17.10.2005

Voller Einsatz, wenig Geld

Hochschulabsolventen müssen heute flexibel sein. Das nutzen viele Unternehmen aus und beschäftigen junge Akademiker gern als billige Praktikanten. Doch mittlerweile bildet sich eine Lobby gegen die Ausbeutung.
Sie sind jung, sie haben Chancen, sie werden gefördert - so schön kann das Praktikantenleben sein. Aber Bettina Richter hat eine andere Geschichte zu erzählen. Sie handelt davon, wie sich die 26-Jährige trotz ihres BWL-Diploms für »mickrige Gehälter« von Praktikum zu Praktikum hangelte. Sie handelt vom Frust, erfolglos unzählige Bewerbungen zu schreiben oder davon, dass zu wenige den Mumm oder die Nerven haben, etwas dagegen zu tun, wie etwa vor Gericht zu gehen. Richter hat das getan - und außerdem im vergangenen Jahr den Selbsthilfeverein Fairwork gegründet.
Fairwork, das klingt ein bisschen nach Eine-Welt-Laden. Fairer Kaffee, faire Schokolade, fair bezahlte Praktikanten. Das Bild schuftender Erntearbeiter auf kolumbianischen Kaffeeplantagen drängt sich auf. Tatsächlich geht es aber um Hochschulabsolventen, die keinen Job finden.
Etwa zwei Millionen Studierende gibt es in Deutschland, 230 000 davon werden jedes Jahr mit einem Diplom oder Staatsexamen, Bachelor oder Master auf den Arbeitsmarkt losgelassen. Flexibel, motiviert und im Wettbewerb mit ihren ehemaligen Kommilitonen sind die jungen Akademiker
bereit, viele Opfer für eine Festanstellung zu bringen. Dazu gehört natürlich auch, sich wieder und wieder als Praktikanten zu verdingen.
Fast 253 000 Absolventen waren 2004 nach Angaben der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung arbeitslos gemeldet. Hinzu kommen rund 100 000 Berufseinsteiger, die sich als Arbeitsuchende registrieren lassen, aber kein Geld vom Staat beziehen - etwa, weil sie gerade ein Praktikum machen. Bei Akademikern mit Fachhochschulabschluss kletterte die Hospitantenquote seit 1999 um 44 Prozent, Uni-Absolventen legten sogar um 138 Prozent zu.
Auf der Internet-Seite von Fairwork tauschen sich die Frustrierten aus. Da schimpft Janina über Lokalradios: »Praktikanten werden von Praktikanten angelernt. Erwartet wird der volle Einsatz und nahezu Professionalität, bezahlt wird nix.« Manu ärgert sich, dass sie nach ihrem BWL-Studium nun für 300 Euro in der Buchhaltung arbeitet, und hofft, dass es doch irgendwann einmal mit einer regulär bezahlten Stelle klappen müsse. Ein namenloser Sozialwissenschaftler verkündet bitter, er werde nun wohl Powerseller bei Ebay oder Berufskraftfahrer. Das mache glücklicher.
Ein Blick auf Internet-Portale wie jobpilot.de oder worldwidejobs.de zeigt, dass Praktikanten hoch im Kurs stehen. Jobpilot etwa spuckt rund 1000 Hospitantenstellen mehr aus als feste Angebote für Berufseinsteiger. Manche Anzeigen haben mit einer klassischen Schnupperstelle nichts mehr zu tun: So sucht der Klopsbrater Burger King für zwölf Monate einen Praktikanten für die EDV-Hotline. Die Aufgabenschwerpunkte: »Annahme der eingehenden Anfragen, Eintragen aller Anfragen in ein Ticketsystem«. Eine abgeschlossene Berufsausbildung sei von Vorteil, heißt es. Eine Münchner Beratungsfirma bietet ein Berufseinstiegspraktikum für einen Informatiker, der die Software erweitern soll. Eine Event-Agentur sucht für sechs Monate einen Absolventen mit Arbeitserfahrung, »verhandlungssicher und belastbar«.
Dabei ist der Ausflug ins Arbeitsleben im Grunde eine gute Sache. Christiane Dorenburg, Projektleiterin des Careerservice der FU Berlin, rät ihren Studenten grundsätzlich, Praktika vor allem während des Studiums zu machen. In der Zeit sei es sinnvoll, Kontakte zu knüpfen und Erfahrung zu sammeln. Zwei bis drei Hospitanzen dürften es schon sein. »Nach dem Abschluss muss man sich allerdings fragen, wie lange das Sinn macht und vor allem, welchen Preis man zahlen will«, sagt sie.
Der Lohn ist meist kärglich. Die Mehrzahl der Unternehmen zahlt einer Untersuchung der Personalberatungsfirma Kienbaum zufolge
nicht einmal 600 Euro. Bei gerade mal acht Prozent der Aushilfskräfte liegt das Salär höher als 800 Euro. Auch das ist für Miete, Essen und Kleidung zu wenig. Entweder müssen die Eltern einspringen - oder das Arbeitslosengeld II.
Doch so weit wollen es viele der billigen Vollzeitkräfte nicht mehr kommen lassen. »Wir erhalten immer mehr Anfragen von Praktikanten, die sich nach ihren Rechten erkundigen«, sagt Silvia Helbig, die für die Jugendarbeit beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zuständig ist. Bei Medienberufen, Künstlern, Architekten und Juristen sei eine gewisse Tendenz zur Ausbeutung schon länger bekannt.
Eine wirklich neue Entwicklung sei jedoch, dass es mittlerweile sogar die BWLer und Informatiker treffe. Die DGB-Initiative »Students at Work« bietet nun einen Leitfaden für faire Praktika mit Informationen etwa über Urlaubsanspruch, Gehaltsforderungen und Krankengeld (siehe Kasten unten). Zudem können Hospitanten ihre Arbeitgeber bewerten, das heißt, Informationen über Löhne und Arbeitsklima geben.
»So langsam zersetzt sich der ursprüngliche Begriff des Praktikums«, sagt Helbig. Früher sei es einfach nur darum gegangen, in den Arbeitsalltag hineinzuschnuppern - heute würden die Hochschulabgänger oftmals für Vollzeitjobs eingespannt. Dabei, so hat das Bundesarbeitsgericht 2003 entschieden, »steht bei einem Praktikantenverhältnis ein Ausbildungszweck im Vordergrund«. Richter können sich auf den zweiten Absatz des Paragrafen 138 des Bürgerlichen Gesetzbuches berufen. Demzufolge darf sich niemand »Vermögensvorteile« verschaffen, die in einem »auffälligen Missverhältnis zu der Leistung stehen« - sei es durch die »Ausbeutung der Zwangslage«, »Unerfahrenheit« oder einen »Mangel an Urteilsvermögen«.
Vor diesem Hintergrund hatte auch Bettina Richter geklagt. In ihrem Fall musste die Senioren Service GmbH, eine Verwaltungsfirma der »Caritas Altenhilfe«, 1000 Euro nachzahlen. Richter war eingestellt worden, um das Marketing für die Caritas-Altenhilfe zu erledigen, musste jedoch erst einmal einen Monat unbezahlt als Praktikantin zu Werke gehen. »Ich wurde nicht einmal eingearbeitet. Da ging es einzig und allein ums Sparen«, sagt sie. Mit ihrer Klage habe sie zeigen wollen, dass das Arbeitsrecht auch für Praktikanten gelte und man sich nicht alles gefallen lassen müsse.
»Ich hätte nie gedacht, dass das solche Wellen schlagen würde«, sagt Richter. Innerhalb eines Jahres ist das Fairwork-Netzwerk auf 150 Mitglieder angewachsen. Die Gründerin arbeitet inzwischen fest in der Controllingabteilung eines Berliner Unternehmens, ihre 7 Praktika und 120 Bewerbungen waren nicht vergebens. Nach Feierabend engagiert sie sich als Vorstandsmitglied für Fairwork.
Ein paar Dutzend Mails von Unzufriedenen bekommen Bettina Richter und ihre Mitstreiter jede Woche. »Um das alles beantworten zu können, müssten wir eigentlich jemanden einstellen«, sagt sie. Allein: Es fehlt das Geld. Richter: »Einen Praktikanten werden wir uns trotzdem nicht suchen.«
KATRIN ELGER STUDIERT VWL IN KÖLN UND MACHT ZURZEIT EIN PRAKTIUM BEIM SPIEGEL
Leitfaden für Absolventen Das faire Praktikum
1. Das Praktikum ersetzt keine regulären Arbeitsplätze.
2. An oberster Stelle steht, dass der Praktikant Erfahrungen sammelt und sich beruflich weiterbilden kann.
3. Der Praktikant bekommt einen Vertrag, der folgendes regelt: P Beginn und Dauer des Praktikums P tägliche Arbeitszeit P Höhe der Vergütung P Dauer des Urlaubs P Vergütung von Überstunden P Lohnfortzahlung im Krankheitsfall P Kündigungsvoraussetzungen
4. Der Praktikant hat einen Ansprechpartner.
5. Er hat einen eigenen Arbeitsplatz.
6. Das Praktikum dauert höchstens drei Monate. Alles, was darüber hinausgeht, ist ein Berufseinstiegsprogramm, kein Praktikum.
7. Der Praktikant bekommt Geld. Absolventen sollten - sofern es keine tarifvertragliche Regelung gibt - mindestens 600 Euro netto pro Monat erhalten.
8. Der Praktikant hat ein Recht auf ein Zeugnis (§ 630 »Pflicht zur Zeugniserteilung« BGB).
Quelle: www.students-at-work.de
Von ELGER, KATRIN

UniSPIEGEL 5/2005
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