11.04.2011

Baden bei minus 30 Grad

Von Bidder, Benjamin

Die einst für Ausländer verbotene Akademikerstadt Tomsk pflegt ihr deutsches Erbe. Auch deshalb bestreitet sie Teil XX der Serie über Europas Uni-Perlen, obwohl der quirlige Studienort jenseits des Urals liegt: in Sibirien.

Der bildungsbeflissene Finanzminister wollte lieber eine Universität gründen als ein Schlachtschiff bauen. Graf Sergej Witte, Nachfahre deutscher Ritter aus dem Baltikum, strich 1896 eigenmächtig die Militärausgaben des Zaren zusammen, indem er die Zuwendungen für das Panzerschiff einsparte und das Geld stattdessen nach Sibirien überwies. So begann die Geschichte der inzwischen ruhmreichen Polytechnischen Universität in Tomsk (TPU).

Wittes Investition hat sich gelohnt: 22 000 Nachwuchsakademiker studieren heute an der TPU. Russlands Präsident Dmitrij Medwedew, der wie einst Graf Witte eine Modernisierung des Riesenreichs fordert, erhob die TPU in den Rang einer nationalen Elite-Universität. 45 Millionen Euro will der Kreml in den kommenden Jahren zusätzlich in ihre Entwicklung pumpen.

"Die Ausstattung ist zum Teil besser als bei uns in Deutschland", schwärmt Stefan Garrandt, 23, der als Student des Fachs Europastudien an der TU Chemnitz nach Tomsk gekommen ist. Mancher Hörsaal im ehrwürdigen Hauptgebäude verfügt nicht nur über einen Beamer, sondern, echter Luxus, über Computerarbeitsplätze an jedem Sitzplatz. Und auch bei den Studienreformen ist Tomsk ganz vorn mit dabei. Die Universität setzt als eine der ersten Hochschulen Russlands die Vorgaben des Bologna-Prozesses mit den neuen Studienabschlüssen Bachelor und Master um. Zehn Prozent der Vorlesungen und Seminare werden bereits auf Englisch gehalten, Tendenz steigend.

Davon profitieren zurzeit nur wenige Deutsche. Zwar sind Studenten aus 30 Ländern in Tomsk eingeschrieben. Auf den langen Korridoren des Haupttrakts aber gelten Westeuropäer, anders als ihre Kommilitonen aus China oder der nahen Mongolei, noch immer als Exoten. Das hat geografische Gründe: Tomsk liegt 3300 Kilometer von der Ostgrenze der Europäischen Union entfernt.

Der nächste Flughafen ist Nowosibirsk, 300 Straßenkilometer sind es bis dahin. Dort sammelt ein Universitätsshuttle die Neuankömmlinge ein. Vor einem Jahr allerdings gestaltete sich die Abholung schwierig: Eis und Schnee auf den Straßen, minus 45 Grad. Da staffierten Universitätsmitarbeiter die Gaststudenten kurzerhand mit Pelzmütze und wärmenden Walenki aus, russischen Filzstiefeln, die der trockenen Kälte Sibiriens trotzen.

Wer das Wagnis auf sich nimmt, den belohnt der Charme einer quirligen Studentenstadt. 100 000 Studierende an sechs Universitäten und Dutzende Institute verleihen Tomsk akademischen Glanz und eine lebendige Kulturszene. Nirgendwo in Russland gibt es anteilsmäßig mehr Studenten als in der eine halbe Million Einwohner zählenden Stadt.

Während des Kalten Krieges war Tomsk als Zentrum der Atom- und Rüstungsindustrie eine "geschlossene Stadt". Zutritt strengstens verboten, besonders für Ausländer. Jetzt gerät die jahrzehntelange Abschottung in Vergessenheit.

Heute begrüßen russische Professoren ihre deutschen Zuhörer schon mal per Handschlag, "aus Dankbarkeit für unser Interesse", sagt Martin Eckart, 22, Student der Islamwissenschaft aus Bamberg. "Die Betreuung ist blendend." Fünf deutsche Hochschulen haben bereits Doppeldiplomabkommen mit der TPU geschlossen, gemeinsam mit der TU Berlin etwa bietet Tomsk einen Master-Studiengang "Physikalische Ingenieurwissenschaft" an.

Der Mann, der dafür sorgen soll, dass bald noch mehr deutsche Studenten ihren Weg nach Sibirien finden, heißt Alexander Fritzler, er ist Leiter des Russisch-Deutschen Zentrums. Fritzler organisiert das alljährliche Willkommensseminar für die Gaststudenten aus Deutschland. Neben intensivem Russisch-Pauken stehen auch "Studien der Landeskunde" auf dem Programm, darunter ein Besuch der Banja, eines traditionellen russischen Schwitzbades, Angelausflüge und Abende am Lagerfeuer. "Es ist kein Zufall, dass wir uns vor allem Richtung Deutschland öffnen. Die Verbindungen sind historisch bedingt sehr eng", sagt Fritzler, selber Sohn russlanddeutscher Eltern, einer von rund 10 000 Deutschstämmigen in Tomsk. Deutsche Architekten haben die Prachtgebäude der TPU errichtet, deutsche Gelehrte prägten lange das akademische Leben. Noch heute wird die Tomsker Staatsuniversität, die zweite große Hochschule vor Ort, von einem Rektor mit dem in Russland sonst eher seltenen Nachnamen Mayer geleitet. Und das beste Bier der Stadt heißt Krüger Premium Pils.

Seit der kleinen Rebellion des Grafen Witte gegen die Rüstungspläne des Zaren pflegt Tomsk seinen Hang zur intellektuellen Renitenz. Statt Geistesgrößen zu huldigen, setzen Tomsker Bildhauer lieber den Fans des Fußballerstligisten Tom Tomsk ein Denkmal, es gibt auch die Statue eines volltrunkenen Wolfs und die Abbilder eines ertappten Liebhabers in Unterhosen sowie eines Paars Pantoffeln.

Der russische Schriftsteller Anton Tschechow lästerte einst über die "besoffene Stadt" und deren "asiatische Gesetzlosigkeit". Tomsk rächte sich mit einem spöttischen Standbild. Es zeigt den gestrengen "Anton Pawlowitsch mit den Augen eines Betrunkenen, der in einem Graben liegt".

An die Sowjetzeit erinnern noch einige Relikte im Curriculum. So bietet die TPU eine Ausbildung zum "Urangeologen" an, zumindest in Deutschland ein Berufsziel mit überschaubaren Einsatzorten. Geblieben ist auch die Bürokratie sowjetischer Prägung: Wer als Gaststudent über Weihnachten nach Hause fliegen will, muss sich bei Bibliothek, Wohnheim und Uni-Verwaltung abmelden. Wer zurückkehrt, braucht eine Registrierung und muss sein Flugticket vorweisen.

Der Papierkram hat Daniel Niedermaier nicht geschreckt. Der 24-jährige Student des Wirtschaftsingenieurwesens aus Karlsruhe durchquerte 56 Stunden lang die eurasische Landmasse in der Transsibirischen Eisenbahn bis zu seinem Studienort. Inzwischen ist er 18 000 Kilometer mit dem legendären Zug gereist, er war in Wladiwostok am Japanischen Meer und am Baikalsee, dem "Heiligen Meer" Sibiriens. Russische Freunde nehmen ihn mit auf ihre Touren: Mal geht es zum Skifahren ins nahe Gebirge, mal zum Eisbaden bei minus 30 Grad. "Ich habe meine Entscheidung für Tomsk nie bereut", sagt Niedermaier. Im Gegenteil, er bleibt sogar länger als geplant. Nach dem Ende seines Auslandssemesters absolviert er dort ein Praktikum.

Noch klappt bei der Rückkehr nach Deutschland die Anerkennung der Studienleistungen nicht unbedingt reibungslos - für Verwirrung sorgt etwa der Hang des russischen Lehrkörpers zu spontanen Änderungen des Curriculums. "Wir gehen hier mit dem Risiko rein, dass wir für unser Studium länger brauchen werden", sagt Stephanie Leichsenring, 20, eine Kommilitonin von Niedermaier und Garrandt an der TU Chemnitz. Das sei Tomsk aber wert. "Der Auslandsaufenthalt", sagt Leichsenring, "ist für uns allemal wichtiger als die Regelstudienzeit."

Tomsk

Auf einen Blick

Polytechnische Universität (TPU)

Adresse: Zentrum für internationale Bildungsprogramme 634050 Tomsk, Russland Lenin-Prospekt 30, Office 328 Tel.: +7 3822 563236 Fax.: +7 3822 564651 E-Mail: cam@tpu.ru www.ciap.tpu.ru

Fachbereiche: Geisteswissenschaften, Wirtschaftswissenschaften, Mathematik, Maschinenbau, Angewandte Physik, Elektroingenieurwesen, Geologie und Geophysik, Chemie und Chemie-Ingenieurwesen, Kybernetik

Studenten: 22 000, davon 20 Deutsche

Lebenshaltungskosten: Tomsk ist günstiger als Westeuropa. Eine Busfahrt kostet 25 Cent, ein Bier im Brauhaus Krüger 1,80 Euro. Russische Wohnheime nehmen 35 Euro pro Monat, das westlich ausgestattete Wohnheim für ausländische Studenten der TPU kostet 220 Euro.

Stadt: 500 000 Einwohner Tomsk liegt ideal für mehrtägige Ausflüge mit der Transsibirischen Eisenbahn, etwa zum Baikalsee, dem tiefsten und wasserreichsten Binnengewässer der Welt. Flugverbindungen von Tomsk nach Moskau, Direktflüge aus Deutschland ins 300 Kilometer entfernte Nowosibirsk.



UniSPIEGEL 2/2011
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