13.02.2006

Anja in Amerika (2)

Die Elite-Universität in Pennsylvania ist in Aufregung ­ in den vergangenen Wochen hat die Anzahl der Gewaltverbrechen deutlich zugenommen.
Das »Philly Diner« gehört zu den beliebten Plätzen auf dem Campus. Man bekommt dort immer Frühstück, egal, wie spät es ist, und vom »Pizza Steak« über die »Ultimate Nachos« bis zum »Grilled Chicken St. Louis« bewegen sich die meisten Gerichte deutlich unter der Zehn-Dollar-Marke.
Mir gefällt das »Philly Diner«, weil es mich ein bisschen an die Imbiss-Restaurants aus den amerikanischen Filmen erinnert, in denen einen die Kellnerinnen mit Kaffeekannen in der Hand begrüßen und im Hintergrund immer ein Uralt-Song läuft. »I didn't know what day it was, when you walked into the room«, singt Rod Stewart, während ich auf den Pommes meines 5,99-Dollar-Lunch-Specials herumkaue und über William nachdenke. William, der 25-Jährige aus Nord-Philadelphia, der am 25. Dezember frühmorgens mit ein paar Freunden an einem der Tische saß, als ihn plötzlich eine Kugel traf.
Die meisten von uns erfuhren von dem tödlichen Schuss auf dem Campus-Gelände erst am Montag nach der Winterpause, als jemand in der Vorlesung den »Daily Pennsylvanian« las. Zu Hause fragte ich John, meinen Mitbewohner, ob er während der Ferien etwas davon in der Zeitung gelesen hätte, aber John konnte sich nicht erinnern. »You know, there's so much crime in the paper everyday«, sagte er. Und da hat er Recht.
Amerikanische Zeitungen sind voll von Berichten über Schießereien und Raubüberfälle, und wer abends den Fernseher einschaltet, hat neben diversen Rechtsmediziner-Serien eine breite Auswahl an Nachrichten, die auf Sexualverbrechen oder vermisste Frauen und Kinder spezialisiert zu sein scheinen. Zwar ist die Kriminalitätsrate insgesamt gesehen in den USA nicht höher als in den meisten anderen Industrienationen, aber es gibt einen entscheidenden Unterschied, der immer wieder auf die leichte Verfügbarkeit von Schusswaffen zurückgeführt wird: Die Rate der Tötungsdelikte ist außergewöhnlich hoch. Zwar registrierten einige amerikanische Großstädte, allen voran New York City, in den vergangenen Jahren rückläufige Zahlen, doch andernorts verzeichnen die Behörden zurzeit einen Anstieg. Wie hier, in Philadelphia. Mitte Januar erwischte es eine Studentin der Universität, die auf dem Heimweg von einer Party auf offener Straße in eine Schießerei geriet. Die Kugel, die sie am linken Oberschenkel traf, verursachte zwar keine allzu schweren Verletzungen. Aber diesmal sagte John: »Bald werden wir hier alle schusssichere Westen tragen müssen.«
Bereits vor Thanksgiving war klar geworden, dass das Herbstsemester für unsere 101 Mann starke Universitätspolizei schlecht laufen würde. Die Raubüberfälle auf dem Campus und in den angrenzenden Straßen hatten seit Oktober zugenommen. Die Wochenenden häuften sich, an denen irgendwo ein Student überfallen und manchmal auch mit einer Waffe bedroht wurde. Die Täter, gewöhnlich mehrere Jugendliche, erbeuteten meist nicht mehr als ein Handy oder 45 Dollar. Die Präsidentin der Universität erklärte die Sicherheit auf dem Campus zur obersten Priorität, und die «Division of Public Safety« mahnt seitdem in regelmäßigen Abständen zur Vorsicht: Wir sollen Geld nur an Bankautomaten in Gebäuden abheben und draußen weder iPod hören noch telefonieren. Die Beleuchtung auf dem gesamten Gelände ist verstärkt worden, und eine »Tactical Task Force« überwacht nach sieben Uhr abends die Straßen. Denn in der Luft hängt die Erinnerung an die neunziger Jahre, als der McDonald's am westlichen Campus-Ende »McDeath« genannt wurde.
Ein Student und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter waren damals bei Raubüberfällen getötet worden, und der Ruf der Uni stand auf dem Spiel. Dass ein amerikanisches College ein eigenes Police Department hat, ist heute keine Besonderheit. Aber die »Public Safety Division« der University of Pennsylvania gehört mittlerweile zu den größten und am besten ausgestatteten universitären Sicherheitsdepartments im ganzen Land. Auf dem Campus und den angrenzenden Straßen sind knapp 300 Überwachungskameras installiert. Wenn ich abends nach Hause laufe, sehe ich oft schon aus der Ferne die Fahrradlampe eines Security Guards, der zusätzlich zur Penn Police auf den Straßen patrouilliert. Ob alles klar bei mir sei, fragt der Mann vom Sicherheitsdienst dann meistens. »I'm good«, sage ich und füge hinzu, dass ich es nicht weit hätte. Aber er lässt sich nicht abschütteln, sondern radelt im Abstand von ein paar Metern hinter mir her, bis ich zu Hause bin.
Streng genommen sollte ich abends überhaupt nicht auf der Straße sein, sondern den »Penn Shuttle Service« anrufen, der die Studenten in Kleinbussen herumkutschiert. Für diejenigen, die in der Dunkelheit nicht allein über den Campus gehen wollen, gibt es den »Walking Escort Service«. Und der verzeichnet momentan im Vergleich zum Vorjahr einen Nachfrage-Anstieg von 247 Prozent.
Auch für Campus-Kriminalitätsraten gibt es mittlerweile so etwas wie ein Ranking: Seit dem Fall der 19-jährigen Jeanne Ann Clery, die 1986 im Zimmer ihres Wohnheims der Lehigh University in Bethlehem, Pennsylvania, von einem
Studenten vergewaltigt und ermordet wurde, sind amerikanische Universitäten per Gesetz verpflichtet, die Straftaten auf ihrem Gelände und den angrenzenden Gebieten zu veröffentlichen. Dass sich nicht alle daran halten und die Zahlen oft nicht vergleichbar sind, stört kaum jemanden.
In der Cafeteria hörte ich neulich, wie sich zwei Undergraduates über die Auswahl einer geeigneten Law School unterhielten. »Nach Yale würde ich nicht gehen«, sagte die eine, dort sei es vor allem für Studentinnen gefährlich. »Stimmt«, sagte die andere, »und Princeton hat viele Einbrüche.«
Auch an meiner Uni verfolgt man die Kriminalitätsrate sehr genau. »Als ich vor zwei Jahren mit meiner Familie hierher kam, um mir die Uni anzuschauen, hat Penn betont, wie sicher der Campus ist«, beschwert sich Studentin Martha im »Daily Pennsylvanian«. Und dann fügt sie eine lange Liste von Kriminalitätsopfern aus ihrem Bekanntenkreis an: zwei Studentinnen, die vergewaltigt worden seien, fünf Raubopfer, zwei Körperverletzungen, fünf gestohlene Computer und andere Wertsachen sowie zwei geklaute Autos.
Andere setzen offenbar bereits auf Selbsthilfe: »Wenn Penn uns nicht schützen kann, sollten wir in der Lage sein, uns selbst zu schützen«, hat Cory Bray, der Vorsitzende der studentischen Republikaner an der University of Pennsylvania, angeblich gesagt und dafür plädiert, den Kommilitonen auf dem Campus das Tragen von Waffen zu erlauben. Ich habe vorher noch nie von ihm gehört, finde aber seine E-Mail-Adresse und schicke ihm eine kurze Nachricht. »Hallo Cory«, schreibe ich und frage, wie viel Zustimmung er zu seinem Vorschlag schon bekommen hätte. Aber Cory antwortet nicht.
Und so habe ich selbst einen Stimmungstest gemacht: Im Penn-Bookstore suchte ich im Zeitschriftenregal die aktuelle Ausgabe von »Combat Handguns« heraus, anstatt meine Bücher für das Frühlingssemester zu kaufen. Das Magazin hatte auf dem Titel zwei neue Pistolen und kündigte eine Fallstudie zu der Frage »When you can't shoot, when you must!« an.
Ich stellte mich so in die Kassenschlange, dass sämtliche Wartenden einen Blick auf meine Neuerwerbung werfen konnten. Das Ergebnis war eindeutig: Ich erntete ausnahmslos missbilligende Blicke, und die Verkäuferin wünschte mir das erste Mal keinen großartigen Tag. Ob all das jedoch schon als Ausdruck einer grundsätzlich liberalen Stimmung an meiner Universität gedeutet werden kann, bleibt dahingestellt.
Viel eindeutiger ist dagegen die Haltung der Penn-Studenten gegenüber einem ganz speziellen Delikt, das im letzten Semester ebenfalls einen Rekordzuwachs verzeichnete: dem Diebstahl von Einkaufswagen aus dem einzigen großen Supermarkt auf dem Campus. Angestellte vermuten, dass drei Viertel der Wagen von Studenten geklaut wurden, die ihre Einkäufe nicht selbst nach Hause tragen wollten. Und weil viele Wagen auf den Fluren diverser Wohnheime gefunden wurden, ist die Beweislage ziemlich eindeutig. Deshalb hat auch der Supermarkt aufgerüstet und ein »Cart Anti-theft Protection System« installiert. Und wie zu hören ist, konnte die Supermarktleitung bereits erste Erfolge in ihrer Statistik verbuchen.
Anja Schröder, 29, studiert an der University of Pennsylvania in Philadelphia, um dort den »Master of Science in Criminology« zu erwerben.

UniSPIEGEL 1/2006
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