08.12.2008

Laptop statt Lederhose

Südtirol litt jahrzehntelang unter der Fehde zwischen Deutschen und Italienern. Nun lockt die Provinzhauptstadt Bozen mit mehrsprachigen Studiengängen - Teil VI einer Serie über Europas Uni-Perlen.
Zugegeben, der wichtigste Durchbruch für die Wissenschaft in Südtirol ist über 5000 Jahre her. Genauer gesagt war es ein Durchschuss: Ein Pfeil durchbohrte das Schulterblatt eines einsamen Wanderers im Hochgebirge, abgeschossen von einem unbekannten Feind. Der hinterrücks Gemeuchelte ruht nun wohltemperiert in einem Schrein, seine Fell-Leggings und Ziegenleder-Unterwäsche sind separat ausgestellt.
"Ötzi", die ledrig-braune Gletschermumie aus der Steinzeit, ist unumstritten die touristische Top-Sehenswürdigkeit Bozens. Auf ihrem Weg zum Archäologiemuseum passieren die Touristen achtlos eine nüchterne Fassade - dahinter verbirgt sich die zweite akademische Attraktion der Stadt, gerade mal zehn Jahre alt: Seit Herbst 1998 läuft der Lehrbetrieb an der Freien Universität, Südtirols erster und einziger Uni.
3000 Studenten verteilen sich auf eine Handvoll Fakultäten (siehe Kasten Seite 19) an den drei Standorten Bozen, Brixen und Bruneck, darunter rund 200 Deutsche. Die Gäste aus dem Norden schätzen das gute Studienumfeld bei vergleichsweise freundlichen Gebühren: "Ich bezahle genauso viel wie in Deutschland, bekomme dafür aber eine Top-Uni", meint Franca Liza Brandmüller, 25. Die Nürnbergerin studiert Wirtschaft und Management, sie ist sehr froh über ihre Ortswahl.
An deutschen Maßstäben gemessen, bietet Bozen ein Studium de luxe. Das Hauptgebäude mitten in der Altstadt, entworfen vom Züricher Architekten-Duo Matthias Bischoff und Roberto Azzola, würde auch einer Werbeagentur zur Ehre gereichen: schwarzer Steinboden, Kunstobjekte, große Fensterscheiben. Vor der Bibliothek fläzen sich Zeitungsleser auf lederbezogenen Sitzlandschaften.
Auf jeden Lehrenden kommen nur sechs Studierende, die neuen internationalen Studiengänge Bachelor und Master hat die Freie Universität schon länger eingeführt.
Einen Satz höre man hier nie, allein schon wegen des geringen Alters der Hochschule, sagt Brandmüller: "Das haben wir schon immer so gemacht." Brandmüller ist Studentenvertreterin bei den Wirtschaftswissenschaftlern; sie und ihre Kollegen residieren im obersten Stock des Hauptgebäudes, von den Büros öffnet sich nach mehreren Seiten der Panoramablick auf die Türme der Stadt. Dahinter erheben sich, im Spätherbst noch goldgelb leuchtend, die Weinberge, die fernen Alpengipfel sind schon mit Schnee bedeckt. Auf der angrenzenden Dachterrasse hatten die Studenten zu Zeiten der Fußball-Europameisterschaft eine Leinwand aufgebaut - Fernsehen wie vor der Fototapete.
Bozen ist hübsch, alpenländische Erker und Schnörkel harmonieren mit italienischen Boutiquen und Feinkostläden. Noch im November sitzen die Menschen vor den Cafés in der Sonne. Auf dem Markt verkaufen Händler Blumen, Pilze und Pastagewürze, er duftet nach gerösteten Maronen.
Nur das Nachtleben sei eher unspektakulär, erzählen die Gaststudenten. Meist treffe man sich in einer Bar zum Veneziano, einem orangefarbenen Aperitif aus Prosecco und Aperol. Die Tanzlust muss man eher privat ausleben - das Angebot an Clubs erinnere sie an ihre Heimatstadt Delmenhorst, scherzt Absolventin Kristina Hartjen, 28. Nach dem Abschluss zieht es die Norddeutsche denn auch in eine Großstadt, Hamburg oder Berlin, wo sie mit einer Kommilitonin eine Designagentur gründen will.
Der Südtiroler an sich sei halt ein wenig "knospig", verschlossen, sagt Designstudent Thomas Kronbichler, 23, selbst Südtiroler. Umso besser also, dass die Uni so klein und überschaubar ist, so lernen die Studenten einander dann doch leicht kennen. "An großen Hochschulen geht es anonymer zu, hier fühlen sich die Professoren persönlich angegriffen, wenn ich mal fehle", sagt Bettina Schwalm, 24.
Die Münchnerin sah sich in Deutschland um, bevor sie sich für die hiesige Designfakultät entschied. Während man andernorts zu Hause am Schreibtisch werkeln müsse, verfüge Bozen über gut ausgestattete Arbeitsräume.
Davon werden die angehenden Designer bald noch mehr haben: Im Innenhof des Campus haben Bagger eine große Grube ausgehoben, hier werden für neun Millionen Euro neue Werkstätten und Ateliers gebaut. "Ich durfte hier mit einem leeren Blatt Papier anfangen", schwärmt Kuno Prey, der aus Weimar kam, um als Dekan die Designfakultät aufzubauen. "Bozen ist für die Südtiroler der Nabel der Welt, da fließt das Geld leichter."
Die Universität profitiert vom Sonderstatus des Berglands. Seit 1972 ist Südtirol Autonome Provinz innerhalb Italiens, die Provinzregierung finanziert den Großteil des Uni-Budgets. Die Region ist reich: 90 Prozent der Steuereinnahmen verbleiben in der Region, und die Wirtschaft floriert, der Tourismus sowieso, dazu kommen Logistikunternehmen, Weinanbau, Feinmechanikbetriebe.
Bis vor einigen Jahren mussten die Landeskinder ihre Heimat verlassen, in Richtung Innsbruck, Verona oder Bologna, um zu studieren. Viele kehrten nicht mehr zurück.
Daher fasste die allmächtige Südtiroler Volkspartei (SVP, in etwa vergleichbar mit der bayerischen CSU) den Entschluss: Eine Uni muss her. Die Idee war heikel, traf sie doch auf ein Gemenge aus Empfindlichkeiten. In Südtirol stehen sich Deutsch- und Italienischsprachige seit Jahrzehnten mit Misstrauen gegenüber. Das hat historische Gründe: Der Landstrich wurde nach dem Ersten Weltkrieg von Österreich abgetrennt und Italien zugeschlagen. Die italienischen Faschisten unter Benito Mussolini drängten deutsches Brauchtum zurück. 1939 schickte ein "Umsiedlungsabkommen" zwischen Mussolini und Adolf Hitler die "Deitschn" heim ins Reich.
Doch viele kehrten nach dem Zweiten Weltkrieg zurück, nun waren es die zahlenmäßig schwächeren Italiener, die sich übervorteilt und ausgegrenzt fühlten. Die deutschsprachige Mehrheit betrieb eine Politik der Distanzierung von Rom und setzte teilweise absurde Proporz- und Sprachregeln durch. Noch 1988 überschrieb der SPIEGEL eine Reportage aus der Region mit den Worten "Apartheid-Festung Südtirol". Damals stritten die Kontrahenten über Assimilation und Mischehen - Radikale legten sogar Bomben.
Deshalb fürchteten die Italienischsprachigen, die Uni werde deutsch dominiert. Die konservativen Deutschsprachigen, Stammklientel der SVP, unkten dagegen, der Zuzug der Akademiker werde ihr Idyll stören und den "Welschen" aus dem Süden ein Einfallstor bieten.
Geschickt lösten die Uni-Gründer das Sprachdilemma: Sie nahmen mit Englisch ein unverdächtiges Idiom hinzu und erklärten Bozen zur dreisprachigen Hochschule. Wer die Freie Universität absolviert, sollte am Ende idealerweise alle drei Sprachen beherrschen - das Konzept gilt mittlerweile als Markenzeichen; in Zukunft sollen die Lehrveranstaltungen an der ganzen Uni zu gleichen Teilen auf Deutsch, Englisch, Italienisch gehalten werden. An manchen Fachbereichen ist der Plan schon in weiten Teilen umgesetzt; bei den Ökonomen etwa lernen 700 Studenten aus über 20 Nationen den Stoff im Sprachenmix.
Der Englischanteil sei wichtig, um den Anschluss an die internationalen Spitzenanstalten zu halten, sagt Wirtschaftsdekan Oswin Maurer - in mehreren Rankings hat seine Fakultät schon sehr gut abgeschnitten. Bozen wolle sich vor allem einen Namen mit einem Top-Erststudium machen, dann hätten die Absolventen das Rüstzeug, anderswo einen Master draufzusatteln. Maurer zählt stolz auf, wo seine Studenten - "ich kenne jeden mit Namen" - weiterstudierten: Harvard, Lausanne, Paris.
"Mir war vor allem die Qualität der Uni wichtig", erzählt Konstantin Graf von Blumenthal, 27, aus Garmisch-Partenkirchen. Er kam vor fünf Jahren nach Bozen und will nun an seinen BWL-Abschluss noch einen Master-Studiengang in Unternehmensführung anhängen. In Deutschland habe er sich die private Universität Witten/Herdecke angesehen. Die sei zwar auch hervorragend, so Blumenthal. "Doch das ganze Umfeld war so trist."
Was man von Bozen wirklich nicht sagen kann. Und die akademische Reputation wächst, trotz der Widrigkeiten. Für Bodenhaftung sorgt etwa die berüchtigte italienische Bildungsbürokratie, von der sich auch eine Freie Universität nicht ganz freimachen kann. Beispielsweise dürfen Studenten dort die Prüfungen beliebig oft wiederholen, wenn sie mit der Note nicht einverstanden sind.
Das Fächerspektrum einer Volluniversität kann Bozen nicht bieten, vorerst will man sich auf die eigene Nische konzentrieren. Für eine konsequente Dreisprachigkeit reichen derzeit die Lehrkräfte mit der Muttersprache Englisch nicht aus.
Der Bozener Rektor, der deutsche Sozialwissenschaftler Walter Lorenz, setzt auf die Strahlkraft seiner Hochschule im Ausland: "Wir verstehen uns als Vorreiter der Europäisierung und der Internationalisierung. Das schätzen gerade internationale Studenten." Die Phase der Sprach-Grabenkämpfe sei überwunden, Südtirol blicke nun nach vorn: "Wir sind hier alles andere als provinziell."
Auf einen Blick
Freie Universität Bozen
Adressen Freie Universität Bozen Studentenberatung Sernesistraße 1 I-39100 Bozen Tel.: +39 0471 012 100 Fax: +39 0471 012 109 E-Mail: advisoryservice@unibz.it www.unibz.it
Fakultäten: Bildungswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Informatik, Design und Künste, Technik und Naturwissenschaften
Studenten insgesamt: 3000
Anteil ausländischer Studenten: etwa 13 Prozent
Lebenshaltungskosten: vergleichbar mit Deutschland
Stadt Bozen, rund 100 000 Einwohner, Landeshauptstadt Südtirols, direkte Zugverbindung nach München
Von JAN FRIEDMANN

UniSPIEGEL 6/2008
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