13.12.2010

Der Freiwilligen Zähmung

Ehe, Kinder, trautes Heim - deutsche Studenten bekennen sich zu traditionellen Werten. Manche gehen weiter, als sie müssten: Sie heiraten, noch während des Studiums. Warum tun die das?
Herr und Frau Ziemek kennen sich seit Kindertagen. Auf einem Krefelder Schulhof haben sie sich verliebt, und seither sind sie unzertrennlich. Und das soll so bleiben, auf ewig. "Thorben ist mein Fixpunkt, mein Halt, in diesem schnellen Leben", sagt Hannah Ziemek.
Wird ein geliebter Mensch in seiner Daseinsform als Gatte zu einem stabileren Halt, einem irgendwie festeren Fixpunkt? Hannah jedenfalls sagte sofort "ja", als Thorben ihr einen Antrag machte. Ungeheuer romantisch: im Retiro, dem Rosengarten in Madrid. Die Hochzeit folgte im September 2010 in einer Duisburger Kirche. Hannah war 24, Thorben 23 Jahre alt.
Nicht einmal Prinz William, als britischer Thronfolger Sklave der Tradition, hatte es so eilig mit seiner Kate. 28 Jahre, oder 30, wäre ein gutes Alter, um zu heiraten, fand Dianas Sohn, als er noch Kunstgeschichte in St Andrews studierte. Und hielt sich an die eigene Vorgabe: 28 war der Prinz, als er der gleichaltrigen Ex-Kommilitonin im November den Antrag machte.
Hannah, die Komparatistikstudentin, und Thorben, angehender Informatiker, gelten ihren Kommilitonen nun als Exoten. "Wie, ihr seid schon verheiratet?", diese Frage hören sie oft. Sie haben ihr Leben in Bahnen gelenkt - in einer Lebensphase, in der die meisten Altersgenossen sich alle Möglichkeiten offenhalten, sich umtun nach dem besten Stipendium, dem lukrativsten Nebenjob, dem tollsten Mann, der attraktivsten Frau.
"Den meisten fallen endgültige Entscheidungen schwer. Sie wollen sich nicht festlegen, um weiterhin flexibel und für alle Optionen offen zu bleiben", sagt der Jugendforscher Klaus Hurrelmann.
Wieso also heiraten?
Es ist schon so, laut der aktuellen Shell-Jugendstudie sind Partnerschaft und Familie für die heutige Jugend so wichtig wie für kaum eine Generation zuvor. So glaubt eine stetig wachsende Mehrheit junger Frauen und Männer, 76 Prozent, dass man eine Familie brauche, um überhaupt glücklich zu sein. Vor acht Jahren waren es noch 70 Prozent, 2006 dann 72 Prozent.
Fast genauso groß (70 Prozent) ist der Anteil an Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die eine Hochzeit fest eingeplant haben im Leben; das ergab eine großangelegte SPIEGEL-Umfrage vom letzten Jahr. Und laut der Studentenspiegel-Erhebung von SPIEGEL, McKinsey und studiVZ geht das Bekenntnis zu Ehe und Familie quer durch alle Studienfächer und wird von Frauen und Männern gleichermaßen geteilt (siehe Seite 12).
Immerhin fünf Prozent aller Studentinnen und Studenten, also etwa 100 000, haben laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks dann auch gleich den Gang zum Standesamt gewagt. Das ist allerhand, denn die Zahl der Eheschließungen pro Einwohner nimmt seit Jahrzehnten ab. Im Jahr 2009 haben sich in Deutschland bloß 378 412 Paare gegenseitig die Ringe übergestreift.
Soziologe Hurrelmann kann die Entscheidung der Eheleute Ziemek verstehen. Er hört sich an wie Hannah, wenn er sagt, dass es klug sei, "sich einen Halt zu schaffen" inmitten der "Unsicherheiten" des Lebens.
"Es ist etwas anderes, ob man nur zusammenwohnt oder ob man verheiratet ist", findet Hannah. "Eine Ehe gibt der Beziehung mehr Gewicht und Bedeutung, gerade, weil wir heute nicht mehr heiraten müssen, um zusammen sein zu dürfen, wie das noch die Generation der Großeltern musste."
"Ehe bekommt einen immer symbolischeren Wert", bestätigt Arne Duncker, Rechtshistoriker an der Universität Hannover. Noch bis 1973 galt in der Bundesrepublik der sogenannte Kuppelei-Paragraf: An unverheiratete Paare durfte ein Vermieter kein Zimmer vergeben, was der Unzucht vorbeugen sollte. Eine Heirat machte das Leben leichter.
Eine pragmatische Entscheidung ist die Ehe schon lange nicht mehr. "Auch wenn es Steuervergünstigungen für Eheleute gibt, die Mehrheit heiratet heute nicht mehr zur Vermögensvermehrung, sondern aus romantischen Gründen", sagt Duncker. Die selbstbestimmte Wahl eines Partners stehe im Vordergrund. Dementsprechend seien die Hochzeitsfeste ausgestaltet: "Bei den heutigen Zeremonien geht es nicht mehr darum, eine gewisse Etikette zu erfüllen, oder um Status-Demonstration, sondern darum, seine Individualität als Paar darzustellen."
Das hat auch mit dem Vormarsch der Frauen in die Hochschulen und akademischen Berufe zu tun. "Hausfrau und Brötchenverdiener, das war einmal", sagt Johannes Kopp, Soziologe an der Technischen Universität Chemnitz, der über die Ehe im Wandel der Zeiten geforscht hat. "Die sogenannte Hausfrauen-Ehe ist ein Auslaufmodell. Die Ehe hat sich von einer hierarchischen zu einer gleichberechtigten Institution entwickelt."
So kehren die aufgeklärten Paare des 21. Jahrhunderts zurück zum Ideal der Ehe aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Sie leuchtet wieder, die blaue Blume der Romantik: Damals schon sollten Liebe, Lust und Leidenschaft Mann und Frau vereinen, wobei die Liebe auf den ersten Blick zu erfolgen hatte.
"Ich hätte Lena am liebsten sofort vom Fleck weg geheiratet", gesteht der Zahnarzt Johannes Selge, 29. "Ich wusste sofort, dass sie die Frau meines Lebens ist." Trotzdem wartete er mit dem Antrag, bis er das Physikum in der Tasche hatte. Lena Hennen war da gerade mal 22 Jahre alt, studierte Kunstgeschichte und war schon halb auf dem Weg ins Erasmus-Semester nach Italien. Sie ging trotzdem, nicht ohne zuvor ihr Jawort gegeben zu haben. Inzwischen macht sie ihren Magister.
Entgeistert fragten Lenas Freundinnen nach, auch der Vater war nicht sonderlich erbaut - er hatte ihre Mutter erst ein paar Jahre zuvor geheiratet. "Heute schockt man seine Eltern eher mit einer frühen Heirat, während Eltern in den fünfziger oder sechziger Jahren schockiert waren, wenn ihre Kinder unverheiratet zusammenzogen", analysiert Ehe-Forscher Kopp. Lenas Antwort auf die kritischen Fragen: "Wenn ich heirate, gebe ich doch nicht meine Freiheit auf."
Das sehen Kritiker des Eheversprechens anders. "Grob fahrlässig und dumm", findet der Schweizer Scheidungsanwalt Benno Gebistorf die Entscheidung zur Heirat. Er hat ein Traktat wider die Ehe verfasst ("Das 11. Gebot oder Du sollst nicht heiraten!"). Die staatlich sanktionierte Zweisamkeit bezeichnet er als "das gesellschaftliche Auslaufmodell des dritten Jahrtausends", ein "faules Ei".
Natalie Buck, Studentin der evangelischen Theologie, hat bei studiVZ die Gruppe "Heiraten auf Augenhöhe" gegründet. Die 24-Jährige feierte Hochzeit ohne Schleier und Schleppe, unter die Haube wollte sie nicht kommen, sagt sie, das neokonservative Biedermeier-Image ist ihr zuwider. Zwar sollte der Bund mit Andreas, einem Geo-Ökologen, durchaus traditionell in der Kirche besiegelt werden, aber dafür waren die Einladungen fürs anschließende Fest ganz unorthodox auf Flyer gedruckt, und die Party glich eher einem großen Festival, sagen die Brautleute. "BUCKstock statt Woodstock" war das Motto, passend zum Nachnamen, den Andreas von Natalie übernommen hat - ein Hippie-Revival im Garten der Brauteltern im Örtchen Erlau bei Bamberg.
Hauptsache individuell: Andreas trug keinen Anzug, als er am Altar der evangelischen St.-Stefan-Kirche in Bamberg auf Natalie wartete. Mit Kummerbund und Espandrillos sah er aus wie ein spanischer Torero. Natalies naturweißes Hochzeitskleid hatte eine Freundin aus Biobaumwolle genäht, dazu trug die Braut einen Hut im Stil der zwanziger Jahre. Bei der Gartenparty sang eine befreundete A-Capella-Gruppe Lieder von den Byrds; ihre Väter spielten zusammen Songs wie "Judy Blue Eyes" oder "Teach Your Children Well" von Crosby Stills Nash and Young. Neunzig Gäste tanzten dazu in bunten Kleidern und mit Blumen im Haar.
Ob flippig oder konservativ, der Drang zur Inszenierung von Gemeinsamkeit treibt studentische Eheleute. "In einer Generation, die Schwierigkeiten hat, sich zu entscheiden, soll diese große Entscheidung dann auch nach außen getragen werden", erklärt Jugendforscher Klaus Hurrelmann. "Hochzeiten werden viel stärker zelebriert als früher."
Lena Hennen und Johannes Selge träumten sich in Märchenwelten und mieteten dafür die Godesburg in Bonn. Fünf Brautjungfern, alle in grüne Kleider gewandet, begleiteten Lena auf dem Weg zum Standesbeamten. Johannes wartete in einem grauen Cut auf seine Liebste, sie trug ein cremefarbenes Kleid, besetzt mit vielen Röschen. "Als die Zeremonie vorbei war und Johannes und ich aus der Burg traten, gab es ein riesiges Blitzlichtgewitter - ich fühlte mich ein bisschen wie ein Star", erinnert sich die 24-Jährige, sie strahlt, wenn sie davon erzählt. Weiße Federn taumelten auf sie nieder, und zu später Stunde ließen die Gäste Luftballons mit Wunderkerzen für das Brautpaar in den Sternenhimmel steigen. "Es war wie im Märchen", sagt Johannes, "und Lena war meine Prinzessin."
"Eine Hochzeit ist die einzige Möglichkeit, sich als Paar zu feiern, und die sollte man auch nutzen", findet Sabine Mommer, 25. "Wenn ich könnte, würde ich jedes Jahr Hochzeit feiern wie Heidi Klum und Seal. Aber dann wäre es nichts Besonderes mehr."
Heiraten also als Quittung für ein Leben wider den Trend? Als Nachweis des Andersseins? Sabine hat den Informatikstudenten Olaf Mommer, 25, direkt nach ihrem Examen an der Uni Bonn geheiratet, wo sie Latein, Geschichte und Spanisch studiert hatte. Die beiden waren damals sechs Jahre zusammen. Die Vorbereitungen rund um die Hochzeit - von der Wahl des Raumes bis zur Tischdeko - halfen über die Prüfungsphase hinweg.
Da kann es zur Überlebensfrage werden, ob das Kleid aus blütenweißer Seide gewebt ist oder doch aus elfenbeinfarbenem Taft. Die Hochzeitstorte: drei- oder vierstöckig? Schöne Luxusprobleme sind das, verglichen mit Algorithmen oder aristotelischer Poetik.
Wenn Sabine ihren Lernstoff satt hatte, dachte sie daran, was auf sie wartete: der Lichtblick - die Hochzeit! "Als es endlich so weit war, musste ich schon auf dem Weg zum Altar weinen", erinnert sich Sabine, "die Streicher spielten den Pachelbel-Kanon, und ich musste mich konzentrieren, um nicht laut zu schluchzen."
Hochzeitsmessen, Hochzeitszeitschriften, Hochzeitsplaner - der amerikanische Hochzeitsirrsinn hat Deutschland überflutet, analog zur Halloween-Partytime und zum reizüberfrachteten Junggesellinnenabschied. Um den Traum in Weiß ist ein riesiger Markt entstanden. In manchen Foren von studiVZ werden mittlere fünfstellige Summen gehandelt, die angeblich aufgebracht werden müssen, um den "schönsten Tag im Leben" angemessen zu begehen. Einige heiratswillige Studenten nehmen hohe Kredite auf, um die Traumhochzeit zu verwirklichen.
Und was kommt danach? Wenn das große Fest vorbei ist und der Ehealltag beginnt? Keine Scheidungsstatistik konnte den Menschen bisher ihren Traum vom ewigen Glück zu zweit vereiteln. Bei der Literaturrecherche übergehen die heiratsseligen Studenten wahrscheinlich Bücher wie "Die Ehe - Seitensprung der Geschichte" der Anthropologin Marie-Luise Schwarz-Schilling. Sie könnten darin lesen, dass die selbstverordnete Monogamie per Trauschein nur ein Wimpernschlag in der Menschheitsgeschichte war; den weitaus größten Teil der Zeit seien Männer und Frauen ohne die Ehe ausgekommen. Warum aber, fragt die Autorin, halten sich feudale und romantische Verhaltensmuster so hartnäckig in postmodernen Köpfen?
Monika Baranowicz, 26, und Paul Meixner, 29, saßen zusammen in einer Vorlesung an der Universität Bonn, als der Dozent davon erzählte, dass viele Akademiker den Partner fürs Leben während des Studiums kennenlernen, Monika guckte Paul an. Paul guckte Monika an. Sie lächelten. Schon im ersten Semester bei der Einführungsveranstaltung war der Amerikanistikstudentin dieser Fachschaftsvorsitzende mit den Rastalocken aufgefallen. Monika ertappte sich dabei, wie sie zu jeder Fachschaftsveranstaltung lief, von der Erstsemester-Rallye bis zur Kneipentour. Vor Ende des Wintersemesters 2004 waren Monika und Paul ein Paar.
In den folgenden Semestern ertrugen sie gemeinsam Prüfungsstress und feierten Partys bis zum Morgengrauen. Die meiste Zeit verbrachten sie in Pauls kleinem Zimmer im Studentenwohnheim, dazwischen reisten sie für ein Jahr nach Neuseeland. "Die Uni und unsere Liebe sind eng miteinander verbunden", sagt Paul.
Dann kam der Tag der Absolventenfeier im Bonner Hofgarten, es war im Juli 2009. Im traditionellen Talar erhielten die beiden ihre Zeugnisse. Schöner konnte es eigentlich gar nicht mehr werden. Da zog Paul ein kleines Kästchen aus der Hosentasche und ging auf die Knie, vor seiner Monika.
Der Freiwilligen Zähmung
Von Rebecca Erken

UniSPIEGEL 6/2010
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