07.02.2011

Falscher Planet

Sie leben in ihrer eigenen Welt, andere Menschen sind ihnen ein Rätsel, ihre Intelligenz ist oft bemerkenswert - Thomas und Susanne, Florian und Sascha sind Autisten. Und doch bewältigen sie den Uni-Alltag.
Die Sache mit dem Salamibrot machte ihn stutzig. Drei Jahre ist es her, da saß Thomas(*), damals Student der Luft- und Raumfahrttechnik, vor dem Fernseher und schaute eine Wissenschaftssendung. Es ging um Autismus. Thomas dachte bis dahin, dass Autisten meist nicht sprechen können, dass sie völlig abgekapselt in ihrer eigenen Welt leben und manchmal fast übermenschliche Fähigkeiten entwickeln. Er dachte an "Rain Man", den Film mit Tom Cruise und Dustin Hoffman.
Doch jetzt sah Thomas eine junge, scheinbar völlig normale Studentin, die das Asperger-Syndrom hatte, eine leichte Form des Autismus. Noch mehr aber sah er sich selbst.
"Da stimmte schon vieles überein", erzählt der 26-Jährige heute. Zum Beispiel das mit dem Salamibrot. Seit Jahren frühstückt er, genau wie das Mädchen in dem Fernsehbeitrag, jeden Tag dasselbe: ein Glas Milch mit exakt drei Teelöffeln Kakaopulver, dann eine Schnitte mit Nutella und - eben ein Salamibrot. Immer dieselbe Marke, immer zwei Scheiben Wurst. "Wenn etwas nicht nach Plan läuft, dann setzt mich das erheblich unter Stress", sagt er. Im Gefrierfach seines Kühlschranks liegen zehn Packungen Schnittbrot.
Nachdem er Verdacht geschöpft hatte, dass mit ihm etwas nicht stimmt, ließ sich der Student an der Kölner Uni-Klinik untersuchen, zwei Tage dauerten die Tests. Er sollte beispielsweise an Gesichtern erkennen, ob jemand Angst hat oder erstaunt ist. Doch Mimik erwies sich als Geheimsprache, die alle anderen verstehen konnten, er nicht. Die Diagnose: Asperger-Syndrom. Unheilbar.
Knapp 70 Jahre ist es her, dass die Entwicklungsstörung entdeckt wurde. Heute schätzt man die Zahl der Autisten in Deutschland auf mindestens 80 000. Sie verarbeiten Wahrnehmungen und Informationen anders als Nichtbetroffene. Zum Beispiel den Anblick von Gesichtern: Forscher fanden heraus, dass dabei in ihrem Gehirn Areale aktiv sind, die eigentlich der Erkennung von Gegenständen dienen.
Die Ursachen der Störung liegen noch weitgehend im Dunkeln. Das liegt auch an ihren vielen verschiedenen Ausprägungen. So lernen manche Menschen, die schwer vom Kanner-Autismus betroffen sind, nie sprechen, sie bauen keine Beziehung zu anderen Menschen auf, manche bekommen Wutausbrüche, schreien wild, wollen von niemandem angefasst werden, verletzten sich selbst. Viele bleiben ihr Leben lang ein Pflegefall.
Andere dagegen, vor allem Asperger-Autisten wie Thomas, schaffen es, ein eigenständiges Leben zu führen, einige studieren, promovieren sogar. Sie müssen es jedoch ertragen, dass sie häufig für absonderliche Streber gehalten werden, die sich in der Uni oft allein in die erste Reihe setzen, nie auf Partys gehen und meist noch bei Mutti wohnen.
Als sie ein Kind war, galt Susanne Nieß als zurückgeblieben. Und bis heute kann sie nicht allein über die Straße gehen, nicht ihre Kleidung auswählen, nicht gut den Tisch decken. Sie sitzt an ihrem Wohnzimmertisch, hat braune Locken, zurzeit einen fiesen Schnupfen und für ihr Leben ein Ziel: Susanne Nieß, diese hilflos wirkende junge Frau, will bald Doktor Susanne Nieß sein.
Die Gesellschaft teilt Tätigkeiten in leicht und schwierig ein, erklärt Susan-ne. Rolltreppe fahren, Tisch decken, einen dicken Pulli anziehen, wenn es kalt ist: einfach. Finnisch lernen, Differentialrechnung, komplexe Zahlen: schwierig.
Für Susanne ist es genau andersherum. Bei einem Test löste sie schon als Grundschülerin Grammatikaufgaben für 18-Jährige. Mit 13 hängte sie ihre Mutter, eine promovierte Chemikerin, und ihren Vater, einen Physiker, in Mathe ab. Heute lernt sie neben Finnisch auch noch Hebräisch und promoviert in Graphentheorie an der TU München. Aber eine Rolltreppe flößt ihr immer noch Respekt ein.
"Ich habe Füße, Knie, Hüften und Ellenbogen", erklärt die Studentin. "Dazu kommen Schultern und der Kopf. Auf alle Körperteile gleichzeitig aufzupassen, nicht umzufallen oder anzuecken, das ist ziemlich schwierig." Susanne hat das Kanner-Syndrom, sie lernte erst spät sprechen.
Dass Susanne an der Uni ein Sonderfall sein würde, merkte sie schon bei der Einschreibung. Damals mussten die Studenten noch unterschreiben, dass keine rechtliche Betreuung bestellt ist, sie also nicht entmündigt sind. Bei ihr ist das aber der Fall. Susanne ärgerte sich. "Da war wohl die Maßgabe: Wer entmündigt ist, ist blöd oder bekloppt, und wer blöd oder bekloppt ist, hat an der Uni nichts zu suchen."
Ihr jüngerer Bruder sagte einmal, Susanne sei eine Außerirdische. Tatsächlich wird die Störung seiner Schwester manchmal auch "Oops-Wrong-Planet-Syndrom" genannt: Autisten fühlen sich oft, als seien sie irrtümlich auf einem Himmelskörper gelandet, dessen Regeln und Bewohner sie nicht verstehen. Sie müssen mühselig lernen, wie man mit wem spricht, wann man die Hand schüttelt, was höflich, was unhöflich ist. "Ich habe eine Datenbank mit Wortwechseln im Kopf", erzählt Susanne. Aber wenn ihr Doktorvater ihr auf dem Flur begegnet, schafft sie es oft dennoch nicht, ihn zu grüßen. "Bis ich in meiner Datenbank gegraben habe, ist er schon an mir vorbei."
Außerdem muss sie sich auf den Weg konzentrieren. Susanne hat starke Wahrnehmungsstörungen, deswegen trägt sie eine Sonnenbrille, die sie vor grellem Licht schützt. Nur einen kleinen Ausschnitt ihres Blickfelds sieht sie deutlich, kann keine Entfernungen abschätzen, sich nicht räumlich orientieren. Trotzdem verläuft sie sich selten, denn sie hat eine Orientierungsstrategie entwickelt, die auf rechten Winkeln basiert: Susanne zählt, um wie viele Ecken sie gehen muss, und wie viele Streckeneinheiten sie zurücklegt. Ihre Orientierung funktioniert wie ein Computerprogramm.
Doch selbst wenn ihr Doktorvater in ihr Büro kommen sollte, Susanne also Zeit hat, in ihrer Begrüßungsdatenbank zu kramen, heißt das nicht, dass sie immer die richtige Anrede findet. Denn Gesichter sagen ihr nichts. Die einzigen beiden Menschen, die sie zuverlässig in einer Menschenmenge erkennen kann, sind ihre Eltern. Ihren jüngeren Bruder erkennt sie bis heute nicht.
Susanne ist, wie viele Autisten, gesichtsblind. Sie baut sich Eselsbrücken, in der Uni begegnet sie schließlich nur einem begrenzten Kreis von Menschen, mittlerweile erkennt sie die Leute immer treffsicherer an ihrer Größe, der Frisur oder den Schuhen. Wenn das aber einmal nicht gelingt, dann gelte man schnell als unhöflich, sagt Susanne.
Sie sitzt hinter dem Wohnzimmertisch ihrer Münchner WG, den sie sich mit anderen Autisten teilt, putzt sich die Nase, knäuelt das Taschentuch zu einer Kugel zusammen, stets auf dieselbe Art, wischt sich dann mit der Kugel über die Schneidezähne. Dann wirft sie das Tuch in einen Abfalleimer. Dutzende akkurat geformte Papierkugeln liegen bereits darin.
Im kommenden Semester will Susanne zum ersten Mal an der Uni unterrichten. Man kann sich vorstellen, dass sie das gutmachen wird. Das Thema ihrer Doktorarbeit macht sie auch einem Nichtmathematiker verständlich, sie spricht in ganzen Sätzen, druckreif. Nur dass man andere nicht auf jeden Grammatikfehler hinweisen sollte, das vergisst sie gelegentlich.
Autisten gelten oft als Besserwisser, weil sie nicht merken, wenn sie Leute vor den Kopf stoßen. "Das Problem ist, dass die Menschen einem das nicht sagen", erklärt Sascha Dietsch. Sascha liebt Logik, alles, was nach einem Schema funktioniert. "Ich wusste schon im Kindergarten, dass ich Informatik studieren wollte. Computer geben immer eine klare Antwort." Damals hielten das viele für einen unrealistischen Wunsch - bis er 13 war, konnte er nicht einmal seine Schuhe zubinden. In einem Forschungszentrum wurde eine verminderte Intelligenz festgestellt, IQ: 78.
Heute studiert Sascha im ersten Semester an der TU Darmstadt sein Lieblingsfach, sein inzwischen in mehreren Fachkliniken ermittelter Intelligenzquotient ist überdurchschnittlich.
In den Vorlesungen sitzt er stets in der ersten Reihe, aber nie allein. Neben ihm sitzt ein Integrationshelfer, etwa eine studentische Hilfskraft oder ein Erzieher. Er hilft Sascha, aufmerksam zu bleiben. Denn das Gehirn eines Autisten hat keinen Filter, alle Sinneseindrücke prasseln ungebremst auf die Nerven ein. "Ein kleiner Fleck an der Wand kann mich total ablenken, genau wie Geräusche", er-klärt Sascha. Manchmal überwältigen ihn die Reize. Er geht dann auf die Toilette, seinen Zufluchtsort. Zwei Kommilitonen haben sich letztens beschwert, dass er während der Vorlesung so oft zum Klo geht. Sie wissen nicht, dass er keine Wahl hat.
Dass man ihm seine Störung nicht ansieht, ist für Sascha häufig ein Problem. Einem Menschen im Rollstuhl würde man nie sagen, dass er sich nicht so anstellen und endlich aufstehen soll. Eltern von Autisten müssen sich dagegen manchmal anhören, dass ihr ungezogenes Kind nur mal eine Tracht Prügel brauche.
Sascha hat, um Verständnis zu wecken, stets Infozettel über "Aspies" dabei, die er manchmal verteilt. "Aspie", so nennt er sich selbst, eine Kurzform für Menschen mit Asperger-Syndrom. "Ich bin sogar etwas stolz darauf, von mir gibt es eben nicht so viele", sagt er. "Normal" sei schließlich fast jeder. Autisten nennen Nichtautisten häufig "NT", das steht für "Neurotypische".
Damit er unter den NTs nicht gleich auffällt, hat Sascha eine Excel-Tabelle. Jedes seiner Kleidungsstücke besitzt eine Nummer. Im Computer kann er nachschauen, welchen Pulli er mit welcher Hose kombinieren kann. "Ich merke sonst nicht, wenn ich was Komisches anhabe."
Zehn Jahre Sozialtraining hat er hinter sich. Aber wie man sich in einer Gruppe verhält, ist für ihn immer noch kompliziert, einfach unlogisch. Und wie man ein Mädchen für sich begeistert, ein absolut unlösbares Rätsel. Dabei wünscht er sich eine feste Freundin. Sascha hofft, dass bald mal ein Flirtkurs für Aspies zustande kommt, damit ihm so etwas wie auf dem Abschlussball seiner Tanzschule nie wieder passiert. Damals konnte er gar nicht verstehen, warum seine Tanzpartnerin am Ende des Abends völlig entnervt war. Schließlich hatte er mit ihr getanzt, darum ging es doch. Es musste ihm erst jemand sagen, dass er auch mit dem Mädchen reden muss. Tanzen und sprechen gleichzeitig ist für ihn aber schwierig, und was soll er auch fragen? Seine Mutter hat ihm nun ein Standardrepertoire von Themen gegeben: Hobbys, Lieblingsmusik, letzter Kinobesuch.
Plaudern ist für Autisten Schwerstarbeit. "Die Wirtschaftskrise ist mir da sehr entgegengekommen", sagt Florian, 24, Student aus München. "Da konnte ich als Small-Talk-Thema auch mal über die Wirtschaft sprechen." Florian ist ein lebendiger, witziger Typ. Kaum jemand ahnt, dass er vom Asperger-Syndrom betroffen ist.
Er wird schon bald sein Studium abschließen, nicht mit einem einfachen Diplom - mit Diplomen, Plural. Mehrfach ist bei ihm eine Hochbegabung festgestellt worden, aber er traut diesen Tests nicht. "Ich finde die Uni einfach leicht." Florian studiert BWL und VWL, einmal an der FH, einmal an der Uni. Während die anderen mit dicken Ordnern in den Hörsaal kommen und fleißig mitschreiben, sitzt er einfach da und hört zu.
Er sei ziemlich faul, sagt er, für Prüfungen lerne er fast nie. Trotzdem hat er zwei Semester übersprungen. Florian kann sich einfach alles merken. Während andere Autisten gar niemanden erkennen können, scannt er gleich alle Leute, sobald er den Hörsaal betritt. Dabei merkt er sich - das ist dann wieder typisch autistisch - nicht das ganze Gesicht, sondern markante Details, die Position eines Muttermals, eine Falte, eine kleine Narbe. Er blickt auf die Armbanduhr, die Schuhe. "Wenn ich in die S-Bahn steige, weiß ich sofort, den da vorn habe ich vor drei Monaten bei Rossmann an der Kasse gesehen."
Vor seinem Studium machte Florian eine Ausbildung in seinem Heimatdorf bei der Kreissparkasse. Noch heute weiß er die Kontodaten von den Leuten, die er beim Bäcker trifft, wie viel Geld sie hatten, welchen Bausparvertrag. Im Verkaufen war er dagegen eine Niete. Ein Wesenszug vieler Autisten: bedingungslose Ehrlichkeit.
"Wenn jemand sagen würde, ich heile dich jetzt von deinem Autismus, das würde ich nicht wollen", sagt er. Wie er dann wohl wäre? Cool, sportlich, ein Partygänger, wie seine Brüder? Das kann er sich nicht vorstellen. "Ich war vielleicht fünfmal in meinem Leben in einer Disco. Diese laute Musik, furchtbar."
Nicht allen Autisten geht das so. Thomas, der Mann mit dem Salamibrot, sieht das anders. Wenn schon, dann soll die Musik richtig laut sein, sagt er. "Dann muss ich wenigstens mit niemandem reden."
(*) Nur "Thomas" wollte, dass sein richtiger Name nicht erscheint. Florian bat darum, seinen Nachnamen aus dem Spiel zu lassen.
Von Nicole Basel

UniSPIEGEL 1/2011
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