11.04.2011

„Unsere Träume werden wahr“

Eine Fahrt auf dem Motorrad, gemeinsam kochen mit einem Mann: Zuerst ist es der Alltag, der Ägypten für Christina zum Abenteuer macht. Doch dann beginnt die Revolution. Tagebuch einer deutschen Studentin in Kairo.
Samstag, 18. September 2010
"Haben die Häuser da auch Giebel?", fragt meine Oma. Wir sitzen zusammen, meine Großeltern, meine Eltern und ich, bei Kaffee und Kuchen im Haus meiner Eltern in Buch am Forst, Franken. Ich erkläre ihr, dass es fast nur Hochhäuser gibt in Kairo, dass das nicht anders geht bei 20 Millionen Menschen in einer Stadt - dort wohnen auf einem Quadratkilometer zehnmal so viele Menschen wie in Berlin.
Dienstag, 21. September
Toby, mein neuer Mitbewohner, ein 20-jähriger Engländer, holt mich vom Flughafen ab. Wir fahren in einem schwarzen Taxi durch leere Straßen. Als er uns vor dem Haus absetzt, ruft der Fahrer: "Aib alek! Schande über dich!" Er ist unzufrieden mit seinem Lohn. Toby winkt ab. "Wenn er nicht schimpfen würde, hätte ich wahrscheinlich zu viel bezahlt", sagt er und trägt meine Koffer in das Haus. Es hat nur zwei Stockwerke - meine Oma wäre zufrieden -, aber keinen Giebel.
Donnerstag, 30. September
Ich bin nervös. Mohammed und ich, wir wollen deutsches Essen kochen. Zwetschgenknödel. Mohammed ist 23, Pressefotograf und der erste Ägypter, der mich zu Hause besucht. Ich habe Bammel. Ein Bekannter von Toby hatte es immer wieder abgelehnt, uns zu besuchen, weil es "gegen die Tradition" sei, dass ein Junge und ein Mädchen unverheiratet zusammen wohnen. Mohammed hat ein Päckchen mit Süßigkeiten mitgebracht. "Ich dachte, wir wollten zusammen kochen, da sollst du mir nichts schenken", sage ich. Er schaut sich um: "Du hast noch nicht angefangen?" Ich muss lachen. Dann drücke ich ihm die Zwetschgen in die Hand. "Kannst du sie waschen und entkernen?" - "Wie geht das? Weißt du, das ist mein erstes Mal in der Küche."
Freitag, 1. Oktober
Die Autotür vor uns springt auf. Jetzt ist es vorbei, schießt es mir durch den Kopf. Omer bremst nicht, weicht stattdessen aus, rechts vorbei, kurz streift mein Fuß den Gehsteig. Eigentlich wollte mich mein Kommilitone nur schnell auf seinem Motorrad nach Hause bringen, entschied sich dann aber für einen Umweg - durch ganz Kairo. Wir winden uns am Stau vorbei, dann fegen wir auf der Brücke des 6. Oktober über den Nil. Die Partyboote blinken, aus den Lautsprechern dröhnt arabische Musik. Neben uns feiert eine Familie in drei Autos eine Hochzeit. Sie feuern durchs Beifahrerfenster Raketen ab. "Sogar das Straßenüberqueren ist ein Abenteuer hier", hat Omer vorhin noch gesagt. Jetzt singen wir "Highway to Hell".
Donnerstag, 4. November
Ich sitze mit Mohammed in der Metro. Mohammed schüttelt den Kopf. "Was ist?", frage ich. "Alle im Waggon starren dich an", sagt er. Er erzählt, dass seine Mutter früher, als sie in unserem Alter war, ohne Kopftuch herumgelaufen sei. "In den siebziger und achtziger Jahren sind viele Ägypter nach Saudi-Arabien gegangen, weil es hier keine Jobs für sie gab", erklärt er. "Als sie zurückkamen, brachten sie auch die konservativen Ansichten von dort hierher." Heute trage seine Mutter ein Kopftuch. Ich nicke. Zum Abschied geben wir uns die Hand, statt uns zu umarmen - irgendwie unsicher, trotz aller gemeinsamen Werte.
Dienstag, 16. November
Ich sitze am Strand von Dahab, einer Touristenstadt am Roten Meer. Ein Ort, an dem man schnorcheln und in Shorts über die Promenade schlendern kann. Ein Ort wie eine Seifenblase. Aber ich bin in Gedanken woanders. Mohammed, der Fotograf, Mohammed, mein bester Freund in Kairo, ist gestern gestorben. Er saß mit seinen Freunden in einem Café auf der Straße, hinter ihm eine Filiale der ägyptischen Zentralbank. "Dann ist Schutt vom Dach gestürzt", hatte der Cousin am Telefon gesagt, "ein Ziegelstein hat ihn am Kopf getroffen." Später telefoniere ich mit Omer. "Warum können die Ägypter ihre Baustellen nicht richtig absichern? Warum musste Mohammed dort sitzen?", weine ich ins Telefon. Er sagt: "Glaub mir, Mohammed ist jetzt an einem besseren Ort. Allah jarhamo. Gott segne seine Seele."
Sonntag, 28. November
Ich möchte in ein Wahllokal, mir die Parlamentswahlen ansehen. Ich kann aber nicht. Mein linkes Auge ist entzündet, ich sehe alles verschwommen. Vielleicht eine Allergie, sagt der Arzt. Oder einfach nur der viele Staub in der Luft. Ich ärgere mich, dass ich zu Hause rumsitze. Und noch mehr ärgere ich mich, als ich später Handyvideos auf YouTube finde. Sie zeigen, wie Ägypter mit Rammböcken ein Wahlbüro stürmen und den Inhalt der Urnen auf den Boden kippen. Die Muslimbrüder und Oppositionsparteien werfen Mubarak Wahlfälschung vor, überall im Land gibt es kleinere Demonstrationen - doch die Polizei schlägt alle nieder, mit Verhaftungen und Tränengas.
Freitag, 10. Dezember
"Ich finde, Menschen sollten nicht über den Tod anderer entscheiden", sage ich in das Mikrofon. Wir, 30 Studenten an der Uni Kairo, diskutieren über das Für und Wider der Todesstrafe. Ein hagerer Junge kommt nach vorn, er ist für die Todesstrafe. "Christina, ich habe einen Vorschlag: Wenn man die Verbrecher tötet, aber hinterher ihre Organe entnimmt und spendet, könnte man doch todgeweihten Menschen das Leben zurückgeben." Ich muss lachen, aber dann merke ich, dass die Befürworter der Todesstrafe anfangen zu applaudieren. Ein Mädchen tritt nach vorn: "Ich habe die Lösung: Wenn jemand Organe spendet, dann wird er nicht zum Tode verurteilt. Und je mehr er gibt, desto besser werden die Lebensumstände bei seiner lebenslangen Haft." Wir stimmen ab. Eine Mehrheit ist für den Organspende-Vorschlag. Ich bin fassungslos: So denken sie also auch, meine Altersgenossen.
Samstag, 25. Dezember
Hisham und ich sitzen in einem Café in Samalik, einem reicheren Viertel der Stadt. Hisham kichert viel, für ihn ist unser Treffen wohl ein Date. Ich frage Hisham, wie ihm seine Arbeit gefällt. Er sagt, er sei eher aus Zufall beim Militär gelandet. "Ich war nicht besonders gut in meinem Ingenieurstudium, und beim Militär hat man mir versprochen, dass ich studieren kann, ohne mich hinterher zu verpflichten. Aber das war eine Lüge."
Dann fragt er: "Sag mal, magst du Hitler? Ich liebe Hitler!" Schon häufiger, wenn ich einem Taxifahrer erzählt habe, dass ich Deutsche bin, hatte er gesagt: "Deutsche? Das ist ja super. Hitler, der war super." Aber von einem Mann, der studiert hat, hätte ich das nicht erwartet. Ich sage nein, sage, dass ich bestimmt keinen Massenmörder gut finde. Hisham erwidert, dass man doch aus der Historie wisse, dass Juden Lügner seien. Es gebe dazu schon Geschichten aus der Zeit Mohammeds. "Willst du damit sagen, dass Juden geborene Lügner sind?", frage ich. "Ja, das ist das, was ich weiß." Ich zahle, will gehen, allein. "Wieso? Was hab ich falsch gemacht? Ich verstehe gar nichts mehr", sagt er. Er hat Tränen in den Augen. "Darf ich dich wenigstens nach Hause bringen?"
Dienstag, 25. Januar 2011
"Seien Sie unbesorgt. Ägypten ist kein Land des Aufstands, Sie sind hier sicher", hatte uns der deutsche Botschafter gesagt, als wir mit der DAAD-Gruppe bei ihm saßen und ägyptischen Schwarztee tranken. Jetzt läuft Rami, der aus Bayern stammt, aber ägyptische Wurzeln hat, mit mir in Richtung Tahrir, dem Platz der Befreiung. Einzelne Gruppen skandieren: "Allahu akbar", "Gott ist groß", und "Stürzt Mubarak, stürzt das Regime!"
Noch sind es nicht viele, die da protestieren, aber meine ägyptischen Freunde sind euphorisch, auf Facebook posten sie Videos und Nachrichten im Minutentakt. Ich telefoniere mit Roger, einem jungen ägyptischen Fotografen, den ich durch Mohammed kennengelernt habe. "Christina, noch nie waren so viele Ägypter auf der Straße! Revolution liegt in der Luft. Heute ist ein historischer Tag."
Freitag, 28. Januar
Rami und ich kommen nicht weiter auf dem Weg zum Tahrir-Platz. Wir haben uns zufällig in Samalik getroffen, das Internet war abgeschaltet, das Handynetz lahmgelegt - und wir wollten beide sehen, was passiert. Jetzt strömen von allen Seiten Demonstranten herbei, Frauen und Kinder sind auch dabei, ich staune, wie viele es sind. Ein Trupp Demonstranten rennt in unsere Richtung, dahinter Polizisten. Mein Herz rast, plötzlich renne auch ich. Dann ein Schuss, Scheibenklirren, Schreie. "Was war das eben?", frage ich Rami, als wir am Ende der Straße angekommen sind. "Gummigeschosse", sagt er, "die anderen neben mir wurden getroffen, die haben Platzwunden im Gesicht." Es wird dunkel, als wir aus dem Pulk herauskommen. Wir laufen an Jannis' Wohnung vorbei, er steht auf seinem Balkon im vierten Stock. "Kommt schnell hoch, das Nilufer brennt!", ruft er.
Dienstag, 2. Februar
Ich bin zu Hause, in Buch am Forst, und war doch noch nie so fremd. Heute Nacht bin ich angekommen, in einer Sondermaschine, organisiert von der Botschaft. Die Tage zuvor hatte ich mit 30 anderen Deutschen im DAAD-Gebäude verbracht, dort, wo wir kurz zuvor noch Unterricht gehabt hatten, schliefen wir auf dem Boden. Einmal mussten wir in den Keller flüchten, weil um unser Gebäude herum geschossen wurde. Dann sagte man uns, wir sollten besser ausreisen.
Vor meinem Fenster liegt Schnee; in Kairo treiben die Mubarak-Anhänger Kamele durch die Straßen. Den ganzen Tag schon sitze ich vorm Computer und verfolge auf al-Dschasira die Nachrichten. Ich habe Angst. Ich muss an Omer denken, den Freund mit dem Motorrad, an Roger, den Fotografen, und Abdelrahman, meinen Arabischlehrer. Sie alle wollten heute demonstrieren gehen.
Freitag, 11. Februar
"Ich kann es immer noch nicht glauben", sagt Hendrik und trinkt einen Schluck Bier. Hendrik ist mein neuer Mitbewohner in Freiburg und hat vor einem Jahr in Kairo gewohnt. Wir verfolgen, was unsere Freunde auf Facebook schreiben. "Kommt her und feiert mit uns", sagen sie, "Ägypten ist frei. Endlich werden unsere Träume wahr."
Wir überlegen, ob es wirklich so einfach ist, mit einem freien Ägypten. Ob 83 Millionen Menschen tatsächlich über Nacht Demokratie lernen können. "Die werden schon ihren Weg finden", sage ich. Am selben Abend noch buche ich einen Flug für April. Drei Wochen Urlaub in meinem neuen, alten Ägypten.
Dienstag, 22. März
Immer wieder ploppt mein Facebook-Fenster auf. Fünf Freunde aus Ägypten haben mir allein in der vergangenen Stunde geschrieben. Sie möchten wissen, wann ich zurückkomme. Ich möchte wissen, wie die Abstimmung am Wochenende gelaufen ist, die erste demokratische Abstimmung! Nada, eine Freundin, die ich in einer Studentenorganisation kennengelernt habe, ist frustriert. Sie war, wie so viele der jungen Ägypter, dafür, gleich eine ganz neue Verfassung auszuarbeiten, aber 77 Prozent der Wähler entschieden sich für eine moderate Änderung der alten Verfassung. Im September soll es Parlamentswahlen geben. Nada fürchtet, dass die Opposition, all unsere Altersgenossen, die auf die Straße gegangen sind, ins Hintertreffen gerät. "Die ehemalige Regierungspartei NDP und die Muslimbrüder sind am besten organisiert. Du kannst dir vorstellen, wer dann das Parlament dominieren wird."
Ich muss an ein Bild von Nada denken, das ich vor ein paar Wochen auf einer deutschen Nachrichten-Website entdeckt habe. Es zeigt sie und ihre Freundinnen auf dem Tahrir-Platz, sie tragen Bänder im Haar, die Farben der ägyptischen Flagge. Sie waren die Kinder dieser Revolution, sie wollten alles umwerfen. Jetzt hat Nada Angst, dass alles umsonst war. "Ich bin schon froh, dass es hier anders gelaufen ist als in Libyen. Da herrscht Krieg. Auch deshalb bin ich optimistisch", sagt sie. "Ich meine: Ich muss ja optimistisch sein."
Christina Schmitt, 22, studiert in Freiburg Geschichte und Islamwissenschaft. Sie absolvierte einen Semester-Sprachkurs in Kairo und belegte Politikkurse an der Cairo University.
Von Christina Schmitt

UniSPIEGEL 2/2011
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