12.07.2010

Dr. Pleite

Zehntausende deutsche Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Statt sich um den notleidenden Forschernachwuchs zu kümmern, setzen die Universitäten auf Prestigeprojekte. Jetzt regt sich Widerstand.
Bevor Michael Bahn vor 80 Studenten tritt, um ihnen die "Typenbildung in Theaterstücken" nahezubringen, schluckt er noch schnell ein Stück Traubenzucker. Ihm knurrt der Magen, auf ein ausgiebiges Frühstück am Morgen musste er verzichten. "Das Geld reicht einfach nicht", sagt der dürre Doktorand.
Bahn, 28, finanziert seine Doktorarbeit mit einem Lehrauftrag an der Uni Potsdam. Für sein Proseminar, das jede Woche aus allen Nähten platzt, überweist ihm die Hochschule einmalig 504 Euro fürs ganze Semester. Bezahlt werden nur die eineinhalb Stunden Seminarzeit, für Vorbereitung, Sprechstunden und die Korrektur von Hausarbeiten bekommt Bahn keinen Cent. "Wenn man diese Zeit mitrechnet, verdiene ich weniger als vier Euro pro Stunde", rechnet der Germanist vor.
Mit dem Lohn für Nachhilfestunden und einem Wohngeldzuschuss vom Amt summiert sich Bahns monatliches Budget auf rund 400 Euro. Er zehrt seine letzten Ersparnisse auf und ist darauf angewiesen, dass seine Oma ihm ab und zu einen Schein zusteckt, Theater- oder Kinobesuche, sagt er, seien schon lange nicht mehr drin.
Sein Studium hat Bahn vor einem Jahr mit der Traumnote 1,0 abgeschlossen. Die Promotion: ein Alptraum, finanziell jedenfalls.
Während die Schwierigkeiten der Studenten dank Hörsaalbesetzungen und Bildungsstreiks in der politischen Diskussion präsent sind, bleiben die Probleme einer anderen wichtigen Gruppe an den Hochschulen weitgehend unsichtbar. Zehntausende Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Sie müssen sich die ersehnte Doktorwürde erkämpfen, indem sie Jahre durchleiden, in denen sie es mit der eigenen Würde nicht so genau nehmen dürfen.
Die Promotion, das einstige Prunkstück einer deutschen Bildungskarriere, verliert ihren Glanz. Der "Dr.", die schicken zwei Buchstaben vor dem Namen, ist heute auch eine Chiffre für Existenzangst. Für eine Zeit im Leben, die sich viele gern ersparen würden, wenn es eine Alternative gäbe.
Jeder dritte der bundesweit rund 100 000 Doktoranden ist vom sozialen Absturz bedroht, schätzt Matthias Neis, der bei der Gewerkschaft Ver.di für den Wissenschaftsnachwuchs zuständig ist. Es müsste sich um das gleiche Drittel handeln, das sich laut einer neuen Studie "ausgesprochen unzufrieden" mit seiner Situation zeigt (siehe Interview S. 12).
Auf Neis' Schreibtisch stapeln sich die Beschwerden. "Immer mehr Doktoranden beklagen sich über Dumpinglöhne und Ausbeutung", sagt der Gewerkschafter. Betroffen sind nicht nur Promovierende, die sich wie Michael Bahn mit Lehraufträgen über Wasser halten müssen oder sich von Stipendium zu Stipendium hangeln - gerade hat auch Bahn eines an Land gezogen, das ihn ab Oktober für drei Jahre ernähren wird.
Ver.di ermittelte im vergangenen Jahr, dass selbst Doktoranden mit einer halben Stelle am Lehrstuhl oft unter haarsträubenden Bedingungen promovieren. Sie müssen für die Uni durchschnittlich fast doppelt so viel arbeiten wie vertraglich vereinbart, für die eigene Forschung bleibt nur das Wochenende.
Von den Hochschulen ist kaum Unterstützung zu erwarten, ihre Hilfe für Doktoranden erschöpft sich darin, Prestigeprojekte wie Doktorandenkollegs und interdisziplinäre Graduiertenschulen in die Welt zu setzen. Dort forschen die Doktoranden nicht allein im stillen Kämmerlein, sondern meist in Gruppen an Großprojekten, am besten interdisziplinär. Dafür gibt es Geld von der Politik, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, Exzellenz zu belohnen.
Bildungspolitiker und Hochschulrektoren verkaufen das aus den USA importierte Konzept gern als Allheilmittel: Die Promotionsstudenten sollen so besser unterstützt werden. "Viele der Programme sind nicht ausreichend finanziert", kritisiert hingegen die Hochschulforscherin Barbara Kehm. Und Gewerkschafter Neis bemängelt, dass die Kollegs gar nicht oder nur mit kurzfristigen Stipendien verbunden sind: "Wenn die Förderungen auslaufen, fallen die Doktoranden ins Bodenlose." Nach Schätzungen der Hochschulrektorenkonferenz promovieren ohnehin nur 10 bis 15 Prozent der Doktoranden an den Kollegs.
Geht es ihnen wenigstens akademisch besser als den frei forschenden Kollegen? Auch hier sind die Kritiker der real existierenden Promotion skeptisch. Denn das Ziel vieler Universitäten laute, so Forscherin Kehm, "möglichst viele Promotionen in möglichst kurzer Zeit". Die Zahl der Promotionen sei nämlich vor allem "ein wichtiger Leistungsindikator" für die Hochschulen: Je mehr Doktortitel eine Universität vergibt, desto bessere Argumente habe sie, wenn wieder einmal um Fördermittel gefeilscht wird.
Daher werden seit kurzem auch Credit Points vergeben, es gibt Pflichtkurse für Doktoranden, eine "Bachelorisierung" der Promotion, so nennen es Kritiker. Norman Weiss, der Vorsitzende von Deutschlands größtem Doktoranden-Netzwerk, Thesis, hält strukturierte Programme zwar nicht grundsätzlich für schlecht. Er fürchtet jedoch, dass an den Graduiertenschulen das alte Wissenschaftsverständnis auf der Strecke bleiben könnte. "Bislang gab es die Freiheit, auch mal ein etwas abstruses Thema vorzuschlagen, davon lebt die Wissenschaft", sagt Weiss. Nun nehme die Vielfalt ab, trotz der großen Zahl an Promotionen.
Schlechte Zeiten für Querdenker wie Michael Bahn. Der erörtert in seiner Doktorarbeit, wie Gedichte auf der Theaterbühne umgesetzt werden können, nicht gerade ein Mainstream-Thema.
Früher wurden Doktoranden belohnt für ihr Durchhaltevermögen, dafür, einige Jahre des Lebens auch mal mit abwegigen und komplexen Themen zuzubringen. Den Besten unter ihnen winkte eine wissenschaftliche Karriere, in jedem Fall verdient ein Arbeitnehmer mit dem "Dr." vorm Namen im Schnitt mehr als die Kollegen ohne Titel. Doch die Zeiten sind härter geworden, viele Promovierte finden trotz ihrer hohen Qualifikation keinen passenden Job.
Michael Bahn wollte sich nicht damit abfinden, dass für ihn in der schönen neuen Bildungsrepublik kein Platz sein soll. Mit seiner Kollegin Sabine Volk hat er die Initiative "Intelligenzija Potsdam" gegründet. Im März haben die beiden einen Beschwerdebrief an die brandenburgische Wissenschaftsministerin, die Universitätsleitung und die lokale Presse verschickt. Ihre zentrale Forderung: doppelt so viel Lohn für Lehraufträge, mehr Planungssicherheit und ein Ende der "Ausbeutung".
Die aufmüpfigen Doktoranden erhielten viel Unterstützung. "Wir haben Dutzende E-Mails aus dem ganzen Land bekommen, alle haben ähnliche Probleme", erzählt Sabine Volk. Innerhalb der Uni unterstützen bereits 60 Wissenschaftler ihren Vorstoß, darunter auch mehrere Professoren.
Doch bei aller Sympathie ist auch die Universität Potsdam einem System unterworfen, in dem ein knallharter Wettbewerb um Drittmittel herrscht und Forschergeist in ökonomische Kennzahlen gepresst wird.
Im vergangenen Jahr hat die Hochschule eine Million Euro für "Exzellenz in der Lehre" gewonnen. Das Geld fließt in drei Vorzeigeprogramme, eines davon mit dem Namen "Junior Teaching Professionals". Teilnehmende Doktoranden bekommen ein einjähriges Stipendium und sollen erste Lehrerfahrungen sammeln. "Da könnte sich Herr Bahn auch bewerben", sagt Thomas Grünewald, Vizepräsident der Uni Potsdam. Das hat Bahn längst getan: abgelehnt, trotz Bestnoten. Es gibt 20 Plätze, allein in Potsdam promovieren tausend Nachwuchsforscher.
Grünewald sieht auch die Doktorväter in der Pflicht, die Zahl der Doktoranden richtig zu steuern. "Wer Doktoranden beschäftigt, muss auch genügend Drittmittel für sie einwerben." Germanistikprofessor Helmut Peitsch, der die Doktoranden-Initiative unterstützt, verteidigt seine Kollegen. "Auch das Präsidium muss wissen, welche Erfolgsquote Geisteswissenschaftler bei ihren Forschungsanträgen haben."
Die meisten Doktoranden rebellieren ohnehin nicht, weil sie nach wie vor im Meister-Schüler-Verhältnis zu ihrem Doktorvater stehen - sie wollen es sich keinesfalls verscherzen. Lisa Bauer etwa will ihren echten Namen nicht preisgeben, wenn sie von den Missständen erzählt. Sie fürchtet, ihr Doktorvater könnte sie vor die Tür setzen oder schlechter bewerten.
Die 29-Jährige promoviert an einer der größten Hochschulen Nordrhein-Westfalens und hat eine halbe Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin. Auch sie bekommt nur einen Bruchteil ihrer tatsächlichen Arbeitszeit bezahlt. Aber das ist für die Naturwissenschaftlerin nicht einmal das Schlimmste. Viel mehr leidet sie unter der ständigen Angst, dass ihr Doktorvater ihren Arbeitsvertrag mitten in der Promotion nicht verlängern könnte.
"Bei einigen Kollegen hat er das gemacht", sagt die Doktorandin. Die Begründung: Geldmangel. Die Betroffenen leben seitdem von Arbeitslosengeld. Obwohl sie keinen Cent verdienen, arbeiten sie weiter täglich im Labor. Lisa kann das verstehen - bloß keine schlechte Bewertung des Professors kassieren. Die Forscherin meldet sich jedes Vierteljahr arbeitssuchend, um im Ernstfall Anspruch auf Arbeitslosengeld zu haben. Doch auch das ist nicht leicht durchzusetzen. In Magdeburg musste sich unlängst eine Doktorandin die Leistungen vor dem Sozialgericht erkämpfen. Weil die Soziologin während der Promotion keine Jobangebote annehmen konnte, verweigerte die Arbeitsagentur ihr Hartz IV.
"Einen verbindlichen rechtlichen Status für Doktoranden gibt es nicht", kritisiert Ver.di-Mann Neis. "Wir fordern von der Politik eine bessere finanzielle Grundausstattung", sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (siehe Interview S. 11). Der wirtschaftliche Druck zwinge die Rektoren quasi dazu, sich auf fragwürdige Beschäftigungsformen einzulassen.
Michael Bahn sagt, er sei aus reinem Idealismus bei seinem Uni-Job geblieben. "Ich liebe es zu lehren!" Jetzt, im Seminar, spricht er gestenreich über Vaterfiguren in expressionistischen Dramen. Die Studenten lauschen gebannt. Ihr Dozent ist mit Leidenschaft bei der Sache; nichts kann ihn jetzt ablenken - nicht einmal sein knurrender Magen.
Von Pennekamp, Johannes

UniSPIEGEL 4/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.