DER SPIEGEL



Eine sehr deutsche Diskussion

Von DOERRY, MARTIN

Der Wirtschaftspädagoge und Mannheimer Prorektor für Lehre, Hermann G. Ebner, 60, über Vorschläge zur Reform der Bologna-Reform

An vielen Unis gibt es massive Proteste gegen die neuen Bachelor- und Masterstudiengänge. Ist die Regelstudienzeit von sechs Semestern bis zum Bachelor zu kurz?

Es gibt mit Sicherheit Studiengänge, die mit sechs Semestern keine vernünftige Ausbildung zustande bringen. In Mannheim haben wir im Moment dieses Problem noch nicht. Aber das liegt auch daran, dass wir keine technischen Studiengänge anbieten, da ist das Problem bisher am stärksten in den Vordergrund getreten.

Dafür müssen Sie jetzt in Mannheim erstmals den Übergang vom Bachelor zum Master organisieren. Wie viele Bachelor wollen an der Uni bleiben?

Die Nachfrage war sehr, sehr hoch. Für manche Masterstudiengänge hatten wir fünfmal mehr Bewerber als Studienplätze.

Hochschulexperten streiten darüber, ob man mit dem Abitur nicht auch den Anspruch auf ein Masterstudium erworben hat. Rechnen Sie mit Prozessen?

Entschuldigen Sie, aber das ist eine sehr deutsche Diskussion. Ich kann das nicht so richtig nachvollziehen. Als die ersten Bachelor hier in Deutschland fertig waren und nach London gegangen sind, mussten die doch auch feststellen, dass sie dort nicht einfach zum Masterstudiengang zugelassen wurden. Man muss das Bologna-Konzept einfach ernst nehmen. Der Bachelor ist ein eigener Abschluss, der Master ist es ebenfalls. Das hat den Vorteil, dass man nach dem Bachelor in BWL sich auch für ein Ingenieurstudium bewerben kann. Wenn Sie früher ein BWL-Diplomstudium angefangen hatten, konnten Sie nach der Zwischenprüfung nicht einfach zu den Ingenieuren wechseln.

Dafür ist es jetzt umso schwieriger, wenn man innerhalb des Bachelorstudiums die Uni wechseln will. Das war im alten Sys-tem viel einfacher.

Da gibt es tatsächlich Probleme. An vielen Universitäten wurden acht- oder neunsemestrige Diplomstudiengänge in einen sechssemestrigen Bachelorstudiengang gepresst. Dass der dann keine Spielräume mehr lässt, das ist leider so. Andererseits: Innerhalb eines sechssemestrigen Studiums ist es vielleicht auch nicht so sinnvoll, die Universität zu wechseln. Man sollte sich erst mal ein ordentliches Fundament verschaffen. Und danach, nach dem Bachelor, sich neu sortieren und überlegen: Wo bin ich jetzt? Wo will ich hin?

Mit der Bologna-Reform sollten auch die Abbrecherquoten reduziert werden. Ist das gelungen?

Ja, in einigen Studiengängen deutlich, in anderen minimal. Aber ich muss da vorsichtig sein, weil wir hier in Mannheim durch die hohen Anforderungen - ein Großteil unserer Studienanfänger hat ein Abiturniveau zwischen 1,0 und 1,6 - auch sehr ambitionierte Studierende haben. Die Leute gehen ihr Studium sehr konsequent an. Das heißt, wenn hier weniger Abbrecher zu finden sind

bedeutet es noch nicht, dass das andernorts auch so ist.

Genau, zumal man auch gegenläufige Entwicklungen beobachtet, etwa an Fachhochschulen, wo die Quote nach oben geht.

Die Kultusministerkonferenz hat im Oktober nun selbst eine Reform der Reform angekündigt; die allzu schematisch angelegten Bachelorstudiengänge sollen überprüft werden. Was würden Sie vorrangig ändern?

Ich stehe immer noch hinter dem Bologna-Konzept. Was wir jedoch an manchen Stellen versäumt haben, ist, dieses Konzept tatsächlich mit Leben zu füllen und etwas Eigenes daraus zu machen. Nicht zuletzt die Politik, die Kultusadministration, hat das alles eher technokratisch betrieben.

Ist die Umsetzung in anderen europäischen Ländern besser gelungen?

Wenn man sich die europäische Karte anguckt, dann sind wir sowieso spät dran. Es wird ja immer kolportiert, wir seien die gehorsamsten Europäer überhaupt, wenn es zum Beispiel um die Umsetzung von Vorgaben geht. Das stimmt nicht: Im Bologna-Zug sitzen wir in einem der hinteren Wagen. Die Schweiz ist wesentlich weiter. Das Gleiche gilt für Frankreich oder Italien. Ein Teil der osteuropäischen Länder ist ohnehin mit großem Elan auf diese Reform aufgesprungen.

Was wäre denn das Gegenteil einer technokratischen Bologna-Reform?

Wenn die Universitäten mehr Freiheiten bekämen - und sie vor allem auch nutzen würden, um intelligent geschnittene Studiengänge auf den Markt zu bringen. Studiengänge sind ja ein Teil unserer Produktpalette, und die müssen sich am Markt durchsetzen. Das heißt, es muss eine Nachfrage da sein bei den Studierenden, es muss eine Nachfrage am Arbeitsmarkt für unsere Absolventen vorhanden sein - und wenn das gegeben ist, sind wir auf dem richtigen Weg.

Aber gerade an der Nachfrage scheitert der deutsche Bachelor häufig. Sogar der Staat als Arbeitgeber versagt, weil er meist nur Masterabsolventen einstellt.

Jedenfalls wenn es um die Lehrerausbildung geht. In anderen Ländern gibt es dagegen einen Bachelor of Education, der läuft über acht oder neun Semester, dann ist die Ausbildung abgeschlossen. Bei uns haben sich die Lehrerverbände gleich festgelegt: Ein Lehrer für das Gymnasium muss den Master mitbringen. Damit haben sie den Bachelor in dieser Ausbildung erst mal plattgemacht.

Andererseits kann man sich nicht vorstellen, von einem Chirurgen operiert zu werden, der nur einen Bachelor hat. Dasselbe gilt für den Juristen, der doch nach sechs Semestern noch nicht als Richter amtieren sollte, oder?

Man muss da ganz anders fragen. Also: Was muss ein Richter können? Und dann: Wie viel Zeit braucht man dafür? Und so kommen Sie am Schluss vielleicht auf neun Semester Studium an der Universität. Und dann kann ich mit Ihnen darüber diskutieren, ob es einen Arbeitsmarkt für Juristen unterhalb der Qualifikation eines Richters gibt und wie viele Semester dafür einzusetzen wären. Vielleicht würden wir bei fünf Semestern sagen: Strich drunter, hier vergeben wir den Bachelorgrad. Und dann nach weiteren vier Semestern bekommt er oder sie den Master. Wir könnten aber auch zu dem Schluss kommen: Wir lassen den Studiengang durchlaufen, ist ein wunderbares Konzept. Und nach neun Semestern haben unsere Absolventen einen Bachelor in Jura und die Zulassungsvoraussetzung zum Referendariat. INTERVIEW: MARTIN DOERRY

SVEN PAUSTIAN

NORMAN REMBARZ / ACTION PRESS


UniSPIEGEL 6/2009
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