DER SPIEGEL



Angelnde Maus auf der Türklinke

Clemens Mayer, 21, ist Gedächtnisweltmeister 2006. Der Jura-Student aus München setzte sich in London im Zehnkampf der Merkdisziplinen durch.

UniSPIEGEL: Sie haben sich bei der Gedächtnis-WM unter anderem in einer Stunde über 1600 Ziffern eingeprägt und sie in der richtigen Reihenfolge wiedergegeben. Wie schaffen Sie das?

Mayer: Gedächtnissportler verbinden dazu die Zahlen mit Bildern und fügen die Bilder zu einer Geschichte zusammen. Jede zweistellige Zahl von 00 bis 99 ist für mich ein Symbol, die 14 beispielsweise der Affe, die 35 der Sportkletterer oder die 47 die Maus. Die Symbole sind fix, die Zahlenreihen natürlich nicht. Also ergibt jede Zahlenreihe eine neue Geschichte. Um nicht durcheinanderzukommen, schreite ich im Geiste einen Weg ab, zum Beispiel durch meine Wohnung.

UniSPIEGEL: Wie sieht die Geschichte dann aus?

Mayer: Die Ziffernfolge beginnt beispielsweise mit 47 99 58. Die Zahl 99 ist für mich eine Angel, 58 Papier: Ich betrete meine Wohnung, auf der ersten fixen Station, der Türklinke, sitzt eine angelnde Maus. Dann gehe ich weiter zum Kleiderständer, der ist aus Papier und bricht zusammen, als ich die Jacke aufhängen will. Ich ärgere mich fürchterlich.

UniSPIEGEL: Warum der Ärger?

Mayer: Wer sich ärgert oder freut oder traurig ist, schaltet den Merk-Turbo ein. Das Gehirn kann sich viel besser an Situationen und Bilder erinnern, die mit Emotionen aufgeladen sind.

UniSPIEGEL: Eine WM-Disziplin ist, Binärzahlen zu memorieren. Nullen und Einsen lassen nicht viel Raum für Geschichten, oder?

Mayer: Doch, ich teile dazu die Zahl in Pakete von sechs Ziffern auf. Sechsmal die Null ist für mich ein Fußball, sechsmal die Eins eine Katze. 111111000000 ist also eine Katze, die Fußball spielt.

UniSPIEGEL: Woran erinnern Sie sich am liebsten?

Mayer: Meine Lieblingsdisziplin heißt "Namen und Gesichter": Hier bekommen wir 100 Porträtfotos mit den dazugehörigen Namen gezeigt, später nur noch die Bilder in völlig veränderter Reihenfolge. Ich konnte in 15 Minuten 90 Porträts die richtigen Vor- und Nachnamen zuordnen, das ist Weltrekord.

UniSPIEGEL: Mit welcher Technik?

Mayer: Wieder mit Bildern, die ich mit einem auffälligen Merkmal verbinde. Eine Frau mit einer Perlenkette hieß zum Beispiel Inga Rabe. Das passende Bild war für mich also ein Rabe, der zur Frau hinfliegt und die Kette aufpickt - und der Rabe ist schadenfroh, er lacht sogar, als er sich davonmacht.

UniSPIEGEL: Können Sie noch normal mit Menschen reden, ohne sich Merkmale einzuprägen und sie mit Namen zu kombinieren?

Mayer: Ja. Wenn ich mir den Namen aber merken will, dann gelingt mir das. Genauso wie Handy-Nummern, falls nichts zum Schreiben zur Hand ist.

UniSPIEGEL: So ein Gedächtnis muss im Studium ungemein hilfreich sein, besonders in Jura.

Mayer: Es gibt mir schon Sicherheit, die Systematik im Griff zu haben, und das mit wenig Lernaufwand.

UniSPIEGEL: Was können vergesslichere Studenten von den Leistungssportlern lernen?

Mayer: Das Gedächtnis lässt sich durch Übung trainieren wie die Beine durch Radfahren. Am Anfang war ich schon froh, als ich mir eine zehnstellige Zahl merken konnte. Insgesamt lassen sich Texte besser einprägen, wenn man kreativ lernt und sie mit Leben füllt.

www.clemensmayer.eu


UniSPIEGEL 5/2006
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