11.04.2011

„Endlich Schwarzwurzeln“

Eine Wohngemeinschaft ist an sich eine gute Idee, sie spart Geld und spendet Gesellschaft. Wenn nur die Nervensägen in den Nachbarzimmern nicht wären. Eine Typologie von elf potentiellen WG-Genossen.
1. Der Schmarotzer
Seine größte sportliche Anstrengung besteht darin, im Flokatiteppich neben seinem Bett nach verlorengegangenen Haschischkrümeln zu graben. Wenn du dir was kochst, schlurft er in die Küche, probiert mit dem Kochlöffel die Nudelsauce, wobei ein Teil der Sauce wieder zurück in den Topf tropft, und murmelt "mmmmmh". Klar, dass er gleich mit am Tisch sitzt und zulangt. Du wunderst dich immer, warum dein 400-Gramm-Kanten Gouda nach und nach auf ein Viertel seiner ursprünglichen Größe zusammenschrumpft, ohne dass du ihn jemals angerührt hättest.
Typisches (und einziges) Produkt im Kühlschrank: eine leere Margarineschachtel
2. Die Wehleidige
Wenn sie nicht gerade mit roter Nase in eine Decke gehüllt die Fernsehcouch belagert, liegt sie stundenlang mit einem Fichtennadel-Badezusatz in der Wanne und kuriert eine Erkältung aus. Wenn du abends Kommilitonen einlädst, erscheint nach zehn Minuten ein blasses Gesicht in der Tür und bittet darum, wegen ihrer Migräne ein "kleines bisschen leiser" zu sein. Fliehen hilft nicht: Sobald die Wehleidige merkt, dass sich jemand die Schuhe anzieht, schnellt sie aus ihrem Zimmer und fragt, ob du ihr noch einen Zwölferpack Taschentücher mitbringen könntest.
Im Kühlschrank: Kühlbrille wegen der Gräserallergie
3. Der Kommunarde
Sein Haus ist offen für alle Erdenbürger. Wenn du abends nach Hause kommst, kannst du gerade noch verhindern, dass zwei chinesische Austauschstudenten ein offenes Feuer im Badezimmer entfachen, um authentische Bedingungen für die Zubereitung eines mongolischen "hot pot" zu schaffen. Wenn du mal für ein paar Tage weg bist, lässt der Kommunarde Fremde in deinem Bett schlafen, natürlich ohne vorher zu fragen oder danach das Bett neu zu beziehen. Das Geschirr reinigt er im Stile von Rainer Langhans, also lediglich durch sorgfältiges Ablecken.
Typisches Produkt im Kühlschrank: die in Tupperdosen gelagerten Reste des "hot pot"
4. Die Esoterikerin
Nachdem das dritte Mal der Abfluss in der Dusche verstopft ist und du, von Würgereizen geschüttelt, dicke hennagefärbte Haarbüschel aus der Kanalisation fischst, suchst du das Gespräch. Doch die Esoterikerin liegt in ihrem ockerfarbenen Schwammtechnik-Zimmer auf ihrem Futon und versteht nicht, warum man über so einen Scheiß diskutiert, während in Afghanistan und in anderen Teilen der Welt Menschen sterben. Schließlich lenkt sie aber doch ein und bietet dir zur Entschädigung eine Reiki-Anwendung an. Lediglich freitags erwacht die Esoterikerin aus ihrer Lethargie, wenn die Abokiste des regionalen Ökobauernhofs geliefert wird und der Jauchzer "Endlich Schwarzwurzeln!" bis in dein Zimmer dringt.
Im Kühlschrank: Nichts - alles wird bei Zimmertemperatur aufbewahrt.
5. Der Kühlschranknazi
Weil deine Freundin ab und zu bei dir übernachtet, möchte sie, dass diese sich an den Nebenkosten beteiligt, und fertigt dafür Excel-Tabellen an. Sie findet, dass du zu lange duschst, sie selbst duscht in der Turnhalle beim Unisport, um Wasserkosten zu sparen. Deine Fächer im Kühlschrank unterzieht sie regelmäßig einer Inventur und klebt mahnende Post-its mit Informationen wie "Gestern wieder zwei verschimmelte Mandarinen bei dir gefunden :-(" an die Tür.
Typisches Produkt im Kühlschrank: sämtliche Produkte der Supermarkt-Eigenmarken. Mehr als 19 Cent muss ein Joghurt nämlich nicht kosten.
6. Der General
Eigentlich wollte er ja bei seiner schlagenden Verbindung einziehen, aber die Zimmer bei der "Franconia" waren leider schon belegt. Der General studiert Jura und trägt eine Barbour-Jacke. In der Gemeinschaftsküche veranstaltet er Saufabende mit seinen Jungs, bei denen zu Stammtischgesprächen ("Wer in unserm Land wirklich Arbeit sucht, der findet auch eine ...") literweise Schnaps getrunken wird. Läufst du als Mitbewohnerin im Schlafanzug vorbei, kann es passieren, dass du einen kräftigen Schlag auf den Hintern bekommst.
Typisches Produkt im Kühlschrank: eingeschweißte Dauerwurst
7. Die Casterin
Du hättest schon misstrauisch werden sollen, als beim WG-Casting alle Bewerber einen goldenen Bilderrahmen halten mussten und ein lustiges Polaroid gemacht wurde. Sie ist das Oberhaupt der WG und besteht darauf, dass alle total super miteinander auskommen. Regelmäßig tagt der WG-Rat, dessen Atmosphäre die Stimmung im Gerichtssaal beim Kachelmann-Prozess fast karnevalesk erscheinen lässt. Wenn du den dritten gemeinsamen Kochabend hintereinander verhindert bist, wird die Casterin in der nächsten Sitzung des WG-Rats zu einem Misstrauensvotum gegen dich aufrufen.
Typisches Produkt im Kühlschrank: einige Flaschen Jules Mumm - damit für die Mädels immer was da ist
8. Der Snob
Die 150-Quadratmeter-Wohnung gehört seinem Vater. Damit sie nicht so leer ist, hält er sich ein paar Untermieter, residiert dabei natürlich selbst im größten Zimmer. In der Küche steht eine vergoldete Gaggia-Espressomaschine, deinen Apfelessig sortiert er regelmäßig zum Zubehör für die Putzfrau. Deine Weinvorräte verzeichnen immer dann Schwund, wenn der Snob "Kochwein" fürs Risotto brauchte. Wenn du mit zwei Aldi-Tüten in der Hand die Küchentür aufstößt, lächelt er ein bisschen angeekelt.
Typisches Produkt im Kühlschrank: mindestens vier Flaschen Louis Roederer, Jahrgangsware natürlich
9. Der Humorist
Seitdem er eingezogen ist, hat sich einiges verändert: Im Bad gibt es nun eine Plexiglas-Klobrille mit Stacheldrahtmuster, in der Küche hat er einen kleinen Basketballkorb über dem Mülleimer angebracht. Der Humorist ist ein eher angenehmer Mitbewohner: Er ist nie böse und organisiert akribisch vierteljährliche Motto-Partys, auf denen er auch noch den Alleinunterhalter spielt. Er wird lediglich dann ein bisschen nervig, wenn er das dritte Mal mit seinem Laptop in dein Zimmer kommt, um dir ein superwitziges YouTube-Video zu zeigen.
Im Kühlschrank: ein Partyrest Chili con Carne
10. Die Landpomeranze in der Stadt
Die Landpomeranze hat sich jahrelang auf die Großstadt gefreut. Wie passend, dass Mama und Papa dort auch eine Eigentumswohnung gekauft haben. Deren Wände schmückt sie mit Fotocollagen ihrer Mädels von zu Hause und ist so gut wie nie da - sie kennt alle Clubs der Stadt und organisiert WG-Ausflüge zu Ausstellungen New Yorker Off-Künstler. Sogar sonntags hat man seine Ruhe, denn den "Tatort" guckt sie natürlich beim Public Viewing in der Bar. Ehrensache, dass man bei so viel Freiraum gern jedes zweite Wochenende auf die Wohnzimmercouch zieht, wenn ihre Eltern zu Besuch sind.
Im Kühlschrank: Wurstspezialitäten aus der fränkischen Heimat
11. Der Womanizer
Mehrmals wöchentlich kommt er mitten in der Nacht mit einer Begleiterin besoffen in den Flur gestolpert. Leider sind diese Mädchen dann auch die, die morgens in der Küche sitzen, deine Zigaretten aufrauchen und Liebeskummer haben. Seine Pascha-Allüren lebt der Womanizer auch bei seinen Mitbewohnern aus - die Zutaten für seine morgendlichen Rühreier hat er noch nie selbst gekauft. Da du seit Monaten nicht mehr schläfst, weil Sexgeräusche aus dem Nebenzimmer dringen oder kichernde Mädchen in dein Zimmer torkeln, weil sie es mit dem Bad verwechseln, hast du schon nach kurzer Zeit kein Verständnis mehr für die leckenden Spaßkondome im Badmülleimer.
Im Kühlschrank: eine Flasche Faber-Sekt
LISA SEELIG, ELENA SENFT
Von Lisa Seelig und Elena Senft

UniSPIEGEL 2/2011
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