02.07.2007

Diplom? Pech gehabt!

Von HIMMELRATH, ARMIN und MERSCH, BRITTA

Neue Abschlüsse, aber kein neues Geld: Die Hochschulen jonglieren zwischen den verschiedenen Studiengängen - zu Lasten vieler Studenten, die noch Diplom oder Magister anstreben.

Für Sandra, 20, war es ein Freitagnachmittag wie jeder andere in diesem Sommersemester: Auf dem Stundenplan der angehenden Wirtschaftswissenschaftlerin stand die Übung "VWL II" im sogenannten WiWi-Bunker der Universität Hamburg. "Die Luft ist meistens schlecht, vor uns findet schon eine Übung mit 150 Leuten statt", sagt Sandra. Andere Kommilitonen haben es da deutlich besser: Bachelorstudenten, die eine inhaltsgleiche Übung besuchen, sitzen mit höchstens 23 Kommilitonen im Kurs. Doch Sandra paukt noch auf Diplom, und da gelten 150 Teilnehmer an einer praktischen Übung als zumutbar.

Über schlechte Luft konnte Bundesbildungsministerin Annette Schavan sich am selben Tag nicht beklagen. Im noblen Londoner "Queen Elizabeth II. Conference Centre" trafen sich Mitte Mai die Vertreter von mittlerweile 46 europäischen Staaten,

die den Bologna-Prozess vorantreiben. Zwar kamen hier sogar noch mehr als 150 Konferenzteilnehmer zusammen, anders als an der Hamburger Uni gab es hier aber eine Klimaanlage, Schnittchen und Pausengetränke - und das Bekenntnis zum einheitlichen europäischen Hochschulraum, in dem sich Studierende dank vergleichbarer Studiensysteme völlig frei bewegen können.

"Der Bologna-Prozess ist eine Erfolgsgeschichte", erklärte Schavan und schwärmte von der Mobilität eines historischen Vorbilds: Der Humanist Erasmus von Rotterdam wurde 1466 in den Niederlanden geboren, studierte in Paris und promovierte in Turin, bevor er in Cambridge und in Freiburg lehrte und arbeitete und sich dann in Basel zur Ruhe setzte, wo er 1536 starb. "So etwas muss im Europa des 21. Jahrhunderts wieder möglich sein", forderte die Ministerin. Doch vor solch wissenschaftlicher Weltläufigkeit stehen an den Unis ganz konkrete Probleme. Eines der größten: Zwar sollen bis 2010 möglichst alle Studiengänge zu den europaweit einheitlichen Abschlüssen Bachelor und Master führen. "Aber selbstverständlich muss sichergestellt sein, dass auch die zuletzt zugelassenen Diplomstudierenden ihr Studium ordentlich abschließen können", sagt Christian Scheer, Prodekan im "Department Wirtschaftswissenschaften" der Uni Hamburg. Bis zum Sommer 2006 konnte man sich hier noch für ein Diplomstudium einschreiben - so dass die Uni noch für mindestens vier bis fünf Jahre Veranstaltungen sowohl für den alten als auch für den neuen Studiengang anbieten muss.

"Eine nicht unerhebliche Doppelbelastung" nennt Scheer das diplomatisch, denn mehr Geld gab es für diese Reformen nicht, nur gestiegene Anforderungen: "Die Bachelorstudiengänge zeichnen sich zum Beispiel durch deutlich verbesserte Betreuungsrelationen aus: Massenvorlesungen werden geteilt, Übungen finden in Kleingruppen mit garantierter Teilnehmerbeschränkung statt." Das werde von den Studierenden auch einhellig begrüßt, denn Übungen mit maximal 50 Teilnehmern seien für Hamburg, so der Wirtschaftsprofessor, "eine Sensation".

Solche Studienbedingungen entsprechen den Vorgaben des Bologna-Prozesses - und zeigen dadurch in der Übergangsphase, unter welch schwierigen Voraussetzungen zum Teil in den alten Studiengängen gelernt wurde und wird. "Wirtschaftswissenschaftler sind da ein Extrembeispiel, in diesem Fach ist die Betreuung für die Bachelorstudenten doppelt so gut wie früher beim Diplom", sagt Sabine Neumann, Sprecherin der Hamburger Wissenschaftsbehörde. Sie könne es "menschlich nachvollziehen", wenn Diplomstudenten davon enttäuscht seien, dass sie immer noch in vollen Vorlesungen hocken, während ihre Bachelorkommilitonen schon vom neuen System profitieren: "Das ist in einer solchen Umstellungsphase aber der natürliche Gang der Dinge." Und auch Prodekan Scheer betont: "Von einer Vernachlässigung der Diplomstudierenden kann nicht die Rede sein."

Für die Betroffenen allerdings ist das nur ein schwacher Trost. Auf der vom Gießener AStA initiierten, mittlerweile bundesweit nutzbaren Seite www.seminarrauswurf.de häufen sich Beschwerden von Diplom- und Magisterstudenten, die zugunsten ihrer Kommilitonen aus den neuen, modularisierten Studiengängen auf Seminarplätze verzichten mussten.

"Ich bin total sauer über die Aussage, dass alle Modulstudis Vorrang vor den Diplomern hätten", schreibt eine Gießener Studentin, "in den ersten Semestern mussten wir uns damit abfinden rauszufliegen, weil wir in den ersten Semestern waren und die höheren Semester Vorrang haben; und jetzt sollen wir akzeptieren rauszufliegen, weil wir nach der alten Studienordnung studieren? Und dann dafür zahlen? Ohne dass sich unsere Lage auf absehbare Zeit ändert? Das ist 'ne tierische Sauerei!!!!" Und ein Geschichtsstudent berichtet: "Obwohl das Seminar auch für Magisterstudenten und Lehrämter angegeben war, teilte der Dozent mit, dass BA-Studenten bevorzugt werden. Sämtliche Nicht-BA-Studenten wurden gebeten, den Raum zu verlassen, und mit der Aussage getröstet, dass eventuell für Magister ein weiteres Seminar angeboten wird. Wann und ob dies der Fall sein wird, wurde nicht gesagt" - kein Wunder, dass die Stimmung "angespannt bis aggressiv" war, als von 70 Anwesenden rund 30 den Saal verlassen mussten.

"Das sind keine Einzelfälle", sagt Alexander Vasil, der die "Seminarrauswurf"-Seiten betreut, "wir hatten schon Meldungen, dass jemand ein ganzes Semester lang keinen einzigen Schein machen konnte, nur weil er als Diplomstudent aus allen seinen Seminaren wieder rausgeflogen ist." Und so lassen manche Einträge erahnen, wo derzeit in den Seminaren die wahren Konfliktlinien

verlaufen: "Er hat die dreckigen modularisierten Ersties abstimmen lassen, ob die Höhersemestrigen drinnen bleiben durften", pöbelt ein Student über das Auswahlverfahren seines Professors.

Die Diplomanwärter sind aber nicht die Einzigen, die unter der Umstellung leiden. "Gelinde gesagt, ist die derzeitige Situation auch für die Bachelorstudierenden eine Katastrophe", meint Tobias Roßmann, Referent für Lehre und Studium bei der Studentenvertretung der Berliner Humboldt-Universität (HU): "Die Umstellung erfolgte zu schnell, in vielen der neuen Studiengänge wird noch herumexperimentiert." In einer Kommissionssitzung, berichtet der 27-jährige Geschichts- und Soziologiestudent - eigenes Ziel: ein Magisterabschluss -, habe einmal ein Professor ganz offen davon gesprochen, "dass die erste Bachelorgeneration sowieso verheizt wird". Leider, sagt Roßmann, sei das nicht ins Protokoll aufgenommen worden.

"An manchen Stellen ist der Umstellungsprozess vielleicht auch zu ambitioniert angegangen worden", räumt Michael Kämper-van den Boogaart ein. Er ist an der HU Dekan der Philosophischen Fakultät II: "Weil der Bachelor lange als Schmalspurstudium galt, wurden die Studierenden gerade am Anfang mit Lehrveranstaltungen regelrecht bombardiert." Wegen der dadurch entstandenen Überforderung sei das obligatorische Lehrangebot mittlerweile aber wieder ausgedünnt worden.

Dass sowohl alte wie auch neue Studenten unzufrieden sind, wundert auch Konstantin Bender vom Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften nicht: "Dieser Systemwandel bei den Studienabschlüssen wird unter unheimlichem Druck vollzogen, über Sinn und Unsinn wird oft gar nicht mehr diskutiert." So wurden in Berlin Geldzuweisungen für die Unis an sichtbare Fortschritte bei den Bologna-Reformen gekoppelt. Daher sei es kein Wunder, dass viele aktuell Studierende, egal mit welchem Studienziel, von Problemen berichten. Solche Schwierigkeiten kennt auch der Hamburger Wirtschaftsstudent Thorsten Weigelt. Der 23-Jährige studiert im 4. Semester auf Diplom - und stellt immer wieder fest, "dass einzelne Veranstaltungen für uns nicht mehr angeboten werden". So gebe es dieses Semester etwa keine Vorlesung "Mathematik I" für Diplomstudenten mehr, wohl aber die nach der Studienordnung vorgeschriebene Mathe-Klausur. Weigelt: "Das ist doch bizarr."

Prodekan Scheer findet das aber keineswegs skandalös. "Falls ein Diplomstudent eine Klausur im ersten Anlauf nicht besteht, können wir aus Kapazitätsgründen nicht immer gewährleisten, dass die entsprechende Diplomlehrveranstaltung dann noch einmal, speziell und ausschließlich für die Wiederholer, angeboten wird", sagt der Wirtschaftsprofessor. Diplomstudenten hätten ein Recht darauf, eine nicht bestandene Prüfung zweimal zu wiederholen - ohne zeitliche Beschränkung. Im Bachelorstudium sei das strenger geregelt: "Hier muss man eine nicht bestandene Klausur in der Regel innerhalb von zwei Semestern erfolgreich wiederholt haben" - sonst fliegt man raus.

Bettina Jorzik vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft kann die aktuelle Diskussion um die vermeintliche Benachteiligung nicht nachvollziehen. "Bei einer solchen Erneuerung ist es doch selbstverständlich, dass die Hochschulen ihre Ressourcen nach und nach umschichten", sagt die Programmleiterin für Studienreform und akademischen Nachwuchs, "es soll ja schließlich etwas Neues entstehen." Für alle, die sich noch nach einer älteren Studienordnung eingeschrieben haben, gebe es aber den Vertrauensschutz, dass sie ihre Ausbildung zumindest innerhalb der Regelstudienzeit ganz normal zu Ende bringen könnten. "Da hat eigentlich jeder eine realistische Chance", sagt auch Michael Kämper-van den Boogaart.

Doch davon sind nicht einmal alle Verantwortlichen so richtig überzeugt. "Eigentlich bräuchten wir für diese Umstellungsphase auf Bachelor und Master 15 bis 20 Prozent mehr an Ressourcen", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz: "Wir müssen Tutorien haben, wir brauchen kleinere Lerngruppen und eine intensivere Betreuung." Da das dafür nötige Geld häufig fehlt, "muss die ganze Reformarbeit gleichsam nebenher passieren", sagt Wintermantel.

Da hilft es auch nichts, dass Annette Schavan in London Verständnis für die Nöte der Hochschulen zeigte: "Wir sollten akzeptieren, dass der Bologna-Prozess nicht einfach eine kostenneutrale Geschichte ist", so die Bundesministerin, "wir reden hier über die Quelle künftigen Wohlstands, und darum muss im Zweifelsfall vorübergehend mehr investiert werden."

Das war ein Appell - mehr nicht.


UNI SPIEGEL 4/2007
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