12.02.2007

Sex and the Campus

Studenten geben Nackt-Magazine heraus, Dozenten unterrichten „Porn Studies“ - an vielen US-Unis ist Eros auf dem Vormarsch.
Ein Intellektueller sei "ein Mensch, der etwas Interessanteres als Sex entdeckt hat", scherzte einst der britische Schriftsteller Aldous Huxley. Insofern zeugt es von einer nicht unbeträchtlichen Fähigkeit zur Selbstveräppelung, dass der Huxley-Spruch ausgerechnet auf einer Website der amerikanischen Elite-Universität Yale zitiert wird, die sich mit nichts anderem befasst als mit - Sex.
Auch die angehenden Intellektuellen in den USA werden ja nicht von den erotischen Wirrungen der Jugend verschont, und so gehört Sex seit je zum quasi inoffiziellen Lehrplan amerikanischer Hochschulen, die ihre Studenten im Regelfall mit zarten, unerfahrenen 17 oder 18 Jahren direkt aus dem Elternhaus
aufnehmen und in eine ungewohnt freie, nicht überwachte und an Versuchungen reiche Campus-Welt voller Gleichaltriger versetzen.
Wohl an kaum einem anderen Ort wird daher so engagiert und komprimiert sexuelle Feldforschung à deux betrieben wie in den Zimmerchen amerikanischer Studentenwohnblocks - fast 80 Prozent der Studierenden zwischen 18 und 24 Jahren seien "sexuell aktiv", fand eine Untersuchung der US-Regierung heraus. Während der Frühjahrssemesterferien - dem "spring break" - beschreiten seit Jahrzehnten Hunderttausende entfesselter amerikanischer Studenten bei einwöchigen Sex- und Alkoholgelagen in warmen, der Entblätterung zugetanen Gefilden wie Panama City, Cancún, Acapulco oder Jamaica genüsslich alle Irrpfade auf dem Weg ins Erwachsenenleben.
Doch erst in jüngster Zeit hat der Sex sich daneben einen geradezu offiziellen Status im Campus-Leben erobert. An diversen Hochschulen - darunter den Ivy-League-Universitäten Harvard und eben Yale - geben Studenten ihre eigenen, in Bild und Text mehr oder weniger expliziten Sexzeitschriften mit Namen wie "Squirm" (Vassar), "H Bomb" (Harvard), "Quake" (University of Pennsylvania), "Vita Excolatur" (University of Chicago), "X Magazine" (Washington University) oder "Boink" (Boston University) heraus. In vielen anderen Uni-Blättern gibt es zumindest Sexkolumnen mit Tipps, schlüpfrigen Kommentaren und Zustandsberichten über die Bedürfnislage der Studentenschaft: "Sex and the Campus" sozusagen.
An der University of Wisconsin gibt es eine studentische Gruppe namens "Sex Out Loud", die ihre Kommilitonen in Workshops nicht nur über Safer Sex aufklärt, sondern auch mit Anwendung und Vorzügen diverser Sexrequisiten vertraut macht. Die Uni hat für das Programm - ähnliche gibt es an anderen höheren Bildungsanstalten des Landes - immerhin 90 000 Dollar zur Verfügung gestellt.
Auch in die Lehrpläne selbst hat der Sex Einzug gehalten - und zwar in Gestalt der "Porn Studies": Vor allem an den Englisch- und Filmfachbereichen vieler Hochschulen wird die Pornografie inzwischen als gesellschaftlich-kulturelles Phänomen begriffen und gelehrt, das viel über die Wünsche, Tabuzonen und Regulierungen einer Gesellschaft aussagt. "Ich stehe der Pornografie durchaus kritisch gegenüber", sagt Linda Williams, Filmprofessorin an der University of California in Berkeley, "und ich will niemandem beibringen, ihre Existenz hinzunehmen." Zugleich aber, so Williams, "müssen wir Pornos, wie jede andere Tradition der bewegten Bilder, ernst nehmen".
Für die den Segnungen der Wollust immer noch skeptisch gegenüberstehenden USA bedeutet dieses unverhüllte Interesse an den Darstellungen der menschlichen Libido, gelinde gesagt, eine Herausforderung.
Als zwei Harvard-Studentinnen, Katharina Cieplak-von Baldegg und Camilla Hrdy, Anfang 2004 ihr Zeitschriftenprojekt "H Bomb" dem zuständigen Komitee unterbreiteten, um dessen Anerkennung als offizielle Harvard-Veröffentlichung zu erreichen, gab es erhebliche Bedenken bei den Repräsentanten der 1636 gegründeten Hochschule. Ausgerechnet, schluck, das ehrwürdig-prüde Harvard in der von Puritanern angelegten Stadt Cambridge als Erscheinungsort einer tendenziell pornografischen Publikation?
Darauf, dass eine Anerkennung durch das Komitee keineswegs die "Billigung durch Harvard" darstelle, wies umgehend die stellvertretende Dekanin Judith Kidd hin, die nach eigener Aussage "Tausende Anrufe" zu dem Porno-Dilemma bekam - auch die einschlägige Zeitschrift "Hustler" zeigte sich an einer Recherche interessiert. Kidd befürchtete außerdem, dass Studierende durch hüllenlose Auftritte in "H Bomb" eine Bekanntheit erlangen könnten, "die sie in 20 Jahren bereuen werden".
Aber letztlich wurde "H Bomb" als offizielle Harvard-Veröffentlichung anerkannt, weil sich die Universität nicht den Vorwurf der Zensur einhandeln wollte. Allerdings dürfen die studentischen Erotikfreunde ihre Fotostrecken nicht innerhalb der heiligen Hallen Harvards ansiedeln, und die Zeitschrift erhält auch keine finanzielle Unterstützung der Uni, nur einen 2000-Dollar-Zuschuss der studentischen Selbstverwaltung.
Zweimal ist "H Bomb", ein Kompendium von Fotos, Essays, Aufklärungstexten, Kurzgeschichten und Gedichten, bisher herausgekommen; die neueste Ausgabe wird - im Mai dieses Jahres - nur noch online publiziert (www.h-bomb.org). Die Herausgeberinnen definieren ihr Blatt als "fuck you
gegen die herrschenden Kräfte, als Rebellion gegen die puritanischen Haltungen, die in Cambridge vorherrschen, und gegen die oberflächlichen, pornografischen und häufig sexistischen Darstellungen von Sex in den kommerziellen Massenmedien".
Erstaunlich häufig sind es weibliche Studierende, die hinter den Sexzeitschriften stecken - fast durchweg mit ähnlich hehren Zielen wie die Harvard-Herausgeberinnen. "Quake" wurde im Frühjahr 2005 von Jessica Haralson und Jamie York an der Pennsylvania State University gegründet, um "einen anspruchsvolleren intellektuellen Diskurs über Sex" an der Hochschule zu befördern; allerdings nennen sie als Grundprinzip ihrer Veröffentlichung, dass "Sex nicht nur beredet, sondern auch genossen werden sollte". "Quake" ist inzwischen ebenfalls von seiner Alma Mater offiziell anerkannt worden.
Die erste Campus-Sexzeitschrift überhaupt wurde 1999 am ehemaligen Frauen-College Vassar, nahe New York gelegen, ins Leben gerufen; "Squirm" existiert bis heute und verspricht seinen Lesern, es werde "eure Sinne anregen, euren Geist erregen und euch scharfmachen".
Auch das Frauen-College Bryn Mawr in der Nähe von Philadelphia hat inzwischen seine eigene "Erotikzeitschrift für Frauen" mit dem leicht verqueren Titel "Virgin Mawrtyr", die sich "ausschließlich der Erforschung von Themen der Sexualität, des Geschlechts, des Feminismus und des Körpers widmen" solle. Die Herausgeberinnen wollen ihre Themen "mit der gleichen Intellektualität, Differenziertheit und Integrität behandeln, mit der wir als Akademikerinnen auch jede andere Idee angehen würden".
Gegen diese diskurslastigen Sexzeitschriften hat die Journalistikstudentin Alecia Oleyourryk Anfang 2005 an der Boston University ein ganz unverblümt pornografisches Blättchen namens "Boink" gegründet, das weit freizügigere Fotos von Genitalien und Sexstellungen zeigt als die ästhetisch verdrucksten Publikationen ihrer akademischen Konkurrenz. Studentinnen beim Onanieren per Hand oder Vibrator, hübsche schwule Jungs beim Heavy Petting - "Boink" will nichts anderes sein als ein scharfes kleines Heftchen mit viel knackigem Studentenfleisch. "An Porno ist doch nichts auszusetzen", sagt Oleyourryk, "Porno hat bloß so eine negative Konnotation."
Die Boston University hat sich energisch gegen jede Verbindung mit "Boink" verwahrt und schon vor der Veröffentlichung der ersten Ausgabe ein Statement herausgegeben, dass sie "die Publikation nicht als positiv für die Universitätsgemeinschaft" betrachte.
Was die "Boink"-Chefin Oleyourryk mit den anderen Dominas der US-Campus-Zeitschriften verbindet, ist eine dezidiert bejahende Einstellung zur Sexualität. Die Studentinnen sind in der postfeministischen Ära aufgewachsen und setzen sich mit ihrer "sex-positiven" Haltung zum einen von der Opferideologie der Siebziger-Jahre-Frauenbewegung ab, die gerade an amerikanischen Hochschulen lange vorgeherrscht hat.
In ihrer extremen Ausprägung, etwa bei der Anti-Porno-Theoretikerin Andrea Dworkin, galt danach jeder Geschlechtsverkehr mit einem Mann als Vergewaltigung; auf jeden Fall aber kam die Frau in dieser feministischen Theorie fast nur als Objekt und Opfer männlichen Begehrens vor, weitgehend ohne eigenes, gar aktives erotisches Verlangen. Dagegen erobern die "H Bomb"-, "Squirm"-, "X Magazine"- oder auch "Boink"-Herausgeberinnen jetzt die weibliche Lust zurück.
Außerdem sind die Studierenden geprägt durch eine Kindheit und Jugend in der Aids-Ära, in der erstmals Safer Sex - und im Zuge dessen Sexualpraktiken überhaupt - in den USA einigermaßen öffentlich verhandelt (und zum Teil an Schulen gelehrt) wurde. Noch dazu sind sie aufgewachsen in einer Medienkultur, in der die horizontalen Abenteuer der "Sex and the City"-Heldinnen wöchentlichen Gesprächsstoff lieferten, und sie haben während ihrer Schulzeit die Staatsaffäre um den damaligen Präsidenten Bill Clinton und den Blowjob im Oval Office miterlebt.
"Die hat Sex sozusagen ans Tageslicht geholt", sagt Eric Rubenstein, der 2002 an der Yale University die erste "Sex Woche" organisiert hat, eine Veranstaltungsreihe zur Aufklärung und Unterhaltung rund um den Orgasmus - auch daraus ist inzwischen eine Zeitschrift hervorgegangen, "Sex Week at Yale: The Magazine", die Anfang 2006 erstmals in einer
(ungewöhnlich hohen) Auflage von 25 000 Exemplaren an 18 US-Universitäten verteilt wurde.
Die Studierenden seien "weit offener, was Sexualität betrifft", sagt die Harvard-Dekanin Judith Kidd. "Ich würde nicht unbedingt sagen, dass sie erfahrener sind als alle vor ihnen, aber sie scheinen Sex lockerer zu nehmen, und sie reden mehr darüber."
Eine solche Haltung stößt in den USA allerdings auch auf strikte Ablehnung. Nach der ersten Sex-Woche an der Yale University haben "religiöse und konservative Gruppen aus dem ganzen Land Yale und die Veranstaltung angegriffen, weil sie fanden, dass diese Form von Sexualerziehung an einer Stätte der höheren Bildung nichts zu suchen hat", so Dain Lewis, der Direktor der "Sex Week at Yale".
Auch die "Sex Out Loud"-Aufklärer in Wisconsin werden attackiert vom konservativen Family Research Institute of Wisconsin, das in seinen Programmen die Abstinenz bis zur Ehe als einzige Form der Verhütung unter jungen Leuten propagiert. Diese lebensferne Ideologie, in den vergangenen zehn Jahren mit mehr als einer Milliarde Dollar vom amerikanischen Staat gefördert, ist in den USA auf dem Vormarsch: Einer vor kurzem veröffentlichten Untersuchung zufolge verdoppelte sich von 1995 bis 2002 der Anteil der Jugendlichen, die nur über Sexverzicht informiert wurden, während der Anteil derjenigen, die über andere Formen der Verhütung aufgeklärt wurden, dramatisch sank.
Besonders umstritten an der "sex-positiven" Haltung ist, dass sie nicht nur Sicherheit und Schutz gegen Ansteckung und ungewollte Schwangerschaft beim Koitus propagiert, sondern auch das Recht auf Lust. "Sich mit seiner Sexualität wohl zu fühlen und das auszuleben, was man will", sei ein wichtiger Aspekt eines gesunden Sexuallebens, argumentiert die University-of-Wisconsin-Studentin Ann Slabosky, die Workshops für "Sex Out Loud" leitet.
Und dann führt sie ihren Mitstudierenden den Gebrauch einer schwarzen Lederpeitsche vor, die auch bei härtestem Zuschlagen garantiert schmerzfrei für den Gepeitschten bleibt.
Von WEINGARTEN, SUSANNE

UniSPIEGEL 1/2007
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