Von SCHMIDT, BIRTE
An ihr erstes eigentümliches Erlebnis an der Latvija Universitate in Riga erinnert sich Hannah Reisten, 23, noch genau. Sie wollte gerade die Treppe zum Hauptgebäude nehmen, da fiel ihr etwas Merkwürdiges auf: "Anstatt in der Mitte hochzugehen, drängelten sich die Leute auf den Seitenaufgängen."
Da erinnerte sich die Geografiestudentin aus Trier an die, wie sie bisher geglaubt hatte, scherzhafte Warnung einer Bekannten: "Geh niemals über die Mitte der Treppe in die Universität, das bringt nur Unglück!"
Der schrullige Brauch hat einen historischen Hintergrund: Früher fuhren die reichen Studenten mit der Kutsche vor, und natürlich nahmen sie den Hauptaufgang. Sie feierten viel und studierten wenig, bis sie schließlich von der Uni flogen. Deshalb glaubt man noch heute, dass die Studenten, die den mittleren Aufgang nehmen, später scheitern.
Früher, das klingt nach Zarenreich, Adelsprunk, winterlichem Schlittenklingeln, tatsächlich aber ist die einzige Volluniversität des Baltikums gerade mal 90 Jahre alt. Das gelbverklinkerte Hauptgebäude allerdings wurde schon im 19. Jahrhundert errichtet und besitzt genügend historische Patina und Glanz, um den Letten als angemessener Ort für Staatsempfänge zu dienen. Über dem Eingangsportal prangt die Inschrift "Scientiae et patriae", für Wissenschaft und Vaterland.
Das Vaterland ist den 2,2 Millionen Letten besonders wichtig, denn seit dem 13. Jahrhundert wurde Riga fast pausenlos von anderen Nationen beherrscht, zuletzt, bis 1989, von der Sowjetunion. Seither ist das Land unabhängig. Die Figur der Milda, einer lettischen Widerstandskämpferin, auf dem 42 Meter hohen Freiheitsdenkmal gleich neben der Uni verkörpert den Kampf gegen das Joch der Deutschen, Russen, Polen und Schweden in vergangener Zeit.
Die Nachkommen der alten Unterdrücker indes werden an der Rigaer Universität mit offenen Armen aufgenommen. Natalija Ivanova, stellvertretende Direktorin der Abteilung für Internationale Beziehungen, begrüßt zu Semesterbeginn regelmäßig Studenten wie Hannah Reisten aus dem europäischen Ausland. Die Zahl der Erasmus-Gäste ist überschaubar: etwa 260. Die Betreuung fühlt sich fast familiär an.
"Als Gaststudent wird dir das Leben hier so angenehm wie möglich gemacht", schwärmt Hannah. Als eine von nur 21 deutschen Studierenden im Wintersemester darf sie ihre Kurse an der Uni frei wählen. Manchmal richten Ivanova und ihr Team sogar eigens ein Seminar auf Wunsch der Gäste ein.
Mit Ausnahme einiger Masterkurse werden alle Veranstaltungen in Riga auf Lettisch oder Russisch abgehalten. Hannah Reisten ließ sich davon nicht abschrecken: "Das Wichtigste bei allem ist doch, dass du Unterstützung hast." Und die hat sie zur Genüge: Natalija Ivanova organisiert für jeden Gast einen lettischen "Buddy", der den Austauschstudenten vom Flughafen abholt und ihn in seinen Freundeskreis einführt, sowie eine Unterkunft nebst Lettisch-Intensiv-Sprachkurs.
Fürs Sprachenlernen bringen die Letten viel Verständnis auf: Da auch 20 Jahre nach der Unabhängigkeit immer noch ein knappes Drittel der Bevölkerung russischsprachig ist, beherrschen viele Menschen im Land beides, Russisch und Lettisch. Viele jüngere Balten können sogar Englisch oder Deutsch.
"Im Zweifel würde man hier sogar ganz ohne Lettisch zurechtkommen", sagt Lea Spörcke, 23. Die Landessprache will sie trotzdem lernen. "Gar nicht so schwer", findet sie. Lettisch ist eine indogermanische Sprache, auf Artikel wird verzichtet, und Flexionsendungen verweisen auf den Kasus: "Cilveks" heißt Mensch, "cilveki" des Menschen.
"Für uns ist es sehr schwierig, in Konkurrenz zu anderen Universitäten der EU gute Studenten zu kriegen", sagt Indrikis Muiznieks, Prorektor der Uni. Aber das sieht der Physikprofessor als Ansporn: "Noch liegt der Anteil der ausländischen Studierenden bei einem Prozent - diese Zahl wollen wir in den nächsten Jahren verfünffachen."
Die Nanotechnologie, eines der Aushängeschilder in Riga, soll weiter ausgebaut werden, plant Muiznieks, auch die Biomedizin. "Wir haben noch nicht so ausgeprägte Spezialgebiete wie andere Hochschulen, wollen uns aber mit den Naturwissenschaften etablieren." Und die Uni will mehr Veranstaltungen in Englisch, Deutsch und Französisch anbieten.
Viele der Austauschstudenten erzählen von den krassen sozialen Gegensätzen in der Stadt. Von Luxuslimousinen, die an obdachlosen Müllsammlern vorbeibrausen, von Pelzmänteln neben Lumpen. Die Finanzkrise hat das kleine Land nach dem Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre besonders hart getroffen, der Wohlstand hat noch keine breite Basis.
Die einheimischen Studenten leben meist bei ihren Eltern in einer der grauen Vorstädte. "Es ist in Lettland ganz normal, im Plattenbau zu wohnen, die Wohnungen sind zwar klein, aber gepflegt und sauber", erzählt der deutsche Politikstudent Immanuel Benz. Der 23-jährige Mainzer zahlt rund 140 Euro für sein WG-Zimmer in der Altstadt.
"Wer eine Wohnung im Zentrum beziehen möchte, muss mit einer ähnlichen Miete wie in deutschen Großstädten rechnen, dafür ist es dann aber sehr komfortabel", sagt Immanuel. Manche Apartments verfügen gar über einen Whirlpool oder eine Fußbodenheizung.
Doch allzu häuslich werden die Gaststudenten nicht, dazu bietet Riga zu viel Abwechslung, und das alles auf engem Raum. "Riga hat die Vorzüge und die Infrastruktur einer Großstadt, die Wege sind aber dennoch kurz", sagt Hannfried Leisterer, 23, der vor seinem Auslandssemester Jura an der Freien Universität Berlin studierte. Beliebt bei den Studenten sind Ausflüge ins Umland, im Sommer etwa zum nahe gelegenen Strand in Jurmala, aber auch größere Exkursionen nach Russland, Stockholm oder zu den baltischen Nachbarn.
Besonders stolz sind die Letten auf ihren Ruf als standhaft feierndes und leidenschaftlich singendes Volk; auch die Studenten pflegen diese Reputation. Die Uni verfügt über sechs verschiedene Chöre; der Überraschungssieg im Jahr 2002 beim Eurovision Song Contest heizte die allgemeine Sangeslust noch mehr an. Der Uni-eigene Radiosender NABA 93.1 FM beschäftigt 70 studentische DJs und sendet 24 Stunden am Tag.
Viele Studentenkneipen, zum Beispiel das GreenWood, bieten Live-Musik bis in die frühen Morgenstunden. "Das ist einfach Wahnsinn, wie die lettischen Kommilitonen das schaffen", sagt Gaststudent Marcus Scholz von der TU Chemnitz. "Die Masterkurse an der Uni beginnen erst um 18 Uhr, weil die meisten Studenten am Tag ihrem Job nachgehen. Und danach gehen sie auch noch so lange aus!"
Nicht selten komme es vor, dass sogar die als feierfreudig bekannten Erasmus-Studenten, auch die deutschen, das Bett vor ihren einheimischen Kommilitonen aufsuchen.
BIRTE SCHMIDT
EDIJS PÂLENS
DJV BILDPORTAL
Riga
Latvia-Universität
Adresse: International Relations Department 19 Raina Blvd. Riga, LV 1586 Lettland
Tel: +371 67034334 Fax: +371 67243091 E-Mail: ad@lu.lv URL: www.lu.lv
Fachbereiche: Biologie, Chemie, Physik, Mathematik, Ökonomie, Pädagogik, Psychologie, Geografie, Geologie, Geschichte, Philosophie, Rechtswissenschaften, Medizin, Moderne Sprachen, Philologie, Kunst, Gesellschaftswissenschaften
Studenten insgesamt: 24 000
Ausländische Studenten: etwa 260
Lebenshaltungskosten: Das Preisniveau ist niedriger als in Deutschland. Bei nicht allzu hohen Ansprüchen genügen 500 Euro für Unterkunft, Lebensmittel und Freizeit.
Stadt: Riga ist die Hauptstadt Lettlands und, mit rund 750 000 Einwohnern, größte Stadt des Baltikums. Während die Sommer mit bis zu 30 Grad ähnlich warm sind wie in Deutschland, ist der Winter sehr streng.
UniSPIEGEL 1/2010
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