07.02.2011

Heillos überfüllt

Die Sportstudenten an der Frankfurter Goethe-Universität erleben schon heute, was in den nächsten Jahren auf die deutschen Unis zukommt: Die Zahl der Erstsemester steigt, der Etat wird zusammengestrichen.
Es ist eng in Hörsaal VI. Von den 600 Sitzplätzen ist fast jeder belegt, auch in den Gängen und an der Tür drängen sich Menschen. Es ist ein Zustand, an den sich die Sportstudenten der Frankfurter Goethe-Universität gewöhnen müssen, und deswegen sind sie wütend: "Das ist doch Irrsinn!", ruft einer in den Saal. "Wie sollen wir das verkraften?", fragt eine andere. "Denkt denn keiner an uns und die Kinder, die wir mal unterrichten sollen?"
Die Wut richtet sich gegen Robert Gugutzer, den Geschäftsführenden Direktor des Instituts für Sportwissenschaften; vor allem gegen die Daten, die er den Studenten präsentiert: Die Zahl der Erstsemester ist explodiert, statt zuletzt 169 haben sich in diesem Wintersemester 636 Lehramts- und Bachelorstudenten eingeschrieben. Zugleich muss das Institut 140 000 Euro einsparen.
Weniger Geld für mehr Studenten - was die Frankfurter schon heute erleben, wird in den nächsten Jahren auch auf die anderen deutschen Universitäten zukommen. 2009 machten die ersten G8-Jahrgänge das Abitur, zeitgleich mit den letzten G9-Absolventen. Es strömen in den kommenden Jahren deutlich mehr Erstsemester als üblich an die Unis. Und da es Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg gelungen ist, die Wehrpflicht vom nächsten Sommer an auszusetzen, erhöht sich die Zahl noch einmal.
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist alarmiert: "Wir schätzen aufgrund der aktuellen Daten, dass bei einer Wehrpflichtaussetzung 30 000 bis 40 000 zusätzliche Studienanfänger an die Hochschulen drängen", sagt die HRK-Präsidentin Margret Wintermantel. Die Hochschulen in Niedersachsen rechnen für die kommenden Jahre gar mit bis zu 45 Prozent mehr Studenten. Zwar wollten Bund und Länder im Rahmen des Hochschulpakts I zusätzliche Studienplätze schaffen, doch der Ansturm hat sie offensichtlich überrascht: Für die Jahre 2007 bis 2010 waren 91 000 zusätzliche Studienanfänger eingeplant, es wurden aber 156 000. "Länder und Bund müssen beide Hochschulpakte deutlich aufstocken", fordert Margret Wintermantel und nennt auch gleich konkrete Zahlen: Je eine Milliarde Euro müssten Bund und Länder nachschießen. Denn die finanzielle Lage der Hochschulen ist prekär; nach einer Umfrage der HRK bei den Landesrektorenkonferenzen bekommen die Unis immer weniger staatliche Mittel, trotz der höheren Studentenzahlen.
Wohin das führen kann, zeigt sich bei den Frankfurter Sportstudenten und ihrer Finanzlücke von 140 000 Euro. Neben den Milliarden, mit denen im Bildungssystem hantiert wird, wirkt die Summe verschwindend klein, ihr Fehlen hat aber große Wirkung: Das Geld wird vor allem beim Personal und damit in der Lehre abgezogen werden müssen. "Wir sind gezwungen, massiv an der Praxis zu sparen", sagt Robert Gugutzer. "Das kann dazu führen, dass wir verstärkt exemplarisches Lernen anbieten."
Was harmlos klingt, bedeutet eine drastische Aushöhlung der Praxiskurse: Die Studenten bekommen zu Semesterbeginn gezeigt, was sie am Ende können müssen - und trainieren dann allein, jeder für sich oder im Sportverein. Die verbleibenden Praxisveranstaltungen werden heillos überfüllt sein. "Dann findet ein Fußballkurs wohl statt mit 20 mit 60 Teilnehmern statt", befürchtet Gunar Knoth, 27, von der Fachschaft Sport.
Allerdings ist das Institut nicht ganz unschuldig an der desolaten Lage: Es hat zum neuen Semester die Aufnahmeprüfung abgeschafft. Erst dadurch kam es zum Erstsemester-Ansturm. "Wir waren unterbelegt", verteidigt sich der Direktor. "Das mussten wir tun." Und ohne die überraschend harten Sparzwänge, die das Präsidium seiner Fakultät auferlegt hat, wäre sie jetzt auch nicht in die Bredouille gekommen.
Die Verantwortung für die Kürzungen will freilich niemand übernehmen. Das wurde den Sportstudenten klar, als sie eine Senatssitzung stürmten. Sie knallten ihre Unterschriftenliste auf den Tagungstisch, und Fachschaftsmitglied Jonas Lazar, 26, präsentierte die Forderungen: Das Präsidium solle die Kürzungen überdenken, gefährdete Baumaßnahmen doch noch durchführen und die Zukunft des Sportstudiums garantieren.
"Vielen Dank, ich teile viele Ihrer Sorgen", sagte Präsident Werner Müller-Esterl mit der Routine des geschmeidigen Hochschuladministrators. "Aber das Land tut sich leider schwer, zu seinen Zusagen zu stehen." Man bemühe sich derweil, keinen Studiengang in seiner Substanz zu gefährden. "Genau das passiert aber im Sport!", rief ein Student. "Da kenne ich leider nicht alle Einzelheiten", antwortete Müller-Esterl. Das Präsidium jedenfalls sei der falsche Adressat für die Proteste: "Wenden Sie sich ans Land."
Das Land Hessen verlangt den Universitäten im Rahmen des Hochschulpakts II Einsparungen von 30 Millionen Euro jährlich ab; ungefähr ein Drittel davon muss die Goethe-Universität schultern. Aber selbstverständlich ist auch Hessen nicht schuld: Der Bund sei es, findet man in Wiesbaden, der habe die Schuldenbremse durchgesetzt, die Länder so zum Sparen gezwungen und mit der Hochschulfinanzierung allein gelassen. Der Bund wiederum verweist darauf, dass für Bildung nun einmal die Länder zuständig seien.
Es leiden die Studenten, es leidet die Lehre - aber alle Verantwortlichen ducken sich weg .
Auseinandersetzungen dieser Art gibt es auch anderswo: In Nordrhein-Westfalen etwa kämpfen die Uni-Rektoren gegen das Wahlversprechen der rot-grünen Regierung, die Studiengebühren von maximal 500 Euro pro Semester abzuschaffen. Zwar sieht der aktuelle Gesetzentwurf Ausgleichszahlungen vor. Aber die hessischen Rektoren haben ähnliche Versprechungen noch zu gut in Erinnerung, um ihnen zu vertrauen: Als sie sich das letzte Mal guten Willens zeigten, kam der Hochschulpakt II und mit ihm der Millionensparzwang.
Im Hörsaal VI sieht es so aus, als wären die Studenten mitsamt ihren Professoren bereit, ins Gefecht zu ziehen. "Damit unser Studium attraktiv bleibt, müssen wir gemeinsam etwas tun!", ruft ein Dozent, es folgt lauter Applaus. "Und Politik versteht meistens nur Straße!" Dann tritt Jonas Lazar nach vorn und kündigt die Gründung der Arbeitsgruppe "Sportstudium in Gefahr" an. Applaus. Aber als er nach Freiwilligen fragt, heben im Saal nur fünf Studenten die Hand.
Von Sebastian Weßling

UniSPIEGEL 1/2011
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