18.10.2010

Bier und Wissbegier

Von Schult, Christoph

Die belgische Stadt Leuven ist nicht nur für ihre Braukunst berühmt - auch die Universität genießt einen exzellenten Ruf. Nur deutsche Studenten machen sich bislang rar. Teil XVII einer Serie über Europas Uni-Perlen.

Es gehört in diesen Zeiten schon Mut dazu, das Attribut "katholisch" im Namen einer Universität zu führen - zumal in Belgien, wo sich die Kirche im Skandal um pädophile Priester jüngst besonders uneinsichtig gezeigt hat. Deswegen beeilt sich Bart de Moor, 50, Vize-Rektor der "Katholieke Universiteit Leuven", ausländischen Gästen das kirchliche Beiwort zu erklären: "Wir sind keine religiöse Hochschule, die Universität erhält von der Kirche weder Geld, noch wird sie von Bischöfen regiert." Formal habe die katholische Kirche zwar ein Veto-Recht, etwa bei der Einstellung von Theologieprofessoren, aber, so der Elektrotechnik-Professor, der auch zuständig ist für internationale Beziehungen, "das hat sie seit 600 Jahren nicht ausgeübt".

Trotzdem sind de Moor und seine Kollegen stolz auf das K im Namen der Alma Mater. Schließlich war es ein Papst, Martin V., der 1425 der flämischen Stadt Leuven das Recht zur Einrichtung eines "studium generale" zubilligte. Nicht der Muff unter den Talaren machte die Lehranstalt über die Jahrhunderte berühmt, sondern die Pflege der humanistischen Tradition. Erasmus von Rotterdam gründete hier 1517 das erste Kolleg zum Studium der hebräischen, lateinischen und der griechischen Sprache.

Heute ist Leuven (sprich: Löwen) mit mehr als 37 000 Studenten nicht nur die größte Universität Belgiens, sondern gehört auch zu den besten der Welt. In Uni-Rankings nimmt die Hochschule seit Jahren Spitzenplätze ein, im weltweiten Wettbewerb besetzt sie derzeit Position 86. Rund zwölf Prozent der Studenten stammen aus dem Ausland, die meisten davon aus China. Insgesamt sind mehr als 120 Nationalitäten in Leuven vertreten. Kaum bekannt hingegen ist die Universität in Deutschland. Aus dem größten Nachbarland Belgiens kommen derzeit gerade einmal 200 Studierende.

Auch Johanna Schnurr zog es ursprünglich nicht nach Leuven. Die 21-Jährige wollte eigentlich Jura in Deutschland studieren, aber es schreckte sie ab, dass das deutsche Staatsexamen international keine große Bedeutung hat. In England wiederum, wo ihre Eltern leben, war die Aufnahmeprozedur aufwendig. Also: Leuven, da geht alles schnell und unbürokratisch. Auch später erwies sich die Universität als Glücksfall. Johanna Schnurr wollte nach drei Semestern Jura zur Philosophie wechseln. Kein Problem - die meisten Kurse wurden ihr angerechnet. So verlor sie keine Zeit. "Jetzt habe ich nur noch ein Jahr bis zum Bachelor!", sagt Johanna.

Einen Campus gibt es nicht in Leuven, allenfalls die im flämischen Neorenaissance-Stil erbaute Bibliothek am Ladeuzeplein ist so etwas wie eine zentrale Anlaufstelle. Im Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde sie durch deutsche Angriffe zerstört - und jedes Mal wieder aufgebaut. Die Fakultäten sind in ehrwürdigen Altbauten untergebracht und übers Stadtzentrum verstreut. "Leuven ist winzig", sagt Johanna Schnurr, "man kann alles zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen." Ihr "Instituut voor Wijsbegeerte" (Wissbegier), wie die philosophische Fakultät auf Flämisch heißt, ist eines der größten in Europa und steht in der Tradition der Universität. "Für die Geschichte der Philosophie spielt die katholische Kirche eben eine große Rolle", erklärt die Deutsche.

Die Hochschule gilt als Kaderschmiede für nationalbewusste flämische Politiker. So ist auch der Vorsitzende der Nieuw-Vlaamse Alliantie (NVA), Bart de Wever, Leuven-Absolvent. "Etwa die Hälfte meiner Kommilitonen kann sich die Unabhängigkeit von Flandern vorstellen", berichtet Johanna Schnurr.

Der ewige Streit zwischen Flamen und Wallonen gehört denn auch zu den weniger rühmlichen Kapiteln der Universitätsgeschichte. In den sechziger Jahren überstieg die Zahl der flämischsprachigen Studenten erstmals die der französischsprachigen. Die folgenden Unruhen führten schließlich zur Spaltung der Hochschule. Im Herbst 1968 gliederte sich die französische "Université catholique de Louvain" aus. Für sie wurde 1971 im wallonischen Teil Belgiens eigens eine neue Stadt, Louvain-la-neuve, gegründet. "Es kommt vor", sagt Bart de Moor, "dass Besucher durcheinanderkommen und die falsche Uni ansteuern."

Das mittelalterliche Leuven hat indes bei weitem mehr Charme als die auf dem Reißbrett entworfene Zwillingsstadt. Auch kulturell und gastronomisch lockt die Hauptstadt der Provinz Flämisch-Brabant. Am Alten Markt drängen sich dicht hintereinander die Lokale und Straßencafés, die Leuvener nennen den Platz gern die "längste Theke der Welt". Die weltweit größte Brauerei-Gruppe, der Anheuser-Busch-Inbev-Konzern, der auch das bekannte Stella-Artois-Bier produziert, hat hier ihren Sitz.

"Jeden Donnerstag wird hier die Nacht zum Tag", berichtet Simon Schunz. Der 31-jährige Politologe ist bereits seit vier Jahren in Leuven, gerade hat er seine Doktorarbeit über die Klima-Außenpolitik der Europäischen Union eingereicht. Schunz sagt, er habe vor allem von der Nähe zur EU-Hauptstadt Brüssel profitiert. Zudem ermöglichte ihm die Universität, drei Verhandlungsrunden um die zukünftige Klimapolitik live mitzuerleben, unter anderen die Weltklimakonferenz in Kopenhagen. "Gerade als Politikwissenschaftler ist es gut, aus dem Elfenbeinturm herauszukommen", sagt der Promotionsanwärter. Auch seien die Arbeitsbedingungen besser als in Deutschland: Die Doktoranden können sich in der Regel auf die Forschung konzentrieren, sie müssen nicht unterrichten und werden besser bezahlt.

Die Lebenshaltungskosten sind in Belgien generell höher als in Deutschland, aber die Mieten in Leuven sind noch immer bezahlbar. Viele der rund 90 000 Einwohner vermieten gleich mehrere Zimmer an Studenten. Auch schön: die günstigen Bahnverbindungen nach Paris, Köln oder Amsterdam. Durch den Ärmelkanal-Tunnel lässt sich auch London schnell erreichen. Innerhalb Belgiens, erzählt Simon Schunz, könne man als Student für gut sieben Euro jeden Ort mit der Bahn erreichen. An den Wochenenden sind die ausländischen Studenten in Leuven unter sich, die belgischen Kommilitonen fahren traditionell zu ihren Eltern.

Geht es nach der Uni-Leitung, soll die Zusammenarbeit gerade mit deutschen Nachwuchswissenschaftlern ausgeweitet werden. "Es ist doch nicht normal, dass wir bislang mehr chinesische Studenten haben als deutsche", sagt Bart Hendrickx, Leiter des International Office. Allerdings, gibt er zu, habe die Universität bislang in Deutschland auch nie aktiv für sich geworben.

"Belgien ist vielleicht das bestgehütete Geheimnis Europas", scherzt Vize-Rektor de Moor. In den Niederlanden dagegen bemühten sich die Hochschulen "sehr erfolgreich" um den akademischen Nachwuchs jenseits des Rheins - und machten gute Erfahrungen mit den deutschen Gaststudenten.

Viele Master-Studiengänge werden auf Englisch angeboten, 97 Prozent aller Doktorarbeiten auf Englisch verfasst. Die Unterrichtssprache bei den Bachelor-Studiengängen ist zwar Flämisch, aber darin sieht Hendrickx kein Hindernis. "Gerade den Deutschen fällt es leicht, Flämisch zu lernen", sagt er. "Zwei Monate mit entsprechendem Sprachkurs genügen."

Bachelor-Studentin Johanna Schnurr sagt, ihr sei die "internationale Perspektive" in Leuven sehr wichtig. Zwar hatte sie schon vor ihrer Ankunft Flämisch gelernt, aber es gebe auch Seminare auf Englisch, Französisch oder Deutsch. Simon Schunz hat in den vier Jahren seiner Promotion die Sprache der Gastgeber gelernt. Dem gebürtigen Mühlheimer gefällt es so gut in Leuven, dass er bleiben will. Er tritt bald eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an.

Bier und Wissbegier

Auf einen Blick

Leuven

Adresse:

Katholieke Universiteit Leuven

International Office

Naamsestraat 63

box 5410

3000 Leuven

Belgien

E-Mail: Katelijne.Roelandt@int.kuleuven.be

Tel: +32 16 324078

URL: www.kuleuven.de

Fachbereiche:

Theologie, Kirchenrecht, Rechtswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Sozialwissenschaften, Philosophie, Kunst, Psychologie, Ingenieurwissenschaften, Naturwissenschaften, Architektur, Medizin

Studenten insgesamt:rund 37 000

Ausländische Studenten:rund 5000

Lebenshaltungskosten:

Das Leben in Leuven ist etwas teurer als in deutschen Uni-Städten: Ein WG-Zimmer kostet im Schnitt 300 Euro, Lebensmittel kosten etwas mehr als in Deutschland.

Stadt:

Fast die Hälfte der rund 90 000 Einwohner sind Studenten, neben der Uni gibt es noch verschiedene Fachhochschulen. Entsprechend ist das Stadtbild mit vielen Kneipen und Bars sehr studentisch geprägt. Leuven liegt nur 30 Kilometer von Brüssel entfernt und gehört zu Flandern.



UniSPIEGEL 5/2010
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