12.02.2007

Allahs Avantgarde

Von BRANDT, ANDREA

Die Zahl der Kopftuch tragenden muslimischen Studentinnen wächst. Sie wollen allerdings keinen Gottesstaat errichten, sondern Karriere machen.

Den Weg zu Allah finden an der Kölner Universität nur Eingeweihte. Gegenüber der Garderobe im Erdgeschoss der Universitätsbibliothek geht es eine Rampe hoch, dann durch eine Brandschutztür in den Keller hinab. Dort, in einer Nische unter der Fluchtwegtreppe, weist ein mit Klebeband auf den Boden gepappter Pfeil in Richtung Mekka.

In der Mittagszeit knien hier junge Frauen mit Kopftuch auf Gebetsteppichen. Frauen wie Hatice Kiliç, 24, Studentin der Wirtschaftsinformatik im 9. Semester. Ihr Gesicht mitsamt der randlosen Brille verschwindet fast unter dem schwarzen Kopftuch. Weil sie das Stück Stoff an einer türkischen Universität nicht tragen dürfte, studiert sie in Köln: "Ich lebe in einer studentischen Parallelwelt", bekennt sie offen, "meine einzige Aufgabe hier ist es, schnell einen guten Abschluss zu machen."

Niemand hat sie gezählt, die Kopftuch-Studentinnen aus dem In- und Ausland an deutschen Universitäten. Es gibt keine wissenschaftlichen Studien über ihre Herkunft, ihre Einstellungen, ihre Ziele. Nur so viel hat Faruk ~Sen, Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen, beobachtet: Es werden immer mehr. Noch vor wenigen Jahren seien an deutschen Hochschulen kaum Kopftuch tragende Studentinnen anzutreffen gewesen. Heute, schätzt er, kämen rund "ein Drittel aller muslimischen Studentinnen mit Kopftuch zur Uni".

Über die Gründe - ob sie religiös oder auch politisch sind - gehen die Expertenmeinungen auseinander. Einig sind sich Forscher wie ~Sen und die Bremer Pädagogikprofessorin Yasemin Karaka~soglu aber bei den Folgen: Nur eine kleine Minderheit der Kopftuch-Mädchen kommt aus dem Ausland und wird

wohl nach dem Uni-Abschluss in die Heimat zurückkehren. Die meisten, so die Prognose, wollen in Deutschland Karriere machen - mit Kopftuch.

Ein "großes Dilemma" sieht Forscher ~Sen bereits für Staat und Gesellschaft. Einerseits würden gut ausgebildete Migrantinnen gebraucht, andererseits hält er das Kopftuchtragen jedenfalls im öffentlichen Dienst für nicht akzeptabel: "Wir müssen dringend überlegen, wie wir diese Akademikerinnen für unsere Gesellschaft gewinnen können." Ähnlich sieht es die grüne Bundestagsabgeordnete Ekin Deligöz, die massiv bedroht wird, seit sie Musliminnen zum Verzicht auf das symbolträchtige Stück Stoff aufgefordert hat. "Ich fordere kein Verbot, sondern möchte die Debatte über die Kopftuch-Frage voranbringen", sagt Deligöz (siehe Interview Seite 10).

22 550 Studenten mit türkischem Pass studieren nach Angaben des Statistischen Bundesamtes in Deutschland, darunter rund 8500 Frauen. In den vergangenen 15 Jahren hat sich der Frauenanteil mehr als verdoppelt. Zusammen mit einer geschätzten Zahl der Eingebürgerten kommt ~Sen auf rund 40 000 türkischstämmige Studenten bundesweit. 7000 von ihnen reisten aus dem Ausland zum Studieren an, etliche als Kopftuch-Trägerinnen aus der Türkei.

Denn dort ist es Frauen zwecks strikter Trennung von Religion und Staat nach dem Armeeputsch von 1980 verboten, in öffentlichen Gebäuden wie Universitäten das Haar zu verhüllen. Streng Religiöse, die es sich leisten können, weichen als Bildungstouristen auf ausländische Unis aus - selbst der türkische Premier Erdogan schickte seine Kopftuch tragenden Töchter zum Studieren nach Amerika.

In Deutschland sind es Türkinnen wie die Wirtschaftsinformatikstudentin Kili~c, die an den Unis beten und zielstrebig für die Karriere arbeiten. Sie wohnt bei einem Onkel in Köln, geht abends "nie aus". Für Kontakte zu deutschen Studenten, sagt sie, habe sie "keine Zeit".

Der Kopftuch-Boom an deutschen Unis, vermutet Wissenschaftler ~Sen, dürfte aber vor allem hausgemacht sein. Nach einer Studie des Zentrums für Türkeistudien identifizieren sich Muslime in Deutschland zunehmend mit ihrer Religion. Seit dem Jahr 2000 ist der Anteil der Muslime, die sich als "sehr religiös" bezeichnen, von 8 auf 28 Prozent gestiegen.

Das zeigt sich auch bei der Kopftuch-Frage. Fanden im Jahr 2000 noch 27 Prozent der Befragten, eine muslimische Frau solle ihr Haar verhüllen, so waren es 2005 mit 47 Prozent fast doppelt so viele. "An den Universitäten spiegelt sich nun eine Entwicklung, die die gesamte muslimische Einwanderergesellschaft in Deutschland erfasst hat", urteilt ~Sen.

Selbst die dürftigen Daten deuten an, was bald Wirklichkeit werden könnte. Allein 8275 Menschen mit türkischem Pass studieren laut Statistischem Bundesamt Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, darunter fast 3500 Frauen. "Wir werden künftig reden, streiten und verhandeln müssen über Staatsanwältinnen und Richterinnen mit Kopftuch", prophezeit Forscherin Karaka~soglu.

Auf den einschlägigen Studenten-Websites und bei Muslimen-Treffs hat die Diskussion längst begonnen. Lehrerinnen mit Kopftuch seien nur die "Vorhut", heißt es auf der Internet-Seite der Islamischen Hochschulvereinigung Köln, als Nächstes würden die Juristenjobs erobert - quasi als Avantgarde einer neuen Religiosität.

Jurastudentin Emine, 24, aus Köln, die nach ihrem Mittagsgebet unter dem Treppenabsatz ihr dunkles Kopftuch zurechtzupft, möchte dazugehören. Als Praktikantin war sie oft im Gerichtssaal, seitdem hat sie klare Vorstellungen von ihrem

Traumjob: "Ich würde gern Staatsanwältin werden", sagt sie.

Das Kopftuch für die Karriere abzulegen ist für sie "ausgeschlossen". Wie ihre Schwestern - beide praktizierende Ärztinnen - trage sie es aus "rein religiösen Gründen". Eher kann sie sich vorstellen, notfalls vor Gericht für eine Anstellung beim deutschen Staat zu kämpfen: "Warum sollten Frauen mit Kopftuch nicht den Beruf ergreifen, den sie sich wünschen?", fragt sie.

Auch Tabtil Abodahab, 24, Psychologiestudentin aus Wuppertal, bereitet sich zielstrebig auf einen Berufsstart mit Kopftuch vor. Die Examenskandidatin mit dem fein geschnittenen Gesicht verhüllt seit dem zehnten Lebensjahr ihr Haar. Erst, weil alle Frauen in ihrer Familie das taten. Heute, weil es ihr "innerlich ein Bedürfnis ist" und sie "auch nach außen" zu ihrer Religion stehen wolle. Das Kopftuch gebe ihr persönlich "Schutz und Stärke", sagt die Tochter eines promovierten Ingenieurs.

Selbstbewusst war sie eigentlich schon immer: Als Gymnasiastin wurde sie zur Klassensprecherin gewählt. An der Uni drehte sie mit zwei Kommilitoninnen einen Kurzfilm über den muslimischen Studentenalltag. Tabtil und zwei Kopftuch tragende Freundinnen beobachteten sich selbst mit der Kamera: im Gebetsraum der Uni Wuppertal, beim Lernen - und beim Lachen. Zum Beispiel über Menschen, die erstaunt sind, dass eine Kopftuch-Trägerin Germanistik studiert.

Den Film habe sie auch deshalb gedreht, weil es "andauernd nur Beiträge über benachteiligte Muslime mit schlechten Sprachkenntnissen gibt", sagt Tabtil. Und nichts über Frauen wie sie: gebildet, erfolgreich und religiös. In Wuppertal hat sie miterlebt, dass es immer mehr werden. Früher, sagt die Studentin im 11. Semester, habe es außer ihr nur eine Kopftuch-Trägerin in ihrem Fach gegeben: "Bei den Erstsemestern heute sitzt in fast jedem Seminar eine Gruppe."

Viele von den jungen Frauen, die an deutschen Unis mit Kopftuch ins Seminar gehen, passen in kein Klischee. Jurastudentin Abir, 24, etwa plaudert bei einer Tasse Kaffee im Kölner Studentencafé Krümel entspannt darüber, dass sie politisch "eher rot-grün" orientiert sei, sich religiös aber nicht bevormunden lassen wolle: "Ich weiß selber, was ich will", sagt sie selbstbewusst, "und zwar Kopftuch und Karriere." Mutter und Schwester verhüllen ihr Haar nicht. Abir entschied erst vor einem Jahr, Kopftuch zu tragen. Aus "rein religiösen Gründen", wie sie sagt.

Was das Stück Stoff auf dem Kopf einer muslimischen Frau bedeutet, darüber streiten seit Jahrzehnten Forscher und Feministinnen. Für Emma-Herausgeberin Alice Schwarzer, die frühere niederländische Abgeordnete Ayaan Hirsi Ali und die Autorin Seyran Ates ist es ein Zeichen der Unterdrückung der Frau und gehört abgeschafft.

Die Bremer Forscherin Karaka~soglu sah das Kopftuch in einem Gutachten für das Bundesverfassungsgericht im Fall der Kopftuch tragenden Lehramtsanwärterin Fereshta Ludin 2003 dagegen vorrangig als religiöses Symbol. Entscheidend sei im Einzelfall, warum es getragen werde.

Die Interpretationsschlacht hat längst auch die Campus-Politiker erreicht. Der Landesverband Baden-Württemberg der Liberalen Hochschulgruppen forderte schon 2004 ein Kopftuch-Verbot an Universitäten. Bedeckte Häupter seien ein "Zeichen für die Unterdrückung der Frau", so der Landesvorsitzende Alexander Schopf, 29. Sein eigener Bundesverband freilich hat nichts gegen Kopftücher, Kippa oder Kreuze an den Hochschulen.

Iman Hadji, Vorstandsmitglied der Islamischen Hochschulvereinigung in Köln, sagt: "Viele suchen gerade deshalb stärker Halt in der Religion, weil der Islam von außen in die Kritik geraten ist." Hadji, die Islamwissenschaft studiert, trägt selbst kein Kopftuch. Sie kennt mehrere Studienanfängerinnen, die ihr Haar künftig bedecken wollen.

"Über Nacht" entschied sich auch Sonay Kirlak, 19, die im 3. Semester Soziale Arbeit in Essen studiert, vor eineinhalb Jahren fürs Kopftuch. Eltern und

Freunde, keine praktizierenden Muslime, waren überrascht. Sie habe Gott danken wollen für ihr glückliches Leben, sagt Kirlak. Und: In Zeiten, in denen ihre Religion für Terror und Gewalt instrumentalisiert werde, möchte sie "das freundliche Gesicht des Islam zeigen" - zum Beispiel ihr eigenes.

Anders als die Bremerin Karaka~soglu sieht der Essener ~Sen vor allem politische Gründe für eine zunehmende Verbreitung des Kopftuchs an deutschen Unis. So wollten Studenten beweisen, dass man in einem freien Land Kopftuch trage dürfe - zum Beispiel aus Protest gegen den türkischen Staat. Besorgniserregend findet er allerdings eine andere Beobachtung. Studentinnen in Deutschland, so ~Sen, würden mitunter "stark beeinflusst und instrumentalisiert" von islamistischen Gruppen: "Einige muslimische Organisationen fördern den Trend zum Kopftuch, indem sie Studienstipendien gezielt an Kopftuch-Trägerinnen vergeben", urteilt der Wissenschaftler.

Tatsächlich bestehen enge Verbindungen etwa zwischen der vom Verfassungsschutz beobachteten islamistischen Milli-Görüs-Organisation und etlichen islamischen Hochschulgruppen. Zu einem von Milli Görüs organisierten bundesweiten Studententreffen im März in Hagen haben sich nach Auskunft der Islamischen Studentenvereinigung Hamburg auch zahlreiche Hochschulgruppenvertreter angesagt. "Wir erwarten rund 1500 Studenten überwiegend aus Deutschland - allesamt Mitglieder oder Sympathisanten", hieß es in der Milli-Görüs-Zentrale im rheinischen Kerpen.

Milli Görüs vergebe jährlich rund 250 Studienstipendien, davon etwa 150 an Frauen, die wegen Kopftuch-Verboten in ihrer Heimat zum Studium nach Deutschland oder Österreich gekommen seien, erklärte Mesut Gülbahar, zuständig für Jugendarbeit in der Milli-Görüs-Zentrale. Der Großteil aller Fördergelder - zwischen 300 und 400 Euro monatlich - gehe an Studenten in Deutschland. "Dass Frauen Kopftuch tragen, ist bei uns keine Bedingung für ein Stipendium", versichert er.

Allerdings, räumt der Milli-Görüs-Mann ein, handele es sich bei den Stipendiaten "mehrheitlich um Studenten, die den Islam und seine Gebote ernst nehmen - auch beim Kopftuch". Das sei aber "selbstverständlich" und habe nichts mit Beeinflussung oder Instrumentalisierung zu tun: "Die SPDnahe Friedrich-Ebert-Stiftung vergibt wahrscheinlich auch keine Stipendien an CDU-Mitglieder."

Intensiv kümmern sich islamische Organisationen auch um Wohngemeinschaften für muslimische Studenten. Milli Görüs hat nach eigenen Angaben Moschee-Vereine und Regionalverbände mit der Gründung von Studenten-WGs beauftragt. Auch die Bildungsbewegung des umstrittenen türkischen Predigers Fethullah Gülen fördert offenbar Studenten-WGs in Deutschland. Esma Hilal Nurlan, 23, die in Essen im fünften Semester Pädagogik studiert, berichtet: "Ich bin schon mal von Fethullah-Leuten angesprochen worden, ob ich da mitmachen will."

Bei der hochgewachsenen, schlanken Frau gerieten die Fethullah-Anhänger an die Falsche, sie ist längst schon anders religiös gebunden: Nurlan folgt der Koran-Auslegung des Mystikers Said Nursi, die ebenfalls als eher konservativ gilt. Ihren Uni-Professoren gibt sie aus religiösen Gründen nicht einmal die Hand. Sie glaubt, dass "Männer in der Hand eine Stelle haben, die bei Berührung durch eine Frau Begehren weckt".

Tagsüber sammelt Nurlan Scheine an der Universität, abends und am Wochenende sogenannte Sevap, Pluspunkte bei Allah. In einer Düsseldorfer Moschee gibt sie deshalb vier Stunden pro Woche Kindern Koran-Unterricht, dreimal wöchentlich betreibt sie dort eigene Koran-Studien. An der Uni lernt sie zielstrebig und ehrgeizig, trotzdem geht Beten im Zweifel vor Studieren: Um keine der fünf täglichen Gebetszeiten zu versäumen, unterbricht sie schon mal ein Seminar.

An diesem Tag sitzt sie mit Strickjacke, Stiefeln und modisch breitem Ledergürtel in einem Hauptseminar über Migrationssoziologie, ein helles Seidentuch fest um den Kopf geschlungen. Fünf Kommilitoninnen tragen ebenfalls Kopftuch - in Schwarz, Weiß, Rosa, gestreift oder mit Leopardenmuster. Kaum ist das Seminar zu Ende, eilt die Gruppe geschlossen zum Mittagsgebet.

In dem von der Islamischen Hochschulgruppe eingerichteten Gebetsraum im Zimmer E 96 geht es schicker, aber auch strenger zu als beim Treppenbeten in Köln. Fünf grüne Gebetsteppiche liegen auf einem flauschigen Velours, an einem niedrigen Becken machen zwei Frauen rituelle Gebetswaschungen. Hinter einem Vorhang murmeln die Männer, die durch eine separate Tür in den geteilten Raum gelangen. Besucher werden hinauskomplimentiert.

"Wir sind viele, wir sind clever, und wir werden unseren Weg in die Top-Jobs schon machen - mit Gottes Hilfe", verkündet in der Cafeteria der Uni-Zweigstelle Duisburg eine junge Frau mit blaukariertem Kopftuch. Die 24-jährige Informatikstudentin, die ihren Namen nicht in der Presse lesen mag, gibt sich kämpferisch: "Als Muslimin mit Kopftuch muss ich eben doppelt so gut sein wie andere."

Ihren Berufseinstieg hat die in Deutschland geborene Gastarbeitertochter sorgfältig vorbereitet: In einem Nebenjob als Datenbankpflegerin sammelt sie bei einer internationalen Firma in Düsseldorf Praxiserfahrung. Der Chef habe schon angefragt, wann sie das Studium abschließe. Den Einstieg hatte die Kopftuch-Trägerin mit einem kleinen Trick geschafft: "Bei der Bewerbung", sagt sie, "habe ich mein Passfoto lieber weggelassen."


UniSPIEGEL 1/2007
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