18.10.2010

Krimidebüt / Çelik & Pelzer

Hartgesotten auf Türkisch

Von Seidel-Hollaender, Gabriela

Murad Çelik, ehemaliger Kommissar der Istanbuler Polizei, hat als Kind in Deutschland gelebt. Diese Zeit ist nur noch eine blasse Erinnerung, als Klaus-Peter Darius anruft, ein alter Bekannter seiner Eltern, und ihn dringend um Hilfe bittet. War Darius nicht Mitglied der RAF gewesen?

Und hatte nicht auch das Verschwinden von Çeliks Vater damals etwas mit der RAF zu tun? Warum war seine Mutter mit ihm fluchtartig in die Türkei zurückgekehrt?

Seine schwerkranke Mutter kann er nicht mehr fragen, also fliegt Çelik nach Deutschland. Er kommt zu spät, findet Darius tot in seiner Wohnung.

Eine Tonbandaufnahme führt den Ex-Kommissar zu der jungen Psychologin Ines Pelzer, die Darius' Tochter sein soll. Auch Pelzer versucht ihre Kindheit zu verstehen: Sie wurde adoptiert, ihre leiblichen Eltern hat sie nie kennengelernt. Ein altes Gruppenfoto der RAF-Zelle um Darius bringt Çelik und Pelzer auf die Spur der Wahrheit, doch bevor ihre Zeugen plaudern können, werden sie umgebracht. Das ungleiche Paar versucht, die Zusammenhänge anhand weiterer Fotos und Hinweise zu entschlüsseln - und mit Hilfe einer Gruppe hochintelligenter Autisten. Doch erst in der Türkei können die beiden Ermittler die Rätsel der Vergangenheit lösen.

Das Krimidebüt "Çelik & Pelzer" ist aus dem Hörspielprojekt SKI, Serie Krimi International, hervorgegangen, das die beiden Autoren Ulrich Noller und Gök Senin für den WDR konzipiert haben. Ungewöhnlicherweise gab es hier zuerst das Hörspiel, nun erscheint das Buch.

Der Titel der Reihe, so Noller, sei eine "kleine Verbeugung" vor der berühmten französischen Série Noire aus den vierziger Jahren, einer sozialkritischen Variante des amerikanischen Hard-boiled-Krimis. In dieser Tradition sehe sich die SKI. "Aber nicht noir, sondern knallbunt: urban, multikulturell, global." Deshalb hat Noller in jede weitere Folge ein anderes ethnisch-kulturelles Milieu eingebaut.

Bei dem Debüt interessierte sich Co-Autor Gök Senin besonders für die Parallelen zwischen der deutschen und der türkischen Geschichte. So gehörte die Mutter des Romanhelden Çelik in den achtziger Jahren in der Türkei zu den linken Oppositionellen, deren Ideale denen der deutschen Linken der Siebziger ähnelten.

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven: aus Sicht des gebrochenen, wortkargen Protagonisten Çelik ebenso wie aus Sicht des Mörders. Die Kapitel der Psychologin Pelzer sind als innere Monologe verfasst - so kommt man auch dieser sonst so tough wirkenden Figur nahe.

"Çelik & Pelzer" ist eine nicht immer ganz schlüssige, in jedem Fall aber spannende Kombination aus Politik, Gesellschaft und Psychologie.

Ulrich Noller / Gök Senin: "Çelik & Pelzer". Eichborn Verlag, Frankfurt am Main; 224 Seiten; 16,95 Euro.


UniSPIEGEL 5/2010
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