DER SPIEGEL



Kölner Gebühren-Tagebuch

Seit dem Wintersemester müssen Anfänger an vielen Unis in Nordrhein-Westfalen Gebühren zahlen. Wie haben Studenten und Professoren das erste Bezahl-Semester erlebt? Ein Protokoll von Armin Himmelrath, aufgezeichnet an der Universität zu Köln.

11. September 2006 Das Wintersemester hat noch gar nicht begonnen, da laufen sich die Kontrahenten von AStA und Rektorat schon warm. Die einen reden von Studiengebühren und beklagen den drohenden Abschreckungseffekt, die anderen sprechen lieber von "Studienbeiträgen", wie es NRW-Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart vorgemacht hat.

Nach langen Protesten, gesprengten Senatssitzungen und einer mit Polizeigewalt beendeten Rektoratsbesetzung hatte der Kölner Senat am 24. Mai 2006 beschlossen, dass zum Wintersemester zunächst nur die neuen Studierenden, ab April 2007 dann alle Kölner Kommilitonen 500 Euro pro Semester bezahlen müssen. "Die Senatssitzung war eine Farce", sagt Bildungspolitik-Referent Patrick Schnepper vom AStA Denn das Gremium war, damit es ungestört tagen konnte, ins 50 Kilometer von Köln entfernte frühere Kernforschungszentrum Jülich gefahren worden. Schneppers Rat an alle Anfänger: Auf jeden Fall Widerspruch gegen eine Gebühren-Aufforderung einlegen und darauf bestehen, "dass die Zahlung der Studiengebühr unter dem Vorbehalt der Rückforderung erfolgt".

Sarah Vasen ist keine Studienanfängerin, ärgert sich aber trotzdem. Die 22-Jährige studiert im 3. Semester Sonderpädagogik, im Fach Deutsch sogar schon im 6. Semester, weil Scheine aus einem vorherigen Studium anerkannt wurden. Ihr Problem: Sie musste bereits in den Semesterferien beim Meldesystem der Uni namens "uk-online" ihre Seminarplanung angeben - und konnte dann nur noch hoffen. "Weil der Fachbereich so überlaufen ist, wählt der Computer per Zufallsgenerator aus, wer einen Seminarplatz bekommt und wer nicht." Für vier Veranstaltungen im Fach Deutsch hat sich Sarah Vasen angemeldet - und bekommt keine einzige zugelost. In Pädagogik ist es nur wenig besser: Sarah bekommt hier nur ein Seminar zugesprochen, mit dem sie nicht richtig glücklich ist. Um im neuen Semester nicht auf der Stelle treten zu müssen, schreibt sie Mails an Professoren und den geschäftsführenden Vorsitzenden ihres Seminars.

28. September Noch drei Tage bis zum offiziellen Semesterbeginn. Das Studierendensekretariat reagiert auf die eingehenden Widersprüche gegen die Gebühren und droht den Absendern in verbindlichem Ton: "Ich möchte Sie vorsorglich darauf aufmerksam machen, dass im Falle einer unterlassenen beziehungsweise nur teilweise erfolgten Zahlung keine Rückmeldung stattfinden kann." Im Klartext: Geld oder Exmatrikulation.

1. Oktober Beginn des Wintersemesters.

12. Oktober 1,75 Millionen Euro aus Studiengebühren - damit rechnet die Uni nach Angaben von Rektor Axel Freimuth in diesem Wintersemester. Kurz vor Beginn der Vorlesungen teilt er mit, dass das Rektorat den einzelnen Fachbereichen Mittel vorgestreckt hat, damit dort die Studienbedingungen verbessert werden können - zum Beispiel durch zusätzliche Erstsemester-Tutorien. "Wir helfen mit unseren finanziellen Sofortmaßnahmen bereits zum Vorlesungsbeginn", sagt Freimuth. 461 000 Euro umfasst die Liste dieser Maßnahmen.

16. Oktober Die Vorlesungen beginnen, doch Sarah Vasens Mail-Aktion ist ohne greifbaren Erfolg geblieben. Antworten von den Professoren gibt es nur vereinzelt, keine ist positiv. Eine Freundin, die bei der Seminar-Lotterie mehr Glück hatte als Sarah, berichtet von zynischen Sprüchen mancher Lehrstuhlinhaber: "Wenn Ihnen mein Seminar nicht passt, dann können Sie ja ein anderes besuchen!" Immerhin, im Fach Englisch erlauben die Dozenten, dass alle Studenten im Saal bleiben, auch wenn sie offiziell nicht angemeldet sind, "dann müssen Sie halt auf dem Boden sitzen".

In einem Aushang bestätigt das Institut die Zustände: "Bei einer Überlast von 165 Prozent können wir nicht alle Teilnehmerwünsche berücksichtigen, so berechtigt sie sind." Rücksprachen mit den Lehrenden solle man "bitte nicht per E-Mail" halten, "wir können diese Mengen nicht beantworten". Und ganz offensichtlich sind nicht nur die Studierenden genervt, sondern auch die Professoren: "In dieser Situation ist es wenig hilfreich, wenn einige von Ihnen genau diejenigen beschimpfen, die sich bemühen, Abhilfe zu schaffen. Ich darf Sie also alle ganz herzlich bitten, die üblichen Umgangsformen zu wahren", heißt es in dem Aushang weiter.

Mitte November Die Stimmung unter den Studierenden ist immer noch gedrückt. "Ich kann die Dozenten ja sogar verstehen, dass sie die Teilnehmerzahl der Seminare irgendwann begrenzen, um überhaupt noch arbeitsfähig zu bleiben", sagt Sarah Vasen, "die fühlen sich doch in den rappelvollen Veranstaltungen

genauso unwohl wie wir." Sie denkt mittlerweile darüber nach, gegen die schlechten Studienbedingungen zu klagen; "denn von den Gebühren ist bei uns noch nichts angekommen".

20. November "Wir sind restlos überlaufen, besonders in den Fächern Deutsch und Mathe", sagt Holger Burckhart, Professor und Studiendekan an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät. Auch ihm ist der Frust über die Bedingungen anzumerken: 3500 Studierende allein in seinem Zuständigkeitsbereich, "und seit fünf Jahren haben wir einen Zulauf, der kaum noch zu steuern ist". Bis zu 800 Seminarplätze, schätzt Burckhart, fehlen im laufenden Semester allein in seiner Fakultät. Mit den neuen Studiengebühren plant er jetzt die kurzfristige Vergabe von 30 Lehraufträgen für Deutsch und Pädagogik am Ende des Semesters. Und muss vorher erst einmal herausfinden, wie überhaupt der Bedarf ist. Die Daten der abgewiesenen Seminarbewerber aus "uk-online" vom Beginn des Wintersemesters sind dafür nur begrenzt brauchbar. Deshalb muss ein neues Meldeverfahren eingerichtet werden.

10. Januar 2007 Professor Erich Schön, Geschäftsführender Direktor am Institut für Deutsche Sprache und Literatur II, hat zwei undankbare Aufgaben. Erstens, den Seminarbedarf für das kommende Semester zu ermitteln; und zweitens, das computergestützte Verfahren den Studenten zu erklären. Die müssen sich nämlich, obwohl es um den Bedarf für das Sommersemester 2007 geht, bei "uk-online" ins Wintersemester durchklicken, dürfen "Bedarfsermittlungsseminare" und "Bedarfs-Messungs-Veranstaltungen" nicht durcheinanderbringen und sich nicht davon irritieren lassen, dass sie nach einer Anmeldung gelegentlich die irreführende Rückmeldung erhalten, sie seien für diese Veranstaltung bereits angemeldet, was eine weitere Meldung ausschließe. "Normalerweise", schreibt Erich Schön in einem Standardschreiben auf unzählige studentische Anfragen hin, komme das nach einer Fehlerkorrektur nicht mehr vor, "in einigen Fällen aber offenbar doch. In diesen Fällen ist es aber so, dass das eigentlich die Bestätigung der Bedarfsanmeldung ist".

Ein kompliziertes Verfahren - und eine ziemlich hoffnungslose Gesamtsituation, muss Schön einräumen: Für das nächste Semester stehe jetzt schon fest, "dass wir auch nicht annähernd so viele Seminarplätze haben werden, wie gebraucht werden (... die Situation wird vermutlich noch deutlich schlimmer sein als im laufenden Semester!)".

16. Januar Die Anmeldefrist zur Bedarfsermittlung für das Sommersemester ist gerade abgelaufen, da kündigt ein Aushang an, dass nach Ende der Vorlesungen des Wintersemesters acht zusätzliche Blockveranstaltungen im Fach Deutsch angeboten werden. "Leider alle in den Semesterferien", sagt Sarah - und das ist für die angehende Lehrerin ein Problem: Sie muss nämlich auch noch ihre Block-Praktika ableisten. Die liegen ebenfalls in der vorlesungsfreien Zeit, haben bei manchen Praktikumsstellen einen Bewerbungsvorlauf von einem Jahr und kollidieren deshalb mit einem Großteil der zusätzlichen Angebote. Immerhin, ein bis zwei Seminare kann sie wohl belegen. Wenn sie einen Platz bekommt.

8. - 12. Januar Bei den Gremienwahlen wird Sarah ins Studierendenparlament gewählt; kurz darauf engagiert sie sich auch im AStA. Und Studiendekan Holger Burckhart wird fast parallel dazu als neuer Prorektor der Universität für Lehre und Studienreform nominiert.

19. Januar Der AStA geht in die Offensive und fordert im Internet die Deutsch-Studenten, die im laufenden Semester von dringend benötigten Seminaren ausgeschlossen wurden, auf: "Schickt so schnell wie möglich - auf jeden Fall innerhalb dieser Woche!!! - eure Bitte um bevorzugte Berücksichtigung an den Dekan der Phil.-Fak. [...] Sollte eure Bitte nicht berücksichtigt werden, dann schickt sofort nach Erhalt des Ablehnungsbescheids euren Widerspruch wiederum an den Dekan." Zwei Vordrucke kann man sich herunterladen, sie werden zu Hunderten als Kopie im Fachbereich verteilt: "Die Zugangsbeschränkung ist nach § 59 Absatz 2 HG NRW rechtswidrig, da es mir ohne diese Lehrveranstaltung nicht mehr möglich ist, mein Grund/Hauptstudium in der Regelstudienzeit abzuschließen."

Paragraf 59 des Hochschulgesetzes dürften die wenigsten gelesen haben, und wie viele der Briefe tatsächlich im Dekanat landen, bleibt unklar. Doch die Aktion zeigt Wirkung: Zumindest im Fachbereich Deutsch muss niemand sein Studium verlängern, weil er bestimmte Seminare nicht besuchen konnte, sagt Patrick Schnepper vom AStA.

13. Februar Aushang des Dekanats im Fach Deutsch: "Liebe Studierende, um die Überlast im Institut für deutsche Sprache und Literatur II abzubauen und um Ihnen allen gemäß Ihrer Studienordnung ausreichend Seminarplätze zur Verfügung stellen zu können, haben Rektorat und Philosophische

Fakultät zusätzliche Stellen zur Verfügung gestellt, die zum Sommersemester 2007 besetzt werden. [...] Um eine gerechte Verteilung zu erreichen, wird es mehrere Anmelderunden geben, dabei werden Plätze für Nachzügler, Erstsemester und auch für diejenigen freigehalten, die in den letzten Semestern kein Seminar besuchen konnten."

21. Februar Im Berliner "Tagesspiegel" erscheint ein Artikel, der auflistet, wofür die Unis ihre Gebühren ausgeben. Das Versprechen der Bildungspolitiker, mit dem Geld würden auf jeden Fall die Studienbedingungen verbessert, interpretieren die Hochschulen teils sehr kreativ: Mal werden damit neue Sportgeräte für den Hochschulsport angeschafft (Uni Göttingen), Marketing-Maßnahmen zur Erstsemester-Anwerbung entworfen (Uni Düsseldorf und RWTH Aachen) oder ein DVD-Player für sagenhafte 842,91 Euro angeschafft und ein Absolventen-Portal im Internet eingerichtet (FH Hannover). Bei Kölns Uni-Sprecher Patrick Honecker läuft das Telefon heiß: Gibt es solche Gebühren-Sünden auch in Köln? Pressestelle und Rektorat rotieren - und können bald Entwarnung geben: Tutorien und zusätzliche Lehraufträge sind von den Fachbereichen geplant, verlängerte Bibliotheks-Öffnungszeiten und zusätzliche Computer-Arbeitsplätze. Alles in Ordnung also. Zumindest aus Sicht der Uni-Leitung.

31. März Das Wintersemester ist zu Ende, und nichts ist in Ordnung, findet AStA-Mann Patrick Schnepper. Denn die vom Rektorat und den Fakultäten der Uni eingerichteten zusätzlichen Lehr- und Serviceangebote, sagt Schnepper, gehörten zum "Regelangebot" der Uni: "Das ist schon krass, wenn dafür die Gebühren ausgegeben werden und das dann als Verbesserung verkauft wird." Ganz offenbar verfahre die Uni-Leitung nach dem Prinzip: Alles, was nicht schlechter wird, ist schon eine Verbesserung. Und auch Sarah Vasens Semesterbilanz fällt nicht besser aus. Ja, sagt sie, es stimme, dass durch die Gebühren zusätzlich Personal angeheuert wurde, so dass jetzt jeder Student zumindest ein oder zwei Seminare im Semester belegen könne: "Aber das ist doch keine Verbesserung, sondern eine Selbstverständlichkeit."

2. Mai Prorektor Holger Burckhart hat tagelang gerechnet und kann jetzt konkrete Zahlen für das erste Kölner Gebühren-Semester vorlegen: 1,7 Millionen Euro konnte die Uni verbuchen, nach Abzug der Gelder für den vom Land vorgeschriebenen Ausfallsicherungsfonds (23 Prozent) und die Verwaltungskosten (5 Prozent) sowie einer Rücklage für längerfristige Maßnahmen (10 Prozent) konnten 1,2 Millionen Euro an die Fakultäten ausgeschüttet werden. Und die Zahlen für das Sommersemester hat Burckhart auch schon: 15 Millionen Euro mussten die Kölner Studenten überweisen - bei den Fakultäten sollen davon im laufenden Semester 9,7 Millionen ankommen.


UniSPIEGEL 3/2007
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