23.05.2005

Judiths Universum

Gedanken an der Rausfallkante

Von LIERE, JUDITH

Nach dem ersten gemeinsamen Mahl kommt das erste Mal ­ und der Blick ins Schlafzimmer kann mehr verraten, als Judith lieb ist.

»Hast du Lust, heute Abend zum Essen bei mir vorbeizukommen?« Ha! Auf diesen Satz habe ich seit zwei Wochen gewartet. Dieser Satz leitet Phase drei der Mission »Holger wird vielleicht mein neuer Freund« ein. Phase eins (»zwanglose Nachmittagstreffen in Cafés«) und Phase zwei (»abendliche Verabredungen in Bars mit anschließendem Vor-der-Haustür-Knutschen«) sind damit erfolgreich abgeschlossen. Heute Abend soll die alles entscheidende Begegnung folgen: »Zu zweit allein in einem nichtöffentlichen Raum, in dem man alle Kleider und Hemmungen ablegen könnte.« Dieser Teil ist der schwierigste der ganzen Mission, aber er liefert auch die wichtigsten Erkenntnisse - schließlich werde ich zum ersten Mal Holgers Wohnung betreten.

Ich habe mir geschworen, mich nie wieder ernsthaft in einen Typen zu verlieben, ohne vorher gesehen zu haben, wie er haust. Letztes Jahr zum Beispiel dachte ich, den perfekten Mann getroffen zu haben - bis ich sein WG-Zimmer betrat. Was ich dort sah, stimmte weder mit meiner Vorstellung von einem tollen neuen Freund überein noch mit dem Bild, das ich vorher von dem Kerl hatte. Er hatte mir nämlich sein Hobby verschwiegen: Live-Rollenspiele, inspiriert von einer exzessiven Begeisterung für das Mittelalter. Allein der Gedanke, mit ihm auf seinem mit Tierfellen bedeckten Bett neben Morgenstern und Streitaxt Sex zu haben, ließ mich fluchtartig die Wohnung verlassen.

Ich bin also auf einiges vorbereitet, als ich vor Holgers WG stehe und auf die Klingel drücke. Aber eigentlich kann ja nicht mehr viel passieren - wir haben so viel geredet, dass ich das Gefühl habe, wir würden uns schon ewig kennen. Ich erhoffe mir von der gleich folgenden Inspektion eher letzte intime Einblicke: Wie sieht sein Bett aus, wie unordentlich ist er, hängen vielleicht noch Fotos von Ex-Freundinnen an der Wand? Vielleicht ließe sich ja auch rein zufällig der eine oder andere Blick in die eine oder andere Schublade erhaschen ...

Die Tür geht auf, Holger steht vor mir, in der Hand einen Kochlöffel: »Du, ich muss ganz schnell wieder in die Küche, sonst brennt das Risotto an. Geh doch schon mal in mein Zimmer, das da hinten.« Ah, perfekt, jetzt kann ich mich sogar allein in seinem Reich umsehen. Ich stapfe also erwartungsvoll durch den Flur, setze vorsichtig den Fuß über die Schwelle - und will am liebsten sofort wieder gehen.

Das Zimmer sieht aus, als hätte jemand beim Auszug aus dem Elternhaus vor acht Jahren einfach die alten Möbel mitgenommen. In den frühen Neunzigern wurde so was in Möbelhauskatalogen als »freches Jugendzimmer in Kiefer« angepriesen. Hm, vielleicht meint Holger das ironisch, und es ist eine künstlerische Aktion gegen den Ikea-Einheitslook in Studentenzimmern? Gilt das jetzt als Retrochic? Aber am Bett kleben sogar noch alte Hanuta-Fußballsammelbildchen!

Überhaupt, dieses Bett: Wie soll man sich bitte auf Dauer zu zweit auf 90 Zentimetern wohl fühlen? Ich hab keine Lust, jeden Abend aufs Neue zu streiten, wer an der kalten Wand und wer an der Rausfallkante schlafen muss. Außerdem sitzt da ein Kuschelhase auf der Decke. Das geht ja wohl gar nicht. Meinte er das, als er sagte, er wäre eher der sensible Typ? Fehlt nur noch die Alf-Bettwäsche. Ich wette, die ist nur gerade in der Maschine.

Dieses Zimmer ist auf jeden Fall nicht der Ort, an dem ich mich mit meinem neuen Freund nackt und enthemmt aufhalten will. Es weckt zu viele ungute Erinnerungen: Wahrscheinlich hätte ich ständig Angst, dass seine Mutter an die Tür klopft und uns fragt, ob wir nicht doch einen Saft trinken wollen.

Mission Holger ist also mit Phase drei unzweifelhaft gescheitert. Verdammt. Ich muss dringend an meiner Menschenkenntnis arbeiten. Und ich brauche eine gute Ausrede, mit der ich aus dieser Kinderzimmerhölle fliehen kann.

»Was machst du denn hier?« Holger schaut mich überrascht an. »Das ist Davids Zimmer. Ich wohne nebenan.«

Äh ... okay. Er führt mich an der Hand ein Zimmer weiter. Und ich beschließe, diesmal nur auf die wesentlichen Dinge zu achten. Möbel werden ja ohnehin oft überbewertet. Wie mein Vielleicht-neuer-Freund ohne Klamotten aussieht, muss ich nämlich auch noch dringend herausfinden.


UniSPIEGEL 3/2005
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