22.05.2006

Der leiseste Club der Welt

Eigentlich sollen Bibliotheken der wissenschaftlichen Lektüre dienen. Doch über Bücherstapel und Laptops hinweg werden oft tiefe Blicke getauscht - und manchmal auch Telefonnummern.
Schon seit über einer Stunde sitzt das Mädchen mit dem dunkelbraunen Haar auf einem der weinroten Hocker in der Cafeteria der Berliner Staatsbibliothek. Ihr grüner Pulli lässt ihre rechte Schulter frei, betont ihren Hals, den sie immer wieder reckt, wenn sie lacht. Und sie lacht oft. Ihr gegenüber sitzen zwei junge Studenten mit Dreitagebart, langgewachsenem Haar und abgetragenen Adidas-Turnschuhen. Sie trinken bereits ihren zweiten Kaffee und plaudern. Auch wenn ihr Tonfall recht gedämpft ist, ahnt man aus der Ferne, dass es hier nicht um die Abgründe der Wissenschaft geht, sondern dass geflirtet wird.
Eine Treppe aufwärts, in der Nähe der saalhohen Glasfront, sind keine Worte nötig. Eine Studentin in hochhackigen Schuhen, schwarzem Minirock und schwarzer Strumpfhose wirft ihren rosafarbenen Schal prätentiös um den Hals, während sie an den langen Tischreihen entlangläuft. Mit Erfolg: Gleich mehrere junge Männer blicken von ihren Büchern und Notebooks auf und schauen der Frau nach, die wiegenden Schrittes aus dem mit Licht durchfluteten Lesesaal stolziert.
Wer kann da noch arbeiten? Oder will es überhaupt? Die Gänge zwischen den Tischreihen und Regalen verwandeln sich fast unausweichlich in einen Catwalk. Die Atmosphäre erinnert an ein Straßencafé im Sommer; die Flaneure allerdings sind zum Schweigen verdammt. Und die Bibliothek mutiert zur Kontaktbörse mit angeschlossener Buchausleihe.
Gebüffelt wird natürlich auch. Etwa tausend Studenten sämtlicher Berliner Universitäten und Fachhochschulen fahren jeden Tag in den von Hans Scharoun entworfenen und 1978 eingeweihten Bibliotheksbau an der Potsdamer Straße, um für anstehende Klausuren und Testate zu lernen sowie Haus-, Diplom- oder Magisterarbeiten zu schreiben. Dass die Gebühren seit dem vorigen Jahr für die Monatskarte bei 10 Euro, für die Jahreskarte bei 25 Euro liegen und weitere Dienstleistungen zusätzlich kosten, hat dem enormen Zuspruch bislang keinen Abbruch getan. Vor allem in den letzten Wochen jedes Semesters und zu Beginn und Ende der Semesterferien sind die Arbeitsplätze oftmals bereits um 11 Uhr, zwei Stunden nach Öffnung der Bibliothek, dicht gefüllt.
Im Prinzip funktioniert der Lesesaal wie ein Club, nur dass statt hämmernder Musik über allem eine eigentümliche Ruhe liegt: Der erste Kontakt erfolgt durch stumme Blicke, das erste Gespräch beginnt in der Cafeteria. Zwar halten sich immer auch ein paar Studenten an ihrem Latte Macchiato fest, die unbeirrt nach wissenschaftlicher Erkenntnis streben, aber weitaus auffälliger sind all jene, die auch auf einen Partner für die nächste Nacht oder das Leben hoffen. Hier treffen sich, ähnlich wie in einem guten Club, die Interessierten und Interessanten, die Disziplinierten, die Fleißigen und Kommunikativen, denen der öffentliche Raum eher Ansporn ist als Ablenkung. Obwohl gerade die oftmals geschätzt wird.
Vielen ist anzusehen, dass sie die Blicke spüren. Sie schlendern betont gelassen, recken die Köpfe besonders hoch, blicken sich scheinbar beiläufig um.
In der Cafeteria schlägt das Herz der Bibliothek. Mark Hoffmann und Sebastian Klein machen gerade Kaffeepause - Espresso mit viel Zucker gegen aufkeimende Müdigkeit. Beide schreiben gerade an ihren Abschlussarbeiten in Kommunikationswissenschaft, beide sind so gut wie täglich in der Staatsbibliothek. "Natürlich kommt man vor allem her, um in Ruhe arbeiten zu können. Und weil man all die anderen um sich hat, die genauso fleißig sein müssen", sagt Mark, 26. Aber die Atmosphäre sei anders als am Uni-Institut. "Man sieht es auch an den Klamotten", findet Sebastian, 25. "Wie sich manche für die Bibliothek aufbrezeln, das ist geradezu bizarr. Alle wissen, dass es hier auch ums Sehen und Gesehenwerden geht."
Über dem Tiergarten neigt sich der Tag seinem Ende entgegen, die Philharmonie gegenüber leuchtet golden. In der Staatsbibliothek, die werktags bis 21 Uhr geöffnet hat, herrscht noch immer konzentriertes Schweigen. Die Studenten starren auf Monitore, lesen in Büchern, machen Notizen. Ab und zu reckt sich ein Kopf, schaut sich suchend um.
Mancher findet auch, sagt Mark. "Ein Freund von uns wurde letztens hier in der Bibliothek von einem Mädchen angesprochen. Sie kannten sich schon vom Sehen, und nach ein paar Tagen kam sie zu ihm, hat ihm einen Zettel mit ihrer Nummer in die Hand gedrückt und gesagt, er solle sich melden, wenn er Lust hätte." Er hatte Lust. Das erste abendliche Date fand noch in derselben Woche statt.
Von DANIEL ERK

UniSPIEGEL 3/2006
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