender-Studenten beim medizinischen Direktor des studentischen Gesundheitsdienstes gemeldet.
Doch die wenigen offenen Rebellen gegen die Geschlechtsnormen haben, häufig im Verbund mit Homosexuellengruppen, schon erstaunliche Erfolge erzielt. Auf ihren Druck hin haben rund zwei Dutzend Colleges und Universitäten ihre Antidiskriminierungsstatuten inzwischen um die Formel ergänzt, dass niemand wegen seiner »Geschlechtsidentität und Geschlechtsdarstellung« benachteiligt werden darf. Auf vielen Formularen sind außerdem die Kästchen für »männlich« oder »weiblich« ersetzt worden durch leere Felder, in denen die Studierenden ihr Geschlecht eintragen können, oder es wird ein Feld für »transgender« angeboten.
Wichtiger als diese formalen Änderungen aber ist den Aktivisten, dass die besonderen Bedürfnisse von Studenten, die nicht in die traditionellen Geschlechtskategorien passen, anerkannt und berücksichtigt werden. Zentraler Punkt: die Unterbringung. Sehr viele Studierende leben in den USA auf dem Campus, sie arbeiten, wohnen und essen mit ihren Kommilitonen zusammen, und diese Gemeinschaft gilt als wichtiger Teil der Bildungserfahrung. Die meisten der Campus-Wohnheime erlauben jedoch kein gemischtgeschlechtliches Zusammenleben.
Wer also anatomisch eine Frau ist, auch wenn er sich als Mann begreift, muss entsprechend häufig in einem Zimmer oder auf einem Flur mit weiblichen Kommilitonen wohnen. »Es war wirklich fürchterlich«, sagt der Transgender-Aktivist Cianán Russell,
der voriges Jahr sein Studium an der University of Iowa abgeschlossen hat. »Ich bin mehr als einmal in den Waschräumen und auf den Toiletten drangsaliert worden.« Transgender-Studenten ziehen deshalb oft notgedrungen in Wohnungen außerhalb des Universitätsgeländes: eine Lösung, die in einigen Städten nicht nur wesentlich teurer ist, sondern sie auch vom Campus-Alltag ausschließt.
Darum fordern die Lobbyisten geschlechtsneutrale Unterbringungsmöglichkeiten als Schutzraum für Transgender-Studierende. Im Herbstsemester 2003 richtete die Wesleyan University als erste amerikanische Bildungsinstitution einen entsprechenden Flur mit acht Zimmern ein. Doch das Pilotprogramm zog dermaßen viel Aufmerksamkeit auf sich, dass die Universität es nach einem Jahr abbrach. »Der Medienwirbel machte es uns unmöglich, die Privatsphäre der betroffenen Studenten zu schützen«, sagt Justin Harmon, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Universität. »Wir wurden zur Zielscheibe.« Es hagelte hasserfüllte Post von konservativen religiösen Gruppen.
Jetzt löst Wesleyan das Wohnraumproblem wieder von Fall zu Fall, häufig, indem die Verwaltung Transgender-Studierenden Einzelzimmer zuweist. Einige andere Colleges und Universitäten hingegen haben die Idee der geschlechtsneutralen Unterbringung übernommen. »Wir fragen nicht, warum Studierende auf diesen Fluren wohnen wollen oder mit wem sie dort zusammenleben«, sagt Denise Nelson, die Leiterin der Wohnraumverwaltung an der University of Southern Maine.
An der Tufts University, Massachusetts, gibt es seit 1998 das »Rainbow House«, ursprünglich für homosexuelle Studierende beider Geschlechter gedacht, das nun auch Transgender-Kandidaten aufnimmt, und die University of Massachusetts in Amherst bietet seit 12 Jahren ebenfalls solche »Special Interest«-Unterbringung an.
Während viele der liberalen Bildungsinstitutionen an der Ostküste sich allmählich auf die Forderungen der Transgender-Aktivisten einstellen, auch im Hinblick auf ihre medizinische Betreuung, die Anerkennung ihrer Namensänderungen und die Schulung des Universitätspersonals, herrscht in konservativeren Gegenden der USA weniger Toleranz. An der University of Iowa soll zwar im Herbst dieses Jahres ein eigener Flur für Studierende der »Sexuality Studies« eingerichtet werden, die allgemeinere Forderung nach geschlechtsneutralem Wohnraum aber wurde im vergangenen Jahr abgeschmettert. »Die Verwaltung sagte immer wieder: Wir glauben nicht, dass die Eltern damit einverstanden sind«, erzählt Cianán Russell. »Und das stimmt vermutlich.«
»Viele Menschen fühlen sich vom Transgenderismus bedroht«, sagt Claire Mueller, eine Aktivistin an der Tufts University, »denn er stellt die eine Gewissheit in Frage, die wir von klein auf lernen, nämlich unsere Geschlechtszugehörigkeit.« Auch die Tufts-Gruppe hat darum im April eine erste Aufklärungskonferenz auf ihrem Campus organisiert.
Etwas weniger umstritten ist die Forderung nach geschlechtsneutralen Toiletten an den Universitäten. Wie Russell haben viele Transgender-Studenten Belästigungen und Übergriffe erlebt, wenn sie die vermeintlich »falsche« Toilette benutzen. »Als mir Kommilitonen erzählten, dass sie tagsüber nichts trinken, damit sie möglichst nicht auf Toilette gehen müssen, wusste ich: Wir müssen etwas unternehmen«, sagt die Harvard-Aktivistin Barusch. An ihrer Universität sind inzwischen 91 Einzeltoiletten zu Unisex-Örtchen umgewidmet worden. Andere Bildungsinstitutionen haben sogar Toilettenräume mit mehreren Kabinen für alle Geschlechter geöffnet.
Ganz speziellen und noch nicht gelösten Problemen stehen die reinen Frauen-Colleges gegenüber: Wie sollen die Zulassungsgremien über Kandidatinnen entscheiden, deren biologisches, legales und selbstdefiniertes Geschlecht auseinander klaffen? Was tun, wenn Studentinnen während ihres Studiums ihr Geschlecht wechseln? Das Smith College in Massachusetts beschloss 2003 auf Drängen von Transgender-Lobbyisten, alle weiblichen Pronomina in der Studentenverfassung durch das neutrale »Studierende« zu ersetzen.
Während manche konservative Studenten den Transgender-Aktivismus für den jüngsten Auswuchs politischer Korrektheit halten, argumentieren die Betroffenen, dass die Vorstellung von Geschlecht sich radikal gewandelt habe - und dass die Gesellschaft diesem Wandel Rechnung tragen müsse.
Tatsächlich hat die neuere Genderforschung, wesentlich von der Frauen- und Homosexuellenbewegung initiiert, einen fließenden, formbaren Begriff von Geschlechtlichkeit entwickelt, der das biologische Geburtsgeschlecht nicht als Gegebenheit, sondern als »Zuschreibung« versteht. Vor diesem intellektuellen Hintergrund erscheint der Transgenderismus nicht als therapiebedürftiges Fehlverhalten, als das ihn etwa die religiöse Rechte in den USA bekämpft, sondern als legitime Lebensform.
Dieses neue Transgender-Selbstbewusstsein hat dafür gesorgt, dass eine lange fast stumme Gruppe sich zu einer politischen Bewegung zusammengefunden hat, die sich immer mehr Gehör verschafft. »Manche Menschen finden es wichtig, als ein bestimmtes Geschlecht gesehen zu werden«, sagt Zachary Strassburger, ein Transgender-Student an der Wesleyan University. »Ich nicht.«
Von SUSANNE WEINGARTEN

UniSPIEGEL 3/2005
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