18.10.2010

Schöner sitzen

Weimarer Designstudenten entwerfen Haftzellen für den Neubau einer Thüringer Jugendstrafanstalt.
Christian Krüger ging den Weg des Delinquenten: Zuerst in den Aufnahmeraum, den fand der 23-Jährige besonders schlimm. Die Tür hatte Ritzen und Spalten, dahinter zwei Liegen und eine Kloschüssel, die nur mit einem Vorhang vom Rest der Zelle getrennt war. Die Dauerzelle danach war kaum wohnlicher. "Dort war wenigstens ein Bretterverschlag um die Toiletten gezimmert."
Der Student war erleichtert, als er die Jugendstrafanstalt Ichtershausen, 15 Kilometer entfernt von Erfurt, wieder verlassen durfte. Er hatte sich freiwillig hinter Gitter begeben, bei einer Exkursion für ein Studienprojekt der Bauhaus-Universität Weimar.
Krüger studiert dort Produktdesign im vierten Semester. Und einmal während ihrer Studienzeit fertigen die Weimarer Nachwuchsdesigner eine Arbeit an, für die sie ein ganzes Semester Zeit haben. Sie entwerfen zum Beispiel Kochgeschirr, mobile Küchenzeilen und Inkontinenzbeutel für Rollstuhlfahrer.
Oder eben Gefängniszellen. So lautete die Aufgabe, die vor rund einem Jahr Professor Gerrit Babtist seinen Studenten stellte: Erfindet Möbel für den Strafvollzug, die schön und praktisch zugleich sind.
Sie sollen im Neubau der einzigen Thüringer Jugendstrafanstalt Verwendung finden. Die Anstalt ist derzeit noch in einem alten Schloss untergebracht, das das Thüringer Justizministerium als "baulich nicht zeitgemäß" beschreibt. Ab 2013 sollen die Häftlinge in 340 neuen Zellen unterkommen, in Einzelhaft, so schreibt es auch ein Landesgesetz von 2008 vor.
Derzeit teilen sich noch zwei Häftlinge eine Zelle. Das Alter der Insassen reicht von 14 bis 21 Jahren, die Spannbreite der Delikte, für die sie einsitzen, deckt das ganze Strafgesetzbuch ab, so Anstaltsleiterin Anette Brüchmann: "vom Diebstahl bis zum Mord". Sie stand dem Anliegen der Weimarer Designer zunächst skeptisch gegenüber. Die Anstaltsleiterin befürchtete, eine Gruppe junger Weltverbesserer würde mit völlig unrealistischen Vorstellungen die Zellen ausstatten wollen. Doch am Ende überzeugten die Verantwortlichen im Justizministerium sie, auch der Rektor der Bauhaus-Uni.
14 Studentinnen und Studenten machten mit, einige zunächst gegen das eigene Bauchgefühl. "Strafvollzug ist ein Tabuthema, da will man sich eigentlich raushalten", sagt Nora Kühnhausen, 24. Ihren 23-jährigen Kommilitonen Moritz von Helldorff interessierte die besondere Zielgruppe des Designs: "Die potentiellen Kunden, also die Häftlinge, sind in unserem Alter. Das könnten wir sein oder Leute, die wir kennen."
Entsprechend bedrückt waren sie nach der Begehung der Anstalt, die mit Pressspan-Möbeln bestückt ist; das Ambiente ähnelte dem einer heruntergekommenen Jugendherberge. " Da wird einem die eigene Freiheit sehr bewusst", sagt Babtist. Der holländische Designer hat Erfahrung mit schwierigen Themen. Als er vor sechs Jahren nach Weimar kam, ließ Babtist seine Studenten Andenken für die Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers in Buchenwald entwerfen. Das Projekt sorgte weltweit für Aufsehen. "Ich bekam sogar Anrufe aus Paris und aus Amerika", sagt der Professor und schüttelt in Gedanken den Kopf. Er glaubt aber: "Viele Probleme unserer Gesellschaft können wir über Design lösen."
Monate nach der Studienfahrt stehen Christian Krüger und eine Handvoll Mitstreiter in Babtists Büro und präsentierten ihre Entwürfe. Krüger beugt sich über das puppenstubengroße Modell einer Gefängniszelle, die das komplette Gegenteil von dem ist, was er bei seiner Stippvisite in der Jugendstrafanstalt erlebt hat.
Der Raum ist hell, Tisch und Regale sind modisch schräg zugeschnitten und haben keine Füße. "Wir wollten eine freischwebende Innenarchitektur, um der Enge des Raumes entgegenzuwirken", erläutert der Student. Als Farbtupfer auf den neun Quadratmeter Grundfläche dient ein leuchtend roter Kleiderhaken an der Wand, einem Ast nachempfunden. Ein Stück stilisierter Natur, in einer Umgebung, in der sonst nichts natürlich ist.
Doch solchen Spielereien sind enge Grenzen gesetzt. Denn Gefängnismöbel müssen einen "Wahnsinnsauflagenkatalog" erfüllen, so Babtist. Sie müssen fest verankert sein, es dürfen nur feuer- und schneidfeste Materialien verwendet werden, verboten sind Hohlräume in Möbelstücken sowie Gardinen vor den Fenstern. Die Einrichtung darf keine Hilfestellung beim Selbstmord liefern und muss robust sein gegen Vandalismus.
Eine weitere Vorgabe: Alle Möbelstücke müssen in den Werkstätten der Thüringer Gefängnisse günstig hergestellt werden können. "Häftlinge schätzen und pflegen mehr, was sie selbst hergestellt haben", erläutern die Studenten. Auch sonst machten sie sich Gedanken um Grundsätzliches: Soll sich Strafe auch über die Inneneinrichtung ausdrücken? Und wie viel Design ist im Gefängnis überhaupt gewünscht?
So kamen Entwürfe heraus wie der Sitzsack von Nora Kühnhausen für den Gemeinschaftsraum. Er ist ziemlich prall gefüllt . "Damit man nicht darauf fläzen kann", erklärt Kühnhausen. Der Sack kann am Boden fixiert werden und hat zwei Hüllen, die eine ist feuerfest, die andere aus reißfestem Material, aus dem auch kugelsichere Westen hergestellt werden. Die Skepsis der Anstaltsleiterin verflog. Die Studenten hätten brauchbare Entwürfe geliefert, lobt Brüchmann. "Die beachten Dinge, an die ich als Juristin niemals denken würde." Ihr Lieblingsstück ist ein Kastensystem aus Leimschichtholz von Moritz von Helldorff und seinen beiden Projektpartnern. "Alles ist offen, alles klar einsehbar", sagt sie. Die Gefängnischefin denkt dabei nicht nur an die Insassen, die ihre Zellen leichter ordentlich halten können. "Das erleichtert auch den Wärtern die Arbeit bei den Kontrollen."
Schöner sitzen
Von Christian Werner

UniSPIEGEL 5/2010
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