23.05.2011

Im Sog der Zombies

„AHHHH“, „RAWAFF, RAWAFF“ - nicht jeder Professor im Fach Illustration liebt Sprechblasen. Aber manche Studenten überzeugen einfach mit ihren Abschlussarbeiten: buchfüllenden Comics, darin verzauberte Welten. Der UniSPIEGEL stellt vier Talente vor, alle mit „sehr gut“ benotet.
Olivia Vieweg: "Endzeit"
"Für alle Überlebenden" lautet die Widmung in Olivia Viewegs Diplomarbeit. Aus der Zeile spricht die Erleichterung, die sie nach der Abgabe empfunden hat, ein Gefühl, das wohl die meisten Hochschulabsolventen kennen.
Doch der Satz hat noch eine weitere Bedeutung, denn Olivias Abschlussarbeit ist ein Comic, genauer ein Zombie-Comic mit dem Titel "Endzeit". 76 Seiten voller Untoter und Schockmomente, mit denen die 23-Jährige im Februar dieses Jahres ihr Diplom in Visueller Kommunikation an der Bauhaus-Universität in Weimar gemacht hat. Der Horrortrip mit Sprechblasen bekam die Note "sehr gut".
Er handelt von zwei jungen Frauen, Vivina und Eva, die mit dem Regionalzug von Weimar nach Jena fahren. Eine an sich unspektakuläre Reise von rund 25 Minuten - wenn da nicht dieser Unfall im nahen Max-Planck-Institut gewesen wäre. Seit dem biologischen Super-GAU sind nur noch die beiden Hochschulstädte selbst zombiefrei und mit elektrischem Stacheldraht geschützt, die Umgebung ist verseucht. Es kommt, wie es kommen muss: Der führerlose Zug hat eine Panne, und die beiden Frauen müssen sich zu Fuß durch die von Untoten wimmelnde thüringische Provinz schlagen.
Laut Hochschulkompass gibt es etwa 13 Studiengänge für Illustration in Deutschland - die wenigsten heißen auch so; rechnet man Grafikdesign oder Malerei dazu, gut 60. Jede Hochschule setzt eigene Schwerpunkte, nicht jeder Dozent ist ein Fan von Sprechblasen. Auch an der Weimarer Uni standen sie nicht auf dem Lehrplan, erzählt Olivia. Aber sie hatte Glück: "Mein Professor mochte meine Sachen schon immer. Deshalb war es kein Problem, den Comic als Abschlussarbeit anzumelden."
Der Plot von "Endzeit" folgt den genreüblichen Vorgaben: Ein aus dem Labor entfleuchtes Virus hat die Menschen in Zombies verwandelt. Ein paar nicht infizierte Menschen kämpfen gegen die Horden. Aber von alldem erfährt der Leser nur am Rande. Das Subtile ist neben den reduzierten Zeichnungen im Manga-Stil die große Stärke von "Endzeit".
Lebende Leichen verliehen einer Geschichte Tempo und Emotion, erklärt die Zeichnerin. "Zombies warten nicht lange darauf, bis die Protagonisten sich etwas überlegt haben. Man kann so menschliche Ängste in ungewöhnlichen Bildern verschlüsseln."
Im Gegensatz zu bekannten Zombie-Filmen wie "I am Legend" oder "28 Days later" verzichtet Olivia aber auf die eindrucksvolle Optik verlassener Metropolen. Sie setzt auf die heile Welt der thüringischen Auen und Niederungen, wo aber hinter jedem Baum anstelle eines harmlosen Wanderers ein Untoter lauern kann.
"Warum sollte ich New York oder Tokio als Schauplatz wählen?", fragt Olivia. In Thüringen ist sie aufgewachsen, in Jena und Weimar spielte sich ihr bisheriges Leben ab. Dabei ist sie in der deutschen Manga-Szene unter ihrem Pseudonym "VenusKaiô" schon durchaus eine bekannte Größe. Sie hat ein Kinderbuch im Eigenverlag herausgebracht, ihre ironischen Katzen-Ratgeber im Cartoon-Stil verkaufen sich gut - im Februar erschien der dritte Band "Warum Katzen keine Diäten machen" im Carlsen-Verlag. Für "Endzeit" sucht sie derzeit noch einen Verlag.
Der 30-jährige Philip Cassirer wäre beinahe auch dem düsteren Sog der Untoten verfallen. Im vergangenen Jahr machte er in Hamburg sein Diplom in Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) - mit einem Comic. Die erste Idee: ein Zombie-Massaker. Seine Abschlussarbeit beginnt mit dieser Szene, da sinniert der bleistiftkauende Zeichner am Schreibtisch über das blutige Thema seiner Abschlussarbeit.
Doch dann schwenkt er um, eine Sprechblase verrät, warum. "Das wäre natürlich alles andere als niveauvoll, und die Professoren würden's garantiert scheiße finden." Stattdessen zeichnete Philip einen Reisebericht. "Was kostet ein Yak?" ist ein bunter Roadtrip durch Indien, Nepal und Bangladesch.
Drei Monate reiste Philip dafür vor zwei Jahren durch den indischen Subkontinent. "Das war Arbeit und Urlaub zugleich", sagt der Designer. Der große Brocken wartete auf den Weltreisenden erst zu Hause. Ein knappes Jahr saß Philip an den teils opulent gestalteten 64 Doppelseiten, seinem ersten Comic in Buchlänge, für den sich, sagt er, mehrere Verlage interessieren.
Das Querformat eignet sich perfekt für Panoramaansichten , die Bergketten des Himalaya oder die chaotische Verkehrskreuzung in Varanasi. Philip Cassirers Zeichenstil ist eine gelungene Mischung aus Realismus und Karikatur. "Was kostet ein Yak?" gelingt als Reisereportage im Stil eines Tagebuchs, rasant erzählt.
Philip ist bekannt in der Hamburger Illustratorenszene. Für den Verlag Alligatorfarm zeichnete er Kurzgeschichten in den Comic-Reihen "Elbschock" oder "Perry - Unser Mann im All". Seine Karriere startete er als Graffiti-Sprayer, verfolgte sie aber nicht weiter, erzählt er, weil sein Geld nicht für die erforderliche Menge an Sprühdosen reichte.
Nach der Schule brach er eine Ausbildung zum Grafikdesigner nach zwei Jahren ab - "zu computerlastig" -, bevor er sich an der HAW bewarb, wo derzeit von 200 Bewerbern pro Jahr nur 30 genommen werden. Heute arbeitet er als freischaffender Illustrator, Designer und Tätowierer in Hamburg, wenn er nicht auf Reisen ist. Sein nächstes Ziel: Kenia.
Für Gunnar Lippoldt, 26, öffnete sich mit seiner Abschlussarbeit ein ganzes Universum. "Expedition Luna" heißt die Graphic Novel, mit der er sein Diplom 2010 an der Ruhrakademie in Schwerte mit Bestnote abgelegt hat. Das bildgewaltige Werk basiert auf einem Skript aus dem Jahr 1928 von Henny Walden, einer Freundin des legendären deutschen Stummfilm-Regisseurs Fritz Lang.
Ein Dozent machte Gunnar auf das Werk aufmerksam. Es passte perfekt zur Optik des sogenannten Steampunk, für den sich Gunnar bereits entschieden hatte. Dessen Anhänger verbinden Elemente des viktorianischen Zeitalters, der Gründerzeit und des Jugendstils mit modernen gesellschaftlichen Elementen und Science-Fiction.
Ihn fasziniere die Steampunk-Ästhetik, sagt Gunnar Lippoldt: Holz- und Messingverkleidungen, Zeppeline, viel Stahl und martialische Maschinen, die für die Ewigkeit gebaut scheinen. Die Bewohner seines Bilderzyklus leben auf riesigen, in der Luft schwebenden Inseln, den "Fragmentwelten". Ein Wissenschaftler macht sich mit seiner Crew und einem Luftschiff von dort auf den Weg zum Mond, um Silber zu finden. An Bord ist auch ein Schurke, der es auf das Metall abgesehen hat. Es kommt schließlich zum Showdown auf dem Erdtrabanten.
"Expedition Luna" hält sich eng an die Vorlage Waldens, nur den Prolog und die beiden Hauptfiguren, zwei Luftschiffpilotinnen, hat Gunnar in die Geschichte eingefügt. Der Zeichner hat seinem Werk eine erotische Note verpasst: Es gibt auffallend viele Frauen in aufreizenden Kleiderkreationen im Stil der damaligen Zeit. "In der Realität war die Mode dieser Epochen bieder und hochgeschlossen, der Steampunk ist da eher freizügig."
Schon sein Ausbilder bei der Bundeswehr wurde auf Gunnars Faible fürs Zeichnen aufmerksam und bot ihm einen Posten in der Topografiegruppe an. Doch statt Karten für die Truppe zu erstellen, bewarb er sich für das Fach Illustration in Schwerte. Die richtige Entscheidung, findet er heute. "Gezeichnet habe ich ja schon immer, gelernt habe ich es erst im Studium", sagt er.
"Expedition Luna", Gunnar Lippoldts erstes großes Werk, wartet mit fein ausgearbeiteten Details auf, alles in Sepia gehalten. Genau wie ein Stummfilm kommt die Graphic Novel fast ohne Text aus. Nur am Anfang jedes Aktes gibt es einen kleinen Absatz, der die folgenden Bilder einleitet. Der Kosmos seiner Fragmentwelten wird im Internet nach und nach erweitert, in Gunnars Blog "Aetherverse" gibt es bereits ein umfangreiches Glossar und neue Figuren.
Alexander von Knorre, 28, musste keine Kunstwelten für sein Diplom in Weimar erschaffen, er zeichnete nur die Zeit in seinem Leben, die ihn am meisten prägte: "Hinter den sieben Burgen - Ein deutscher Zivi im rumänischen Dorf". In Siebenbürgen absolvierte Alexander nach dem Abitur seinen Freiwilligendienst in einem Waisenhaus.
Das ist erst acht Jahre her, doch der Comic zeigt auf 75 Seiten einen Landstrich, den es so nicht mehr gibt. "Ich wollte das noch einmal im Bild festhalten, bevor das Land vollständig in die Europäische Union integriert ist", sagt Alexander. Das Werk ist voller Wehmut, auch wenn Alexander zugleich ungeschönt über die Zustände im Waisenhaus erzählt. "Es war alles chaotisch", sagt er, es mangelte an Hygiene, es fehlten Betreuer. Im Comic malt er Plumpsklos, die von knurrenden Kötern bewacht werden, ein Häuschen, in dem sich das einzige Telefon im Dorf befindet.
"Hinter den sieben Burgen" ist in viele kurze Episoden unterteilt. Die Anekdoten wecken den Eindruck kleiner Comic-Strips, wie sie in Zeitungen üblich sind. Es braucht eine Weile, bis der Betrachter merkt, dass es dem Zeichner auf den schnellen Witz gar nicht ankommt. Die erste Enttäuschung weicht schnell einer nachhaltigen Verbundenheit: Der Leser staunt mit dem Zivi über die pragmatische Anarchie des Dorfs, er fühlt mit, wenn der Deutsche per Brief von der Freundin verlassen wird, die eigentlich zu Hause auf ihn warten wollte.
Eigens für den Comic hat ein Kommilitone für Alexander eine passende Schriftart inklusive rumänischer Sonderzeichen entwickelt, sie heißt "Knorrehand" und sei, sagt Alexander, "ein bisschen ordentlich und ein bisschen krakelig".
In Rumänien hat Alexander seine jetzige Frau kennengelernt, die ebenfalls im Comic vorkommt. Manu, sie stammt auch aus Deutschland, absolvierte ihren Freiwilligendienst im siebenbürgischen Nachbardorf. Inzwischen haben die beiden eine gemeinsame Tochter.
Nach seinem Abschluss im vergangenen Jahr bebildert Alexander nun als freischaffender Illustrator Kinderbücher für verschiedene Verlage.
Auch seine drei Fachkollegen Olivia Vieweg, Philip Cassirer und Gunnar Lippoldt versuchen sich nach dem Studium als freie Zeichner. Die Aufträge sind eher dünn gesät, doch das hält sie nicht von ihrer Leidenschaft ab. Philip Cassirer will seinem Diplom einen Master anschließen. Gunnar Lippoldt hat sich für ein Studium der Visuellen Kommunikation an der Fachhochschule Aachen beworben. "Das Schöne an der Kunst ist: Man lernt nie aus."
Philip Cassirer: " Was kostet ein Yak? "
Im Sog der Zombies
Gunnar Lippoldt: "Expedition Luna"
Alexander von Knorre: " Hinter den sieben Burgen "
Von Werner, Christian

UniSPIEGEL 3/2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.