DER SPIEGEL



An den Herd!

Von ERK, DANIEL und HINRICHS, PER

Den Anfang macht die Fertigpizza. Und ewig lockt die Mensa. Aber dann tut sich etwas in fast jeder Studentenküche: Zwischen Geldmangel und steigenden Ansprüchen entwickeln sich aus unbeholfenen Experimenten langsam Kochkünste. Weil es irgendwann nicht mehr egal ist, was man isst.

Johannes aus Köln ist der König des sonntagmorgendlichen Omelettes gegen Kater. Der 25-jährige Student der Medienpsychologie schnippelt Zwiebeln und Tomaten in die aufgeschlagenen Eier und brutzelt alles so delikat in der Pfanne, dass vom Duft oft die ganze WG angelockt wird.

Die Polin Paulina, 24, die in Göttingen Medizin studiert, bringt es zur Göttin der Suppen. Sie mixt ein bisschen Gemüse, heißes Wasser und Fleischbrühe, wirft manchmal auch Scheiblettenkäse dazu und zaubert für sehr wenig Geld riesige Töpfe Suppe, die meistens eine halbe Woche reichen.

Wenn Georg, 29, überhaupt etwas kocht, kauft er am liebsten bayerische Spezialitäten, etwa hausgemachte Weißwürste, bei einem Feinkostladen zwei Straßen weiter. Sonst ernährt sich der Berliner Publizistikstudent weitgehend von den Falafeln vom Imbiss in seiner Straße oder von der eher belanglosen Pizza, die der Jugoslawe im Erdgeschoss für 2,50 Euro verkauft.

Was in WG- und Wohnheimküchen auf den Tisch kommt, hängt häufig weniger vom Geschmack der Bewohner ab als von der eingeschränkten Lust, zwischen Hörsaal, Mensaessen, Schreibtisch und Ausgehen noch Zeit am Herd zu verbringen. Oft bleibt die Küche kalt - und trotzdem ist sie der zentrale Ort jeder WG. Am Küchentisch wird über den Putzplan gestritten, am Kühlschrank werden

erbitterte Kämpfe um Stellplätze ausgetragen, nachts läuft man sich hier über den Weg, wenn man vom Heißhunger übermannt wird. Am Zustand der Küche lässt sich genau ablesen, wie groß der Stress vor der Abgabe der nächsten Hausarbeit ist und wie hoch die Ekelschwelle vor dem seit Tagen nicht abgespülten Geschirr liegt, kurz: wie weit das Experiment »Erwachsen werden« vorangeschritten ist.

Es gibt eine Zeit in den ersten Semestern, in der zumindest keine Jungs-WG ohne Sandwichmaker und Vorrat an Fertigpizzen sowie Tütensuppen auskommt. Und in der man sich mit dem Essen, das in der Mensa für wenig Geld aufgetischt wird, zufrieden gibt. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt.

Gelästert wird darüber natürlich auch. Ohne Kritik an »Panzerplatten« (Schnitzel) und »gesprengtem Huhn« (Frikassee) würde vielen Studenten etwas fehlen, auch wenn die Essensqualität meistens ganz in Ordnung ist. Christian, 27, geht jedenfalls regelmäßig in die Mensa im Hamburger Philosophenturm. »Ich finde es gut und günstig hier«, sagt der Biologiestudent. Leberkäse, Sauerkraut und Kartoffelbrei werden heute serviert - für 1,55 Euro. »Unschlagbar«, meint Christian. Spaß machen ihm zudem die Flugblätter linkssektiererischer Polit-Gruppen, die einem zwischen zwei Happen Kartoffelbrei die Welt erklären.

Christian befindet sich in guter Gesellschaft: An 180 Hochschulorten betreiben die Studentenwerke 709 Mensen und Cafeterien. Knapp die Hälfte aller Studenten geht dreimal oder öfter in der Woche in die Mensa, dazu kommen die »sporadischen Nutzer«. Das Preis-Leistungs-Verhältnis bewerten 54 Prozent als »gut« oder »sehr gut«, allerdings kamen im Jahr 2000 noch 63 Prozent der Mensa-Gänger zu diesem Urteil.

Etwa ein Viertel der Studenten verweigert sich dem Gemeinschaftsessen - sie tauchen in der Studentenwerk-Statistik als »Nichtnutzer« auf. Das klingt ein wenig nach »Nichtschwimmer« oder »Nichtsnutz«, und so richtig zufrieden kann das Studentenwerk mit ihnen auch nicht sein. Denn viele »Nichtnutzer« treiben sich lieber in den Coffeeshops, Bagel-Läden, Bäckereien und studentischen Cafés herum, wie sie etwa rund um den Hamburger Campus aus dem Boden geschossen sind und in Konkurrenz zu den Mensen treten.

Immerhin macht sich der Versorger Gedanken um die wählerischen Gäste: Mit Espressobars und Wok-Stationen, Frische-Theken und Bio-Angeboten mühen sich die Studentenwerke, das Image des tristen Abfütterers in das eines modernen Catering-Unternehmens umzuwandeln.

Nicht immer finden die Ergebnisse vor kritischen Zungen Gnade. Beispiel Hamburg: Als das »Hamburger

Abendblatt« im vergangenen November die Sterneköchin Cornelia Poletto zum Testen durch vier Hamburger Mensen schickte, schockte das Urteil der Expertin Studenten und Anbieter gleichermaßen: Den Salat in der Hauptmensa fand Poletto »angegammelt, vermatscht«, in einem Hacksteak vermutete sie mehr Fett als Fleisch, insgesamt seien die Speisen »sehr lasch« im Geschmack.

Wer die Mensa nicht auf ihrem langen Weg zu einer guten Kantine zu Ende begleiten will, wer bei Tisch mehr möchte, als nur den knurrenden Magen zu besänftigen, muss selbst Hand anlegen. Und vielleicht lernt man gleich etwas fürs Leben, etwa, wie man das im Übermut eines Flirts gegebene Versprechen, ein Dinner für zwei zu kochen, einlöst, ohne sich in Schulden stürzen zu müssen. Zu den erlaubten Hilfsmitteln gehören natürlich Kochbücher, die es für fast jede Lebenslage gibt: Ob »Null Bock, aber Hunger«, die »StudentInnenküche« oder »Kocht wieder kein Schwein?!«, alle haben Tipps parat, wie man sich ohne größere Umstände respektable Kochkünste aneignen kann.

Bald steigen die Ansprüche mit jedem guten Essen, bei dem man denkt: Das will ich auch können. Und dann übt man, kocht und wird immer besser. Und merkt: Gutes Essen ist keine Zauberei - und schlechtes Essen auf Dauer eine Zumutung.

Hamburg

Robert, 27, mit Frauke, 25, Barbara, 25, Julia, 23, Utsch, 22, Olaf, 25 und Sui, 28

Wir wohnen hier zu siebt, aber die Küche ist trotzdem groß genug für uns, weil wir ziemlich unterschiedliche Zeiten haben, zu denen wir kochen und essen. Am Anfang war unsere Küche der Treffpunkt der WG, wo vor allem morgens gemeinsam Kaffee getrunken wurde. Aber mit der Zeit haben sich die Tagesrhythmen verändert; jetzt trifft man sich eher abends im Wohnzimmer. Unsere Küche ist etwas über dem Standard: Wir haben einen Zwei-Felder-Gas- und einen Vier-Felder-Ceranherd, dazu eine Mikrowelle, drei Kühlschränke und eine Spülmaschine - wichtig! Pluspunkt: Barbaras Freund ist Koch, und wenn die beiden kochen, dann auch gern viel und oft für die anderen mit.


UniSPIEGEL 1/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://corporate.spiegel.de finden Sie Angebote für die Nutzung von SPIEGEL-Content zur Informationsversorgung von Firmen, Organisationen, Bibliotheken und Journalisten.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

UniSPIEGEL 1/2006

Titelbild

Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!


Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Bei Spodats erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF

Artikel als PDF ansehen

An den Herd!

TOP



TOP