08.12.2008

Alte Liebe

Winnetous Tod, so grausam! Und wie Michel aus Lönneberga Klein-Ida am Fahnenmast hochzieht - superkalifragilistischexpialigetisch! Der UniSPIEGEL fragte sechs Studenten, was die Helden der Kindheit ihnen heute bedeuten.
Mary Poppins
Es war ein Regentag, als ich Mary Poppins zum ersten Mal im Fernsehen sah. Vielleicht hatten wir auch Ostwind wie am Anfang des Films, auf jeden Fall war es stürmisch und grau. Und sie hat mich genauso verzaubert wie die beiden Kinder Michael und Jane in ihrem strengen Elternhaus im tristen London. Mary Poppins stellt die ernste Welt der Erwachsenen einfach auf den Kopf und singt und tanzt mit ihren beiden Schützlingen auf den Dächern der Stadt. Am liebsten mochte ich natürlich das Lied "Superkalifragilistischexpialigetisch". Immerhin war ich nicht so verrückt wie meine Schwester. Die ist mit ihrem Regenschirm vom Dach unserer Garage gesprungen. Dabei hat sie sich zum Glück nur den Fuß verstaucht.
In diesem Semester habe ich ein Hauptseminar zu englischer und amerikanischer Kinderliteratur belegt. Ich finde es total interessant, mich mit Figuren, die mich in meiner Kindheit begleitet haben, wissenschaftlich zu beschäftigen. Und ehrlich gesagt, verspüre ich in letzter Zeit auch manchmal Lust, über die Dächer von Bonn zu tanzen.
Alf
Den Außerirdischen vom Planeten Melmac verehrte ich vor allem für seinen Charme und seine coolen Sprüche. Mein Bruder und ich hatten einige von Alfs Floskeln in unsere Alltagssprache aufgenommen, allen voran natürlich seinen Ausruf "null Problemo!"
Immer noch hilft Alf mir, die Dinge nicht zu verkrampft zu sehen. Wenn ich Stress im Studium habe, sehe ich mir einfach eine Alf-Folge an und schon kann ich alles etwas lockerer angehen.
Hin und wieder veranstalten meine Studienfreunde und ich Alf-Abende, sehen uns ein paar Folgen der Serie an. So gibt Alf uns das Gefühl, einander schon länger zu kennen als aus der letzten Vorlesung über Sägewerkstechnik.
Michel aus Lönneberga
Meine Eltern haben mir früher zum Einschlafen Gutenachtgeschichten aus den Büchern von Astrid Lindgren vorgelesen. Am liebsten mochte ich die Geschichten über Michel aus Lönneberga. Ich galt selbst als Lausejunge und konnte mich deswegen umso besser mit Michel identifizieren. Zumal Michel mit seinen Streichen ja eigentlich immer etwas Gutes tun will, auch wenn seine Methoden manchmal vielleicht etwas ungewöhnlich sind.
Einmal hilft er zum Beispiel der Magd Lina, ihren schmerzenden Zahn loszuwerden. Er bindet Linas Zahn mit einem Faden an einem Pferd fest und stürmt dann im Galopp drauflos. Anstatt sitzen zu bleiben, rennt Lina wie angeleint hinterher - großartige Komik. Michel hat die Erwachsenen oft beschämt, indem er Taten vollbrachte, zu denen sie selbst nicht den Mut hatten; er ist ein Junge, wie man später selbst gern einen hätte.
Die Lönneberga-Filme gehören für mich zum Weihnachtsritual. Ich habe mir vor kurzem eine DVD-Box mit Astrid-Lindgren-Filmen schenken lassen. Trotzdem sehe ich sie mir an den Feiertagen immer wieder im Fernsehprogramm an. Und erinnere mich an meine eigenen Streiche: Einmal schnitt ich allen Kindern aus meiner Spielgruppe die Haare. Leider fanden unsere Eltern das nicht so lustig wie wir - aber immerhin verbannte man mich nicht in den Tischlerschuppen.
Gargoyles
Ich stand schon immer eher auf Superhelden als auf Mädchenkram. Und die Gargoyles, Gestalten zwischen Mensch und Fledermaus, die tagsüber versteinert sind und nur bei Nacht lebendig werden, waren für mich die Größten. Ich habe die Disney-Zeichentrickserie immer bei meiner Oma geguckt.
Zu Beginn spielt die Serie im mittelalterlichen Schottland, wo die Gargoyles das Schloss Wyvern und seine Bewohner gegen die Angriffe der Wikinger beschützen. Später werden die Wesen in Stein verbannt, dann befreit, der Stoff produziert immer neue Mythen, es tauchen sogar Figuren aus Shakespeares Werken auf.
Die Serie war der Auslöser: Vor kurzem habe ich zwei Auslandssemester in Schottland eingelegt. Die Gargoyles habe ich dort nicht getroffen. Dafür habe ich jetzt einen schottischen Freund.
Winnetou
Ich habe als Kind alle Winnetou-Romane von Karl May verschlungen. Besonders die tiefe Freundschaft zwischen dem edlen Apachenhäuptling und Old Shatterhand hat mich sehr beeindruckt. Sie stehen die gefährlichsten Abenteuer zusammen durch und bringen am Ende alle dazu, die Friedenspfeife zu rauchen. Im Kampf gegen das Böse muss Winnetou schließlich sterben, das war für mich als kleines Mädchen besonders schlimm - ich war verliebt in ihn!
Als Pierre Brice vor ein paar Jahren seine Biografie in meiner damaligen Uni-Stadt Düsseldorf vorstellte, wollte ich unbedingt hin. Aber als ich dann vor ihm stand, habe ich kein Wort herausgebracht. Es war tatsächlich so, als hätte ich Winnetou getroffen. Ich durfte ihm sogar die Hand schütteln und konnte, nachdem etliche Erinnerungsstücke signiert waren, nur noch "merci beaucoup" stammeln.
Bibi Blocksberg
Wenn ich als Kind früher krank war, waren Bibi-Blocksberg-Kassetten für mich die beste Medizin. Meine Schwester und ich hatten bestimmt 20 Bänder. Es faszinierte uns, wie dieses kleine Mädchen die ganze Welt verhexen kann. Es ist immer in Aktion und macht mit seinem Besen "Kartoffelbrei" die Gegend unsicher, löst irgendein Problem mit ihrer Hexerei. Wie zum Beispiel in der Folge mit dem Schulfest, als Bibi eine ungerechte Lehrerin einfach an die Lampe zaubert. Wie habe ich mir gewünscht, auch hexen zu können!
Am liebsten mag ich die Folge, in der Bibi sich verliebt. Da macht sie sich total lächerlich für diesen Jungen Joachim, der zuerst nichts von ihr wissen will. Selbst als Bibi sich in eine wahre Schönheit verhext, weist Joachim sie ab. Erst, als sie einfach sie selbst ist, werden die beiden Freunde und gehen zusammen Eis essen. Happy End programmiert, perfekt.
Trotz mehrerer Umzüge habe ich meine Bibi-Blocksberg-Kassetten nie weggegeben. Mittlerweile habe ich sogar Bibis Zauberspruch "Hex, hex" als Handy-Signalton; großer Quell von Freude, wenn er eine SMS ankündigt. Vor kurzem saß ich im Zug neben einem Mann, der die ganze Zeit griesgrämig dreinblickte. Als plötzlich das "Hex, hex" aus meiner Tasche ertönte, hat Bibi doch tatsächlich ein breites Grinsen auf sein Gesicht gezaubert. Es ist eben Hexerei.
Von REBECCA ERKEN

UniSPIEGEL 6/2008
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