08.02.2010

Der Unimädchen-ReportWider die Fleischeslust

Keusch sei das Weib und ewig treu - das alte Gesetz des Patriarchats hat eine Renaissance erfahren: An amerikanischen Unis kämpfen junge Frauen gegen Sex vor der Ehe. Auch sie halten sich für Feministinnen.
Rachel Wagley hat gar keine Zeit für Sex. Sie ist eine Musterstudentin in Harvard, sie engagiert sich für die jungen Republikaner, bei einem rechten Forschungsinstitut hilft sie aus, sie hat 1051 Facebook-Freunde. Um die kümmert sich Wagley auf ihre Weise: "Ich habe gehört, dass Du heute für mich gebetet hast", bedankt sich eine Freundin auf der Website. Selbst in den Semesterferien vereinbart die Studentin ihre Termine im 20-Minuten-Takt. Keine Pause zum Fummeln, Küssen, Reizen.
Doch Wagley hat auch deshalb so wenig Zeit, weil sie keinen Sex hat. Denn die hübsche 20-Jährige mit den langen braunen Haaren fungiert als Co-Präsidentin von "True Love Revolution", einer kleinen Gruppe von Harvard-Studenten, die sexuelle Enthaltsamkeit vor der Ehe propagiert. Der Aktivistin genügt es nicht, selbst abstinent zu bleiben. Sie will partout andere davon überzeugen. Diese Aufgabe füllt zwar den Terminkalender, aber irgendjemand muss es ja tun. "Ungezügelter Sex mit vielen Partnern schadet Menschen, er zerstört ihre Fähigkeit zu Bindungen und echter Partnerschaft", sagt Wagley ernst. Ganz abgesehen davon, dass Sex die Gesundheit ruiniere und die Zukunft gleich mit. Denn wer vor der Hochzeit kopuliere, bekomme eher Depressionen und lasse sich leichter scheiden, erklärt die Abstinenz-Apostelin. Sie hat da gerade ganz neue Forschungsliteratur gelesen.
Eigentlich ist es also Sorge um ihre Kommilitonen, die Wagley antreibt. Sie erinnert sich noch an ihre ersten Tage auf dem Harvard-Campus, aus einer ländlichen Gegend nahe Idaho kam sie ins stilvolle Ostküstenidyll. Sie hoffte auf intellektuelle Erleuchtung, "es ist schließlich nicht irgendeine Uni, sie steht für so noble Ideale". Doch stattdessen sah das Mädchen aus der Provinz vor allem: das Primat der Fleischeslust. Da gab es ein "Orgasmus-Seminar", organisiert von einer Feministinnengruppe. Da war das Geschnatter der Kommilitoninnen, wer mit welchem Jungen wie oft und wie. Und auf Facebook, berichtet Wagley empört, würden diese Mädchen jetzt gar die Farbe ihrer Büstenhalter preisgeben. Angeblich um Aufmerksamkeit für Brustkrebs zu erzeugen, aber die Aktivistin schnaubt: "Es geht doch wieder nur um Sex. Das ist so billig."
Nur wollen die Kommilitonen das einfach nicht einsehen. Als Wagleys Gruppe am Valentinstag eine Botschaft in die Fächer ihrer Mitstudenten legte - "Warum warten? Weil Du es wert bist", liebevoll auf ein rotes Herz geschnörkelt -, hagelte es Proteste. Auch, weil True Love Revolution Abstinenz als "echten" Feminismus definiert: "Schließlich lassen wir uns nicht auf unseren Körper reduzieren", beharrt Wagley.
Ihre Kommilitonin Silpa Kovvali konterte mit einer Kolumne in Harvards Uni-Zeitung: "Zu sagen, dass einvernehmlicher Sex Frauen abwerte, ist das genaue Gegenteil von Feminismus. Wenn Frauen den Sex kontrollieren, macht sie das unglaublich stark."
So geht das hin und her an der Uni, seit Monaten. Die Keuschen betonen, Jungfräulichkeit hebe das Selbstbewusstsein, sie mache mysteriös und sexy (wobei sich fragt, für wen oder was sie sexy sein wollen). Sex-Genießer wie die Soziologiestudentin Lena Chen hingegen, die einen Blog über ihr Liebesleben schreibt und mit ihrem ultrakurzen Minirock mindestens den männlichen Teil der Campus-Population verzückt, meinen: Eine starke Frau solle sich gerade nicht fürs voreheliche Vögeln schämen. "Es ist unrealistisch, dass mir jede Person, mit der ich Sex habe, wirklich wichtig ist", sagt Chen. "Sex fühlt sich einfach gut an."
Die Debatte macht nicht halt an Harvards Efeumauern, Abstinenz-Clubs existieren mittlerweile an vielen amerikanischen Hochschulen. In Princeton und am Massachusetts Institute of Technology haben sie sich nach der obskuren Philosophin Elizabeth Anscombe benannt, die Promiskuität als Attacke auf die Menschenwürde definierte - die Enthaltsamkeit soll so einen philosophischen Unterbau erhalten. True Love Revolution lädt regelmäßig namhafte Feinde des prämaritalen Koitus zu Vorträgen ein. Bei einer Konferenz im November 2009 trafen sich 200 züchtige Aktivisten aus dem ganzen Land in Princeton, im Februar findet das nächste Treffen in Harvard statt.
Der Schlagabtausch lockt die Medien an, Wagley gibt ein Interview nach dem anderen. No Sex sells.
Dabei gehen die ernsten Argumente beider Seiten unter. Es stimmt, dass auch an Amerikas Top-Hochschulen Studenten sich mittlerweile oft einreden, sie müssten spätestens im zweiten Semester Gruppensex mit Handschellen praktiziert haben. Yale-Elevinnen bloggen über Oralsextechniken, Web-Seiten voller erotischer Geständnisse wie "Harvard - Fuck My Life" lesen sich wie die schlimmsten Alpträume besorgter Eltern.
Allerdings hätten die Studenten, statistisch gesehen, gar nicht mehr Sex als früher, schreibt die Philosophin und Theologin Donna Freitas in "Sex and the Soul", ihrem Buch über das Balzverhalten an US-Hochschulen. Viele begnügten sich mit einem Partner oder seien gar noch unberührt. Das Problem sei, so Freitas, die Fixierung auf das Thema: "Der Durchschnittsstudent fühlt sich deswegen schlecht. Die Idee, davon ganz wegzukommen, ist anziehend."
Der alarmierende Moralismus von Gruppen wie True Love Revolution schreckt freilich auch ab. "Wir vertreten einfach rationale Argumente. Wir bezeichnen die Menschen, die Sex haben, ja nicht als schlechte Menschen", beteuert Rachel Wagley zwar.
Aber die Angst, dass der Beischlaf gefährlich sein könnte, schüren sie schon. Wagley rattert ihre Argumente zu Depressionen und höheren Scheidungsquoten als Folgen vorehelichen Geschlechtsverkehrs flüssig herunter.
Wissenschaftler halten solche Thesen für Unfug.
Auch politisch ist die akademische Abstinenz-Propaganda fragwürdig. An Amerikas Schulen jedenfalls hat sie sich, von der Bush-Regierung über Jahre hinweg mit vielen Millionen Dollar gefördert, als kontraproduktiv erwiesen. Laut Studien bleiben junge Menschen, die Sexverzicht geloben, kaum länger jungfräulich als ihre weniger prüden Altersgenossen. Und: Lassen sie sich dann doch irgendwann verführen, benutzen sie seltener Kondome. Als die Tochter der Abstinenz-Befürworterin und republikanischen Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin mitten im Wahlkampf 2008 ihre uneheliche Schwangerschaft beichten musste, sagte die 17-Jährige: "Enthaltsamkeit ist unrealistisch."
Weil die Lust doch immer gewinnt? Eine frühere Präsidentin von True Love Revolution empfiehlt gegen unerwünschte Sehnsüchte einen tüchtigen Spaziergang. Danach sei alles wieder gut.
Aber selbst ihre Nachfolgerin Wagley, sonst so wortgewaltig, scheint sich an dem Punkt nicht sicher zu sein. Was sie tut, wenn sie doch mal Lust auf Sex bekommt? Das Mädchen lacht. "Darüber will ich nicht sprechen."
PATRICK HAMM
Von GREGOR PETER SCHMITZ

UniSPIEGEL 1/2010
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