19.05.2008

Aufbruch der Jugend

Von FRIEDMANN, JAN

Der Präsidentschaftswahlkampf mobilisiert die US-Studenten wie seit vielen Jahren nicht. Politik gilt wieder als sexy - besonders in Gestalt des Kandidaten Barack Obama. Doch die Euphorie könnte bald verflogen sein.

Besonders anspruchsvoll ist die Arbeit nicht, erst recht nicht für einen angehenden Neurowissenschaftler aus Harvard. Alan Mardinly, 23, gleicht am Computer Namenslisten ab. Alternativ könnte der Student auch Handzettel in der Fußgängerzone verteilen, wildfremde Leute am Telefon behelligen oder wie ein Staubsaugervertreter in den Vororten Klinken putzen - alles ohne Bezahlung.

Vor einer Woche hat sich Mardinly in sein Auto gesetzt, um von Boston nach Philadelphia zu fahren. Sein Studium liegt auf Eis, er verbringt jetzt seine Tage im Kampagnen-Hauptquartier, einem unscheinbaren Großraumbüro in der Innenstadt, das schwirrt wie ein Bienenstock. Unterschlupf hat er bei seinen Großeltern gefunden, die noch zwei weitere Mitstreiter beherbergen.

Wozu die Mühe? "Barack Obama wird das Land verändern", sagt Mardinly. An der Wand neben ihm prangt das Leitmotto des Bewerbers: "Yes, we can!" Für sein Engagement gebe es gute Gründe, erklärt Alan: "Ich sehe das als Dienst an der Allgemeinheit.Wir sind in einen illegalen Krieg gezogen, wir haben Menschen gefoltert, wir haben uns vom Rest der Welt entfremdet. Dagegen müssen wir etwas tun."

Amerika im Frühjahr: Wie Alan Mardinly ist ein Heer von jungen Helfern im Land unterwegs, um dazu beizutragen, dass ihr Favorit nach den Präsidentschaftswahlen im November ins Weiße Haus einzieht. Noch befindet sich der Dreikampf zwischen den Demokraten Barack Obama und Hillary Clinton sowie dem Republikaner John McCain im Stadium der Vorwahlen, doch insbesondere das Kopf-an-Kopf-Rennen der beiden Demokraten bei den "Primaries" um die Kandidatur mobilisiert die Anhänger.

"Volunteering" heißt die freiwillige Wahlkampfarbeit, und sie hat sich unter jungen Akademikern zum Massenphänomen ausgeweitet. Die Volunteers, die für ein Stück Pizza im Koordinationsbüro ihre Zeit opfern, sind unentbehrlich in dem milliardenteuren Polit-Spektakel. Der Grund: Sie sind nah dran an Gleichaltrigen und Familienmitgliedern, und sie vibrieren vor Tatendrang.

Im spannendsten Präsidentschaftsrennen seit langem buhlen die Kandidaten verstärkt um das "Youth Vote". Die Stimme der Jungen hat Gewicht: Jeder fünfte Wahlberechtigte in den USA ist zwischen 18 und 29 Jahre alt.

Während Deutschland darüber diskutiert, ob es auf dem Weg zur Rentnerrepublik ist und sich die Nachwachsenden in der organisierten Politik überhaupt noch Gehör verschaffen können, beschwören die US-Kandidaten den Wandel und die Frische.

So trifft, wer dieser Tage amerikanische Uni-Städte bereist, auf ein in Europa unbekanntes Phänomen: Der Wahlkampf ist jung und sexy. Die Aktivisten zeigen ihre Helden wie Popstars auf dem T-Shirt, dazu tragen sie vielfarbige Buttons, Shorts und bunte Slipper. Und trotz des legeren Looks ist eine große Ernsthaftigkeit zu spüren: In einem Land, dessen Bevölkerung gemeinhin als unpolitisch gilt, fühlt sich eine ganze Generation dazu berufen, Einfluss zu nehmen.

Den Studenten geht es um das große Ganze: die Zukunft der Sozialsysteme, das Miteinander der Bevölkerungsgruppen, die Außenpolitik. Dazu eine Meinung zu haben, gilt als schick.

"Die Menschen hier haben keine Probleme, ihre politische Gesinnung zu zeigen", hat Tobias Halene beobachtet, 32-jähriger Post-Doc an der Psychiatrischen Uni-Klinik in Philadelphia. Der Deutsche, der mit einer Amerikanerin verheiratet ist, ist fasziniert vom US-Wahlkampf. "Hier wird stark nach Personen gewählt." Die Personalityshow, in Europa gern als "Amerikanisierung der Politik" gegeißelt, setze eine Menge Energie frei: "In meinem Umfeld ist die Wahl ständig Thema, Kollegen und Freunde reden darüber."

Die Polit-Welle trägt vor allem einen Namen: Barack Obama. Die Popularität des 46-jährigen Senators aus Illinois bei den Jüngeren ist riesig, wie sich am Tag der Vorwahlen auf dem Campus der renommierten University of Pennsylvania, Penn genannt, beobachten lässt. Die Erstwählerinnen Richa Gupta, Vandana Rao und Rachel Dayno, alle 19, haben Aufkleber auf ihre Jeans geklebt, die sie stolz zu ihren Obama-T-Shirts tragen: "Ich habe gewählt."

Sie kommen aus der ehrwürdigen holzgetäfelten Houston Hall, die wie andere Räume auf dem Campus in ein Wahllokal umfunktioniert ist. Auf einem Tisch liegen die Wählerlisten aus, aufgeteilt nach den einzelnen Studentenwohnheimen. Dahinter stehen die Wahlmaschinen für die Stimmabgabe, abgehängt mit einem Vorhang. In der Warteschlange kämpft Informatikstudent Ian Cohen, 21, mit dem ellenlangen rosafarbenen Anleitungszettel für die Stimmabgabe. Außer dem Feld "President of the United States" sind dort noch viele andere Wahlmöglichkeiten für diverse Ämter aufgeführt, hinzu kommen zwei Volksbefragungen. "Selbst die Leute, die hier die Wahl betreuen, wissen nicht so richtig, wie das geht", sagt Cohen. Buchhaltungsstudentin Sirisha Prathipati, 20, will sich deshalb auf das wichtigste Votum konzentrieren: Obama for president.

Auch an der Wharton Business School auf dem Penn-Campus, eine der wichtigsten US-Kaderschmieden für Manager, sind die Präferenzen klar verteilt. "Wir sorgen uns darum, dass die Wirtschaft wieder auf den richtigen Pfad gesetzt wird", sagt Catherine McKinley, 20. "Im Moment ist es hart, Jobs zu bekommen, da Bush seine Sache wirtschaftlich schlecht gemacht hat. Barack hat gute Wirtschaftsberater."

Wharton-Erstsemester Mike Stratton, 19, der Immobilienwirtschaft und Finanzierung studiert, koordiniert die Obama-Unterstützertruppe an seiner Universität, 160 Mitglieder stark. "Das ist ein Full-time-Job, eine knifflige Management-Aufgabe. Darunter hat natürlich auch mein Studium gelitten. Aber das muss ich eben wieder aufholen, Obama ist es wert."

Obama - das Jugendidol. Wie kein Bewerber seit John F. Kennedy in den sechziger Jahren schafft er es, die Träume und Hoffnungen der "Young Voters" zu kanalisieren. Seine Fans erheben ihn zur Lichtgestalt, berauschen sich an der Chance, dass erstmals ein Schwarzer Präsident werden kann, als Ausrufezeichen des Aufbruchs.

Obwohl üppig von seinen Gönnern finanziert, schafft es Obama, seiner Kampagne einen basisdemokratischen Mitmachanstrich zu verleihen. Seine Anhänger dominieren die sozialen Netzwerke und Diskussionsforen im Internet, er beschäftigt einen eigenen "Youth Coordinator", sein wichtigster Redenschreiber, Jon Favreau, ist erst 26 Jahre alt.

In Scranton, Pennsylvania, bricht Jubel aus, als der Bewerber, groß, schlaksig, im perfekt sitzenden Anzug, auf die Bühne tritt. Scranton, eine Industriestadt mit über 90 Prozent Weißen, ist Hillary-Land, hier lebten ihre Eltern vor ihrer Geburt. Obama schafft es nicht, die lokale Sporthalle ganz zu füllen. Dafür sind die jungen Einwohner von Scranton gekommen, sie beklatschen jeden der Sätze, mit denen Obama sein Grundthema variiert: Die Zeit für einen Wechsel ist gekommen, eine neue Generation muss ans Ruder, die Amerika vereint. Nach der Rede drängen sie sich an der Absperrung, um ihrem Star die Hand zu reichen, eine Nahaufnahme mit der Handy-Kamera zu erhaschen.

Obama beherrscht die Regeln der Popkultur. Auf hartnäckige Angriffe seiner Rivalin in einer Fernsehdebatte antwortete er einige Tage später ganz lässig: Er wischte sich während einer Rede mehrfach unsichtbare Staubflocken von der Schulter - die Geste zitiert einen Song des Rappers Jay-Z, in dem dieser rät, Beschuldigungen einfach abzuschütteln. Die passende Textzeile lautet: "If you feelin' like a pimp nigga, go and brush your shoulders off." Das junge Publikum verstand sofort und raste vor Begeisterung, wenige Stunden später kursierten die ersten Videomontagen der Geste im Internet auf YouTube: Dort rollten nun montierte Köpfe von Bill und Hillary Clinton von Obamas Schultern.

Seine Rivalin, 60, kann so viel Jugendlichkeit nur ihre Tochter Chelsea, 28, entgegensetzen. Die Stanford- und Oxford-Absolventin hat schon über 150 Hochschulen besucht. Jetzt steht sie - Bluejeans, T-Shirt, schwarzer Blazer, blond gesträhntes Haar - im kargen Versammlungsraum der Young Men's Christian Association (YMCA), einem christlichen Gemeindezentrum im Philadelphia-Vorort Lansdowne und preist Hillary: "Ich bin stolz darauf, meine Mutter als Mutter zu haben, ich bin gesegnet." Die Zuschauerrunde hat lange gewartet und freut sich über das Pathos, sie ist auch dankbar über den Witz, der auf der Welt wohl nur Chelsea Clinton vorbehalten bleibt: "Ich glaube, dass meine Mutter ein besserer US-Präsident wäre als mein Vater. Sie hatte schließlich auch länger Zeit, sich vorzubereiten." Dann rattert sie die Zahlen zur Krankenversicherung herunter, darin ist sie schon so gut wie Hillary: "Meine Mutter sagt Dollar für Dollar, wofür sie das Geld ausgeben will. Das ist für mich als junge Wählerin wichtig."

Dieser Satz und der obligatorische Witz fallen auch am folgenden Abend, als Chelsea ihrer Mutter im Obama-Territorium beisteht: In der Sporthalle Palestra spielt sonst die Penn-Basketball-Mannschaft gegen andere Ivy-League-Hochschulen, Harvard, Princeton oder Yale.

Chelsea - Bluejeans, T-Shirt, beiger Blazer - bewegt sich auf der Bühne wie ein scheues Reh, die Studenten auf den Rängen finden den schüchternen Star sympathisch. Dann umarmt sie ihren Vater Bill, beide umarmen Hillary, die als Starrednerin das Clinton-Line-up vollendet. Die Kandidatin spricht sachlich, sie pocht auf die Freiheit der Wissenschaft, kritisiert Bushs Bedenken gegen die Stammzellforschung, kritisiert die hohen Studiengebühren. "Familien müssen sich die akademische Bildung ihrer Kinder wieder leisten können." Das kommt an einer der teuersten Unis des Landes gut an.

Das Duell zwischen Obama und Clinton prägt bislang den Wahlkampf und verschafft beiden bei Studenten "höchste Aufmerksamkeit", sagt Tamia Booker, die US-Vorsitzende der Demokratischen Studenten.

An der George Washington University (GWU) in Washington haben Obama- und Clinton-Fans dazu eingeladen, eines der zahlreichen Fernsehduelle der beiden Bewerber gemeinsam im Studentenzentrum zu verfolgen. Im Aufenthaltsraum neben der Bowling-Bahn sind Sofas zusammengeschoben, es riecht nach Bratfett, schwarze Kellner geben Pommes, Burger und Softdrinks aus eimergroßen Bechern aus.

"Obama ist der Erste, der uns wirklich inspiriert, er ist jung, frisch, optimistisch. Meine Generation hat einen sehr emotionalen Zugang zu ihm", erläutert Cory Struble, 21. Dennoch hält der Sinologiestudent und Chef der GWU-Demokraten zu Clinton: "Ich wähle mit dem Herzen, aber auch mit dem Verstand. Es kommt schließlich darauf an, wer die Angriffe der Republikaner besser parieren kann."

Hillary sei zu verwoben mit der politischen Klasse, sagt dagegen die 20-jährige Kommunikationsstudentin Fae Jencks (siehe Kasten). "Er spricht zu uns nicht von oben herab, sondern auf Augenhöhe." Zum TV-Debatten-Dinner hat die Anführerin der Obama-Fraktion Cookies gebacken, flache, süße Fladen, bestreut mit blauen und roten Streuseln, den Parteifarben von Demokraten und Republikanern. "Es sind mehr blaue darauf, das ist natürlich das Ergebnis, das ich mir wünsche."

Doch auch im Lager der Roten ist man siegesgewiss: "Die Demokraten schwächen sich gegenseitig, wir können erst einmal schön abwarten", frohlockt Ethan Eilon, der US-Vorsitzende der Republikanischen Studenten, die rund 250 000 registrierte Mitglieder zählen. "John McCain ist für uns der ideale Kandidat." Trotz seines fortgeschrittenen Alters von 71 Jahren genieße er als liberaler Konservativer große Sympathien bei unabhängigen Studenten.

Zurzeit sei es relativ schwer, mit republikanischen Positionen auf dem Campus Gehör zu finden, gibt Zac Byer, 19, Vorsitzender der Penn-Republikaner, zu. "Jetzt schaut jeder auf die Demokraten, später wird McCain stärker in den Blickpunkt rücken", sagt Byer, der mit seiner schwarzen Hornbrille und dem gepflegten Kurzhaarschnitt schon wie ein Polit-Insider aussieht. Er hält Obama für einen politischen Luftikus. "Niemand weiß doch, wofür er wirklich steht. Er stützt sich auf hohle Phrasen, ohne substantielle Inhalte."

Ed Furman, 20, Politikstudent an der Saint Joseph's University, trägt sein McCain-T-Shirt schon jetzt mit Stolz. Er sieht sich als moderaten Republikaner, will sich aber in der Sicherheitspolitik gut aufgehoben fühlen - die McCain-Kombination. Das fortgeschrittene Alter des Kandidaten stört ihn nicht: "Er hat viel Erfahrung, das ist wichtig für unser Land."

Unterstützung genießt der Republikaner auch an der Regent University im Bundesstaat Virginia - wenn auch bisweilen mit Zähneknirschen. Dort heißt die meistdiskutierte Frage unter den rund 4500 Studenten: Ist McCain konservativ genug, um wählbar zu sein?

Regent ist die akademische Kaderschmiede der religiösen Rechten, und bei den Ultrareligiösen hat der republikanische Kandidat einen schweren Stand, seit er gottesfürchtige evangelikale Fernsehprediger wie Pat Robertson, den Gründer von Regent, und Jerry Falwell als "Agenten der Intoleranz" bezeichnete.

Der Regent-Campus gleicht einem konservativen Disneyland. Der Rasen ist akkurat geschnitten wie in einem Golfhotel, zwischen verschnörkelten Backsteingebäuden und Wasserspielen fahren Gärtner auf elektrischen Fahrzeugen umher, Pferde weiden auf einer Koppel.

Das Büro von Charles Dunn, der als Dekan die "Robertson School of Government" leitet, ist überladen mit den Insignien von Macht und Tradition: ein Foto mit George Bush senior und Frau, eines mit George W. Bush und Frau, Paradekissen auf dem Blümchen-Sofa, die Buchcover der eigenen Publikationen in Gold gerahmt an der Wand. "Wir legen Wert auf eine christliche Weltsicht", sagt Dunn. "Er muss auf uns zugehen."

"McCain denkt, dass ihm die Stimmen der religiösen Konservativen sicher sind", kritisiert Sam Strittmatter, 24-jähriger Politikstudent. Doch er sei nicht sicher, ob er ein Votum für McCain vor sich selbst verantworten könne. Positiv stimme ihn McCains rigide Haltung bei der Sicherheitspolitik, doch die Position zur Abtreibung sei zu liberal. Die Regent-Studenten sprechen sich gegen Sex vor der Ehe aus und halten den Irak-Krieg für notwendig. Sie sind mit dem scheidenden Präsidenten zufrieden, als Nachfolger hätten sie sich den Baptistenprediger Mike Huckabee gewünscht - doch der ehemalige Gouverneur von Arkansas ist nicht mehr im Rennen.

Die Regent-Christen und ihre Ansichten sind indes eine kleine Minderheit unter den angehenden US-Akademikern. "Obama genießt bei Wählern unter 30 eine überwältigende Unterstützung", sagt Carroll Doherty, Meinungsforscher vom renommierten Pew Research Center. "Schon seit Jahrzehnten hat keine Generation so stark den Demokraten zugeneigt wie die seit 1977 geborenen Altersjahrgänge", erläutert Doherty. Er und seine Kollegen verorten die Jungwähler etwa anhand folgender Parameter: Sie wollen schwulen und lesbischen Paaren die Heirat erlauben, eher den Öffentlichen Dienst stärken als den Staatseinfluss beschneiden, ihnen ist Umweltschutz genauso wichtig wie billige Energie, sie plädieren für einen Truppenrückzug aus dem Irak.

David Burstein, 19-jähriger Studienanfänger am Haverford College in Pennsylvania, hat einen Film über seine Altersgenossen gedreht: "18 in 08" widmet sich denen, die 2008 zum ersten Mal ihren Präsidenten wählen dürfen. Zwei Jahre lang reiste Burstein quer durch das Land, er interviewte Studenten, Aktivisten, aber auch etablierte Polit-Größen wie Jeb Bush, Joe Lieberman, Wesley Clark und John Kerry.

"In unserer politischen Sozialisation gab es viele Ereignisse, die nicht gerade eine gute Werbung für das politische System waren", erzählt Burstein und zählt auf: die Lewinsky-Affäre, die Chaos-Wahl von 2000, der 11. September und der Afghanistan-Krieg, der Irak-Krieg, die Katastrophe von New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina". Doch die Ernüchterung über Gewalt und Missmanagement führe nicht zur Resignation: "Wir haben gemerkt, dass Politik unseren Alltag beeinflusst, wir treten für unsere Überzeugungen und Werte ein."

Die Wahlforscher sind dennoch skeptisch, ob die politbewegte Jugend am Wahltag tatsächlich in Massen die Wahllokale stürmt - und falls ja, ob sie dann den Ausschlag für ihren Favoriten geben kann. Bislang war das "Youth Vote", die Wahlbeteiligung der Jungen, jedenfalls immer unterdurchschnittlich. So ging bislang nur ein Viertel der unter 26-Jährigen regelmäßig zur Wahl.

"Als Professor freue ich mich natürlich, wenn sich die Studenten engagieren, aber sie werden diese Wahl nicht entscheiden", sagt der Politologe Terry Madonna. "An den Universitäten sind Wähler leicht zu mobilisieren, das ist bei der Gesamtwählerschaft wesentlich schwieriger."

Gerade der Jugendkult von und um Obama verstärke die Trennlinie zwischen den einzelnen Wählergruppen, erläutet Madonna. Ältere Wähler fühlten sich ausgeschlossen vom Machtanspruch und Sendungsbewusstsein der Nachwachsenden. Obama werde vor allem von jungen Akademikern, Schwarzen und Großstädtern gestützt, Nichtakademiker, Weiße und Landbewohner bevorzugten dagegen Clinton - oder McCain. Das Ergebnis der Pennsylvania-Primaries, die Obama gegen Clinton verliert, bestätigt die Analyse: Über 60 Prozent der unter 30-Jährigen stimmen für Obama, bei den über 60-Jährigen stimmen rund 60 Prozent für Clinton. Im Großraum Philadelphia mit seinen über 90 Hochschulen erzielte Obama überragende Mehrheiten, auf dem flachen Land und in den Kleinstädten fällt er zurück. Eine ähnliche Spaltung zeigte sich auch in Indiana, wo Obama in den studentenreichen Ballungsräumen wie Indianapolis vorn lag, aber Clinton insgesamt knapp gewann.

Schon zeichnen die Clinton-Anhänger ein Horrorszenario: Die Euphorie der Jungen bringt Barack Obama die demokratische Kandidatur ein. Clinton muss ihm den Vortritt lassen, obwohl sie in den für die tatsächliche Wahl so wichtigen Staaten wie Ohio und Pennsylvania stärker abschneidet. Im November unterliegt Obama aber genau dort dem konservativen Kandidaten John McCain. "Es könnte sehr unglücklich für uns laufen", sagt Anna Walker, 29, Präsidentin der College-Demokraten an der Temple Universität. "McCain ist ein sehr gefährlicher Gegner. Man muss ihm etwas entgegensetzen, und das kann Hillary besser."

In einem schicken Hörsaal der Wharton Business School haben sich die Obama-Unterstützer versammelt, um die Auswirkungen ihrer Arbeit auf das Wahlergebnis im Fernsehen anzuschauen. Es wird immer ruhiger, je mehr Zahlen aus Pennsylvania über die Großleinwand flimmern.

Dann macht Mike Stratton seinen Mitstreitern Mut: "Wenigstens haben wir den Rückstand gering gehalten. Jetzt müssen wir erst recht weiterkämpfen."


UniSPIEGEL 3/2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

UniSPIEGEL 3/2008
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Aufbruch der Jugend